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Finanzen:So profitiert München von EU-Fördermitteln

Der Vulkanologe Donald Dingwell will mit Geld aus Brüssel die Vorhersage von Ausbrüchen verbessern.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Soziale Organisationen bekommen ebenso Unterstützung wie die Stadtverwaltung, Forscher oder Münchner Unternehmen. Eine Auswahl der von Brüssel geförderten Projekte.

Mehr als 94 Prozent des EU-Haushalts kommen den Bürgerinnen und Bürgern, Regionen, Kommunen, Landwirten und Unternehmen in der EU zugute", heißt es auf der Internetseite der Europäischen Kommission. Das ist viel Geld, wenn man bedenkt, dass der mehrjährige Finanzrahmen der EU für den Zeitraum 2014 bis 2020 einen Umfang von 960 Milliarden Euro hat. Die größten Posten der EU-Ausgaben sind dabei die Landwirtschaft und die Regionalentwicklung in den 28 Mitgliedsstaaten. Daneben werden Forschung, soziale Projekte, Unternehmensgründungen, die Kreativwirtschaft, Bildungsinitiativen und vieles mehr gefördert - auch in München. Die SZ stellt sieben Projekte vor, die die EU in der Landeshauptstadt unterstützt.

Berufschancen für Frauen

Seit Ende der Neunzigerjahre werden zum Beispiel die Berufsberatungsprojekte der Frauenakademie München von der EU gefördert. Mit dem Geld werden Frauen etwa bei dem Programm "Move!" bei ihrer beruflichen Planung unterstützt, angefangen vom Berufseinstieg nach dem Studium, Elternzeit oder Krankheit, über Fragen des Job- und Branchenwechsels bis hin zur strategischen Karriereplanung. Der Schwerpunkt des Angebots ist das Mentoring. Mentorinnen in verantwortungsvollen beruflichen Positionen geben ehrenamtlich ihr umfangreiches Wissen und ihre langjährige Berufserfahrung an die ratsuchenden Frauen weiter.

Bei einer Einführungsveranstaltung in der Gruppe formuliert jede Frau ihre Ziele für die Beratung. Daran anknüpfend wird ein Paket aus einem Expertinnengespräch, Mentorinnenbegleitung und verschiedenen Workshops zusammengestellt. "Dabei geht es beispielsweise um die Themen Bewerbung, Selbstmarketing, Mobbing, Verhandlungstaktiken oder Networking", erklärt die Geschäftsführerin der Frauenakademie, Birgit Erbe. Das Geld für "Move!" stammt aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF). Für den Zeitraum 2018 bis 2021 wurden 341 336 Euro bereitgestellt.

Schwierige Ausbildung

155 954 Euro Förderung hat der Verein "Spectrum Arbeit Beruf Soziales" für das Jahr 2020 aus dem ESF genehmigt bekommen. Das Geld ist für seinen Garten- und Landschaftsbaubetrieb Ökomobil gedacht. "Junge Menschen zwischen 15 und 27 Jahren mit multiplen Hemmnissen können bei Ökomobil eine Ausbildung zum Gärtner oder Werker machen", erklärt Petra-Maria Klier, die im Vorstand des Vereins arbeitet: "Das sind Jugendliche mit massiven Problemen in der Schule oder dem Elternhaus, die allein die Ausbildung nicht schaffen würden, oder bei denen die Gefahr der Sucht oder Obdachlosigkeit besteht." Die Auszubildenden werden von Sozialpädagogen und besonders geschulten Ausbildern begleitet. "Damit sollen neben den beruflichen Fähigkeiten auch weichere Kompetenzen wie Pünktlichkeit, das Tragen von Sicherheitsschuhen oder das Beachten von Regeln unterstützt werden", sagt Klier. Neben den derzeit 18 Auszubildenden beschäftigt Ökomobil auch "normale" Meister, Gesellen und Werker. Außer der EU-Förderung erhält Ökomobil einen Zuschuss des städtischen Jugendamtes und finanziert den Rest der Betriebskosten selbst durch Aufträge.

Auszubildende des Garten- und Landschaftsbetriebs Ökomobil. Die verladen um diese Uhrzeit ihre Nutzfahrzeuge. Aidenbachstr. 36

Der Gartenbetrieb Ökomobil bildet Jugendliche mit Problemen in Schule oder Elternhaus aus.

(Foto: Florian Peljak)

Büro fürs Image

Die EU fördert nicht nur Vereine, Initiativen und Unternehmen, sondern investiert in München auch in ihr eigenes Image. So gibt es in der Stadtbibliothek am Gasteig das Europe Direct Informationszentrum München (EDIC). Das Zentrum ist eine Art erste Kontaktstelle zwischen Bürgern und EU auf lokaler Ebene. Neben allgemeinen Informationen zur EU und ihren Institutionen gibt es dort Beratungen zu Auslandsaufenthalten und Freiwilligendiensten in Europa sowie zu Verbraucherfragen. Für Grundschüler bietet das EDIC Europarallyes, für ältere Schüler EU-Planspiele an. Außerdem werden bei Veranstaltungen und Workshops im Informationszentrum aktuelle EU-Themen besprochen. So wird etwa gemeinsam mit Europaabgeordneten beim "Stammtisch Europa" über Ideen, Fragen und Anregungen der Bürger für die Zeit nach der Europawahl diskutiert. Die EU-Kommission investiert jedes Jahr 40 000 Euro in das Münchner EDIC, den Großteil der Kosten trägt aber die Stadt München.

