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Scheidender Bürgermeister von Allershausen:Rupert Popp: "Was ich nicht mag, ist Scheinheiligkeit"

ALLERSHAUSEN - Bürgermeister Rupert Popp im neu gestalteten Ortszentrum

Für die Neugestaltung der Ortsmitte in Allershausen, einer grünen Oase an der Glonn, hat sich Bürgermeister Rupert Popp in den vergangenen Jahren mit viel Herzblut eingesetzt.

(Foto: Johannes Simon)

Trotz mancher Reibereien im Gemeinderat hat nach Ansicht von Rupert Popp die Zusammenarbeit gut funktioniert. Zu Sozialen Medien geht er auf Distanz. Im gemeindepolitischen Ruhestand will der Allershausener Bürgermeister wieder mehr Sport treiben. Das kam in seiner Amtszeit zu kurz.

Interview von Petra Schnirch, Allershausen

Seit 24 Jahren ist Rupert Popp (Parteifreie Wähler) Bürgermeister von Allershausen. In dieser Zeit hat die Gemeinde ihr Gesicht stark verändert. 1996 zählte sie etwa 5000 Einwohner, inzwischen sind es 6200. Damals hatte Allershausen elf Millionen Mark Schulden, seit Ende 2008 ist es schuldenfrei. Die SZ Freising sprach mit Popp, 64, dessen Amtszeit in wenigen Tagen zu Ende geht, über die Entwicklung der vergangenen Jahre, über Schwierigkeiten, die es zu überwinden galt und über seine weiteren Pläne.

SZ: Gefällt Ihnen die Gemeinde so, wie sie jetzt da steht?

Popp: Sehr.

Was macht Allershausen aus Ihrer Sicht besonders?

Die Gemeinde hat sich in den 24 Jahren, in denen ich jetzt Bürgermeister bin, doch sehr gewandelt. Vor allem in Kinderbetreuung und Schule haben wir sehr viel Geld investiert. Unsere beiden Kitas sind meines Erachtens vorbildhaft, die erste am Ampergrund wurde in der Anfangszeit von vielen anderen Gemeinderäten und Stadträten aus Rosenheim besichtigt, weil wir hier ein neues Konzept umgesetzt hatten: drei Einrichtungen unter einem Dach - Krippe, Hort und Kindergarten, das war damals neu. Mehrere Leute haben bei mir kund getan, dass sie ganz gezielt nach Allershausen gezogen sind, weil in der Hinsicht eine ganze Menge getan worden ist.

Was hätten Sie gern noch verwirklicht?

Den dritten Bauabschnitt der Ortsmitte. Ich weiß aber nicht, ob das überhaupt realisierbar ist, da türmen sich viele Schwierigkeiten auf. Ein großes Problem ist natürlich der Verkehr, der immer mehr zunimmt. In Zusammenhang mit der Coronakrise sieht man, wie schön es wäre, wenn der Verkehr dauerhaft reduziert werden könnte.

Was müsste passieren, damit sich die Situation verbessert?

Eine Ortsumfahrung wäre schon wünschenswert, in welcher Form auch immer. Die Voruntersuchungen müssen zeigen, was Sinn macht. Gerade der Verkehr aus dem Norden, aus dem Ampertal, hat in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen. Ich bin an dem Thema als Bürgermeister seit 1996 dran. Ganz wohl war mir allerdings nie. Die Südumfahrung, die bisher in Rede stand, wäre ein großer Einschnitt in die Natur. Auch bei einer Nordumfahrung stellt sich die Frage: Wo sollte die Trasse verlaufen?

Hat die Zusammenarbeit im Gemeinderat gut funktioniert?

Es hat immer wieder Reibereien und zum Teil auch heftige Auseinandersetzungen gegeben. Das hat sich aber meistens auf die Zeit kurz nach der Wahl beschränkt, danach war die Zusammenarbeit fraktionsübergreifend immer ziemlich gut. Erst in der letzten Periode hat sich ein Vertrauensverlust eingeschlichen. Da war zum Beispiel die Geschichte um die neue Ortsmitte, als sich der Bund der Steuerzahler mächtig echauffiert hat. Nach einem sechs- bis siebenseitigen Antwortschreiben habe ich allerdings nichts mehr von ihm gehört. Es muss einen Insider, einen Informanten aus dem Gemeinderat gegeben haben, weil die Vizepräsidentin zwei, drei Sachen wusste, die nicht öffentlich behandelt worden waren.

Haben sich das Miteinander in der Gemeinde, der Umgangston generell verändert?

Ich kann mich nicht beschweren, ich bin nie massiv attackiert worden. Vielleicht liegt das auch daran, dass ich früher sehr intensiv Karate trainiert habe (lacht). Ich weiß aber von einigen Kollegen, die erhebliche Probleme hatten. Mit den meisten Leuten kann man reden, mit konstruktiver Kritik kann ich gut umgehen. Was ich nicht mag, ist Scheinheiligkeit, dieses Hinten-rum. Auf Facebook oder Twitter bin ich nicht vertreten - ich bin ja nicht der Trump. Gott sei Dank.

Trotzdem haben Sie mal gesagt, dass Sie erleichtert sind, wenn die Amtszeit vorbei ist.

