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Syrer in München:Der illegale Weg war die einzige Möglichkeit

Im Jahr 2012 verließ Adnan Ghnema mit seiner Familie Aleppo, wo Bomben ihr Haus zerstört hatten. Vor dem Krieg hatten sie dort ein Stickereiunternehmen, es ging ihnen gut, die Kinder sollten einmal eine gute Ausbildung erhalten, wie die Ghnemas erzählen. Mehr als drei Jahre lang waren sie auf der Flucht, sie lebten in einem Dorf an der Grenze zur Türkei. Doch als es dort gefährlicher wurde und immer öfter Bomben fielen, beschloss Adnan, sich nach Europa aufzumachen, gemeinsam mit einem anderen Bruder und einem Neffen. Der illegale Weg war die einzige Möglichkeit, einen Monat waren sie unterwegs.

Adnan hatte zuvor gehört von gefährlichen Überfahrten auf Schlauchbooten, von Kindern, die ertrinken, von Frauen, die vergewaltigt werden. Er wollte seine Familie nachholen, auf sicherem Wege. Für seine Frau aber ist es zu spät, nun bangt er um seine Kinder. Täglich hört er, dass Bomben in der Region abgeworfen werden. "Wenn meine Kinder Flugzeuge hören, fangen sie an zu zittern", erzählt er. Die beiden wohnen seit dem Tod ihrer Mutter bei den Großeltern und der Tante. Deren siebenjährige Tochter wurde auch bei dem Angriff getötet, sie selbst schwer verletzt. Ihre Beine wurden unter einer Wand eingeklemmt.

Adnan zeigt Bilder auf dem Handy: Die Beine sind notdürftig verbunden. Es gebe dort keine Ärzte, keinen Strom, kein Wasser, kein Telefonnetz, erzählt er. Einer im Dorf habe ein Gerät, mit dem er manchmal über Satellit ins Internet komme. Zweimal konnte Adnan so mit seinen Kindern sprechen, wie er erzählt. Sie haben geweint, sie wollen zu ihrem Vater.

Adnan und Mohamed wollen auch ihre Eltern und die Schwester in Sicherheit bringen. Doch das ist noch schwieriger. Wer es bis nach Deutschland geschafft hat, darf nur seine minderjährigen Kinder oder Ehepartner holen. Es sei denn, er fällt unter die Härtefallregelung oder das Innenministerium erlaubt eine Aufnahme. Deswegen haben sie einen Münchner Rechtsanwalt eingeschaltet. Er versucht, einen Härtefallantrag zu stellen. Doch die Erfolgsaussichten dafür seien leider sehr gering, sagt Anwalt Felix Briesenick. Dabei sei es die einzige legale Möglichkeit.

"Wenn wir in einem anderen Bundesland leben würden, dann würde meine Schwägerin noch leben", sagt Mohamed Ghnema. Es ist ein Gedanke, der ihn zusätzlich quält. Er wollte die Familie schon vor eineinhalb Jahren holen, auf legalem und sicheren Wege. Deswegen hatte er einen Antrag gestellt, am 19. Februar 2014, für ein Aufnahme-Programm der Bundesregierung. Doch weil so viele Anträge eingingen, wurden nur noch die bearbeitet, die bis Mitte Februar vorlagen. Die Ghnemas waren ein paar Tage zu spät dran. Alle Bundesländer haben daraufhin eigene Programme bewilligt, um Syrer aufzunehmen - mit Ausnahme von Bayern.

Innenminister Herrmann antwortete Mohamed Ghnema im Februar 2015. In dem Brief schreibt er, wie viel Geld Deutschland bereits für Projekte in Syrien bereitgestellt habe. Zudem habe Bayern bald mehr als 3000 Flüchtlingen aus Syrien über das Bundesprogramm Schutz gewährt. Für die Ghnemas ist das kein Trost.

© SZ vom 09.10.2015/infu

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