Smartere Städte

Satte 6,85 Millionen Euro erhielt die Stadt München im Jahr 2016 von der EU, um eine innovative Stadtentwicklung zu fördern. Zusammen mit Lyon und Wien will sie im Projekt "Smarter Together" erproben, wie mit digitaler Technik die Lebensqualität in der Großstadt ressourcenschonend gesteigert werden kann. Investiert wurde das Geld in den vergangenen Jahren in den Stadtteil Neuaubing-Westkreuz und das Neubaugebiet Freiham. Hier wurden am Stadtrand beispielsweise Wohnanlagen energetisch saniert, Carsharing-Angebote aufgebaut oder intelligente Lichtmasten getestet, die etwa Informationen zu Schadstoffen in ihrer Umgebung sammeln. Geplant ist, den Energieverbrauch und den CO₂-Ausstoß in den Wohngebieten um 50 Prozent zu senken, über dezentrale, erneuerbare Energiequellen Wärme und Strom in die Projektgebiete einzuspeisen und mit neuen Mobilitätslösungen mehr als 95 Tonnen Kohlendioxid einzusparen. Seit Februar 2019 werden die Ergebnisse ausgewertet. Von den Erkenntnissen sollen auch andere europäische Städte profitieren.

Die Stadt stellt intelligente Lichtmasten auf.

(Foto: Robert Haas)

Beratung für Firmen

Temedica ist ein Münchner Startup, das digitale Angebote für den Gesundheitsmarkt entwickelt. Dazu gehören unter anderem die Onlineplattform Mineo, auf der Ärzte und Therapeuten individuell zugeschnittene Therapiepläne für ihre Patienten einstellen können, oder die Beckenbodentrainings-App Pelvina. "Das ist ein Präventionskurs für Frauen zwischen 20 und 60 Jahren, der viele Übungen beinhaltet, aber auch Wissen über den Beckenboden vermittelt", sagt Gloria Seibert, Gründerin von Temedica.

Doch was hat die EU mit Beckenbodentraining zu tun? Sie finanziert zusammen mit dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle das Programm "Förderung unternehmerischen Know-hows", das jungen Unternehmen mit bis zu 2000 Euro für Beratungen unterstützt. Temedica hat sich zur CE-Kennzeichnung von Medizinprodukten und zur Datenschutzgrundverordnung beraten lassen. Doch Seibert erinnert sich, dass alleine der Antrag und die korrekte Dokumentation der Beratung so viel Zeit in Anspruch genommen habe, dass sich die Förderung kaum gelohnt habe. "Ich empfehle meinen Bekannten diese Form de Unternehmensberatung nicht", sagt die Münchnerin.

Neue Spielfiguren

In die Welt von Illuminaten, Templern und Freimaurern kann in ein paar Jahren derjenige eintauchen, der das Augmented-Reality-Adventure "Oculus Providenciae" spielen wird. Als Agent einer Geheimgesellschaft streiten die Spieler mit den rivalisierenden Geheimbünden um Macht und kämpfen gegen eine unbekannte Bedrohung. Das Spiel wird derzeit vom Münchner Unternehmen Reality Twist entwickelt. Für die Prototypenentwicklung hat die Firma vergangenen Herbst 150 000 Euro aus dem "Creative Europe Media-Programm" der EU erhalten hat. "Das Gute an der Förderung ist, dass es sich um einen Zuschuss handelt", freut sich Thomas Wagner, Geschäftsführer von Reality Twist. Anders als beispielsweise bei der Gamesförderung des FilmFernsehFonds Bayern müsse sein Unternehmen das Geld also nicht zurückzahlen, sondern der EU nur die projektgebundenen Kosten nachweisen.

Vor dem Ausbruch

"Bei uns kann es täglich hochgehen", sagt Donald Dingwell in seinem kanadischem Akzent lachend. Er ist Professor für Experimentelle Vulkanologie an der LMU und bringt im Keller seines Institutes Laborvulkane zum Ausbruch. Die sehen aber nicht aus wie Miniaturausgaben von Ätna oder Vesuv, sondern bestehen aus zwei übereinanderstehenden Stahlkesseln. "Im unteren erhitzen wir Magmen und bringen mit Gas Druck in den Kessel", erklärt der Vulkanologe. Werde der zu hoch, durchhämmere das zähflüssige Magma eine Stahlscheibe zwischen den Kesseln und schieße in den oberen Behälter, die Atmosphäre.

Mit seiner Forschung will Donald Dingwell dazu beitragen, dass Vulkanausbrüche künftig besser vorhergesagt werden können. Er sagt: "Mit normalen Messgeräten können wir nur beobachten, was über der Erdoberfläche passiert." In den Experimenten hingegen könnten die Gesteinszusammensetzung, sowie die Parameter Zeit, Druck und Temperatur variiert und kontrolliert werden. Für sein neues Forschungsprojekt Eavesdrop hat Dingwell 3,4 Millionen Euro vom Europäischen Forschungsrat ERC erhalten. Damit will er in den nächsten fünf Jahren gemeinsam mit Experten seismische, elektrische und geochemische Signale vor und bei Vulkanausbrüchen untersuchen.

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