Ich bin jetzt 24 Jahre lang auf Gemeindeebene an vorderster Front, mit allen damit verbundenen Problemen. Es ist weitestgehend so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe und es hat auch meistens Spaß gemacht. Aber man schleift sich ab. Es schadet nicht, dass ein frischer Wind, dass neuer Pep reinkommt. Martin Vaas ist aus meiner Sicht ein geeigneter Nachfolger. Das Nervenkostüm ist auch nicht mehr so stark wie früher. Manchmal regen einen Kleinigkeiten maßlos auf.

Liegt das eher am Alter oder an der langen Amtszeit?

Eigentlich sollte man im Alter ja ruhiger werden. Ich glaube schon, dass es am Amt liegt. Auch der Bürgermeister einer kleineren Gemeinde wie Allershausen hat sehr viel Verantwortung und sehr viele Pflichten und Verpflichtungen. Die Familie muss viele Einschränkungen hinnehmen. Man hat ein Korsett, aus dem man schwer ausbrechen kann.

Was war aus Ihrer Sicht die schwierigste Phase?

Ganz am Anfang hatte ich ein Problem mit dem Erhalt der Firma Lekkerland, das stand Spitz auf Knopf, dann ging es um den Erhalt der Firma Yaskawa. Nach Insiderinformationen hatten sich über 20 Kommunen bemüht, die Firma an Land zu ziehen. Und zuletzt das neue Baugebiet Eggenberger Feld-Süd, das war wirklich nervenaufreibend. Immer wenn ich gedacht habe, jetzt ist es soweit, kam von irgendwoher ein Knüppel geflogen. Ein Beispiel: Wir hatten die Notartermine vereinbart, drei Eigentümer hatten mich schlicht und einfach beim Notar sitzen lassen. Dann kam die Geschichte mit der Nahwärme, das sollte ein Leuchtturmprojekt für ganz Deutschland werden. Ich war am Anfang Feuer und Flamme, aber aufgrund verschiedener Schwierigkeiten haben wir die Sache dann abgeblasen. Außer Spesen nichts gewesen.

Sie übergeben das Amt in einer sehr schwierigen Zeit. Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf die Gemeinde haben?

Wir wollen erst einmal keine Haushaltssperre erlassen, in unserem Haushalt haben wir verschiedene Puffer eingebaut. Vermutlich werden auch bei uns die Gewerbesteuereinnahmen sehr deutlich zurückgehen. Bisher haben wir aber nur von kleineren Firmen oder Gastwirtschaften Anträge auf Stundung vorliegen. Der künftige Bürgermeister und der Gemeinderat werden sich Gedanken machen müssen, ob sie zum Beispiel die Aussegnungshalle heuer noch in Angriff nehmen - ich denke, eher nicht. Ich bin immer derjenige gewesen, der bei den Haushaltsvorberatungen gewarnt hat, vorsichtig zu sein. Jetzt mache ich es umgedreht und sage: Wir lassen das jetzt auf uns zukommen. Ich versuche, etwas Optimismus zu verbreiten: In dem Augenblick, wo die Einschränkungen gelockert werden, wird sich die Situation für einen Teil der Wirtschaften und Läden zum Positiven verändern. Die Leute wollen mal wieder raus, einkaufen, zum Essen gehen.

Welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Ganz einfach. Wenn er etwas als richtig erkannt hat, soll er versuchen, das durchzuziehen.

Sie sind nur noch wenige Tage im Amt. Was ist das für ein Gefühl?

Vermutlich hängt es auch mit der Coronakrise zusammen: Es ist nicht diese Vorfreude da, die ich mir eigentlich erwartet hätte. Ich wollte meine Amtszeit ganz normal zu Ende bringen, mit den entsprechenden Gemeinderatssitzungen und einer Bürgerversammlung. Das konnte ich nicht. Ich hätte gern eine saubere Übergabe an meinen Nachfolger gemacht. Das geht ebenfalls nicht in dem Ausmaß, wie es eigentlich geplant war.

Was haben Sie sich vorgenommen für die Zeit danach?

So richtig zur Ruhe kommen. Ich möchte wieder wesentlich mehr Sport machen, weil ich gemerkt habe, dass ich eingerostet bin. Ich will raus, ich will Radl fahren - und zwar wenn ich Lust dazu habe. Ich möchte auch mehr Zeit haben, Bücher zu lesen. Und ich habe natürlich vier Enkelkinder. Ich freue mich darauf, mit meiner Frau etwas zu unternehmen, Essen zu gehen, wenn das wieder möglich ist.

Glauben Sie, dass Sie die Kommunalpolitik vermissen werden?

Ich glaube, eher nicht. Ich habe vor, dass ich mich in die Gemeindepolitik in keinster Weise einmische. Außerdem bin ich ja nicht ganz raus, ich bin wieder in den Kreistag gewählt worden und werde vermutlich wieder im Schulausschuss tätig sein.

Eine offizielle Abschiedsfeier muss wegen der Corona-Krise aber erst einmal ausfallen.

Auf eine offizielle Verabschiedung mit schönen Reden lege ich gar keinen Wert. Ich habe meinen Job gemacht, ich bin dafür nicht schlecht bezahlt worden, das reicht. Nur mit den Mitarbeitern im Rathaus wird es zu gegebener Zeit eine kleine Feier geben.

© SZ vom 27.04.2020/nta
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