Öffentlicher Nahverkehr:Wenn man den Bus nur noch von hinten sieht

Öffentlicher Nahverkehr: Haltestelle sind keine Örtlichkeiten, an denen man sich gerne lange aufhält. Unangenehm ist es nicht nur, wenn Busse zu spät kommen, sondern auch wenn sie mehrere Minuten zu früh abfahren.

Haltestelle sind keine Örtlichkeiten, an denen man sich gerne lange aufhält. Unangenehm ist es nicht nur, wenn Busse zu spät kommen, sondern auch wenn sie mehrere Minuten zu früh abfahren.

(Foto: Johannes Simon)

Der Ärger über unpünktliche und überfüllte Züge sind ein Dauerbrenner, eine Pendlerin aus Rudelzhausen aber meint: Bei den Bussen ist es noch viel katastrophaler. Vor allem in den Ferien fahren sie gerne mal zu früh ab.

Von Petra Schnirch, Freising

Eigentlich sind die Sommerferien für Pendlerinnen und Pendler eher gute Zeiten, auch wenn sie selbst keinen Urlaub haben. Die Busse sind weniger voll, weil sich die Fahrgäste nicht gemeinsam mit den Schülern hineinpressen müssen. Auch in den Zügen geht es wesentlich ruhiger zu. Zumindest war das bisher so. In diesem Sommer aber häufen sich im Landkreis Freising Beschwerden über zu kurze Züge - und über Busse, die man nur noch von hinten sieht, obwohl man pünktlich an der Haltestelle war.

Evelyn Kellner aus Rudelzhausen kennt beides. In den vergangenen Wochen sei sie mehrmals über eine Stunde zu spät zur Arbeit gekommen, erzählt sie. Sie sei ohnehin eineinhalb Stunden bis München unterwegs - "wenn alles glatt läuft". Wenn dann der Bus "fährt, wann er will, freut man sich riesig", sagt sie sarkastisch. Denn dann wird der Arbeitsweg richtig lang.

Evelyn Kellner wohnt am Ortseingang von Rudelzhausen, direkt neben einer Bushaltestelle. Mit der Linie 602, die aus Mainburg kommt, fährt sie regelmäßig nach Freising und von dort weiter mit dem Zug. Vor allem an verregneten Tagen wolle sie nicht zu früh raus, erzählt sie. Dennoch gehe sie immer ein paar Minuten eher vor die Tür, weil sie "die Herrschaften" kenne. Nicht immer reicht das aus. Die Pendlerin schildert ein aktuelles Beispiel: "Leider sah ich um 6.10 Uhr den Bus nur noch von hinten. Abfahrt wäre um 6.13 Uhr. Der nächste Bus kommt in den Ferien um 7.20 Uhr." Endlich in Freising, komme man mitunter nicht mehr in den Zug rein, "weil der schlicht und einfach voll ist". Vier Mal habe sie in jüngster Zeit auf die nächste Verbindung warten müssen.

Die Situation bei den Bussen empfindet Evelyn Kellner allerdings "als viel katastrophaler", eben weil sie viel seltener fahren. Die Buslinie 602 bedienen mehrere Busunternehmen. Während eines schon mal anstandslos die Taxirechnung übernehme, wenn der Bus zu früh abgefahren ist, zeige sich ein anderes sehr unkooperativ, kritisiert Kellner. Auf eine Beschwerde habe sie die Antwort bekommen, Abweichungen von 120 Sekunden seien normal. Laut Kellner aber sind es oft deutlich mehr als diese zwei Minuten. Auch die Fahrplanauskunft zeige die tatsächliche Abfahrtszeit nicht korrekt an. Für eine Stellungnahme war das Busunternehmen am Montag nicht zu erreichen.

Die einen warten, andere schließen die Türen und fahren los

Auch am Nachmittag bei der Abfahrt in Freising verhielten sich die Busfahrer ganz unterschiedlich. Die einen warten, wenn der Zug aus München mit ein oder zwei Minuten Verspätung eintrifft, andere schließen die Türen und fahren los, selbst wenn die Fahrgäste bereits aus dem Bahnhofsgelände heraus hasten. Das sei "sehr kundenunfreundlich", findet Evelyn Kellner. Auf diese Weise bewege man die Leute nicht dazu, mehr mit Bus und Bahn und nicht mit dem Auto zu fahren.

Eben dies hatte vor kurzem auch Grünen-Landtagsabgeordneter Johannes Becher aus Moosburg moniert. Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) teilt unterdessen zu den Problemen mit zu kurzen Zügen mit, sie erwarte "vom Eisenbahnverkehrsunternehmen selbstverständlich, dass die bestellten Kapazitäten schnellstmöglich wieder zur Verfügung gestellt werden", man stehe "in engem Austausch mit DB Regio". Ob das schon direkt nach den Sommerferien der Fall sein wird, dazu äußert sich die BEG nicht.

Eine Großteil der Doppelstock-Garnituren steht derzeit nicht zur Verfügung

Laut DB Regio stehe ein Großteil der Doppelstock-Garnituren (Dosto) "aufgrund hohen Schadstands und verschiedener Störungen nicht zur Verfügung", so die BEG weiter. Der Ukraine-Krieg und die Folgen der Pandemie sowie des Fachkräftemangels, von dem die gesamte Bahnbranche betroffen sei, führten zu Verzögerungen bei der Abarbeitung in den Werkstätten. Als Ersatz würden zurzeit verfügbare Fahrzeuge anderer Bauarten eingesetzt. Die BEG habe die DB Regio bereits mehrmals aufgefordert, "die Probleme nachhaltig und mit Hochdruck zu lösen". Dazu zähle auch die Erschließung weiterer Materialquellen am Markt.

Dem Fachkräftemängel begegne die DB Regio seit Monaten mit umfangreichen Recruiting-Maßnahmen, teilt die BEG weiter mit. Außerdem versuche sie beispielsweise mit Sonderschichten oder der Verlängerung bestehender Schichten gegenzusteuern. Für kleinere Reparaturen kämen mobile Instandhaltungsteams zum Einsatz, damit die Fahrzeuge nach Möglichkeit gar nicht erst in die Werkstatt müssen.

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