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Balkanroute:Wer die Schlange verlässt, verliert seinen Platz

Helfer auf der Balkanroute

Wer auf die Toilette möchte, muss die Polizisten fragen. Denn wer die Schlange verlässt, verliert seinen Platz.

(Foto: Elisa Britzelmeier)

In der Nacht hat Schaufler gesehen, wie Mütter ihre Babys im Freien gewickelt haben. Ein Aufnahmeraum für Kleinkinder ist gerade im Aufbau, der Münchner muss den Familien dann sagen, dass die Väter draußen bleiben müssen. Dafür erntet er resignierte Blicke. In dieser Nacht ist Schaufler dreimal hin- und hergelaufen, um geeignete Kleidung zu finden für ein frierendes Kind. Am Ende gab es eine Jacke, die einigermaßen passte. Und er hat gehört, wie ein aufgebrachter Syrer sagte: Wenn er gewusst hätte, was hier mit ihnen passieren würde - er hätte Syrien nie verlassen.

Es gibt kein warmes Essen vor der Registrierung, das dürfen die Freiwilligen nicht verteilen, nur Tee, den sie selbst kochen auf großen Campingkochern. "Dabei haben die meisten Flüchtlinge seit fünf oder sechs Tagen nichts richtiges gegessen", sagt eine Medizinerin von Ärzte ohne Grenzen. Aus hygienischen Gründen ist nur Verpacktes und mit Schale erlaubt. Also gibt es hart gekochte Eier und Bananen - aber selten genug für alle. Nur für die Kinder? Nur für die komplett Unterkühlten? Solche Entscheidungen muss Schaufler treffen. Ist er damit überfordert? "Wir kriegen das schon hin."

Wer die Schlange verlässt, verliert seinen Platz, das müssen die Freiwilligen immer wieder erklären. Eine junge Frau wendet sich an die Helfer in den gelben Westen, sie muss auf die Toilette. Die verdreckten Dixie-Klos liegen hinter ihr, sie will sichergehen, dass sie wieder in die Schlange zurückdarf. Der Polizist nickt dem Helfer zu, sie darf.

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"Es ist hart, aber ich schaffe das"

Um eine Entscheidung zu bereuen, bleibt keine Zeit

Wer eine gelbe Weste trägt, wird angelächelt, bekommt ein "Thank you" entgegengerufen, auch wenn er nur vorbeiläuft. Wer eine gelbe Weste trägt, wird aber auch gefragt, wo es einen Arzt gibt, und muss entscheiden, wie schnell es jetzt gehen muss. Eine Frau mit Kopftuch wickelt einen Verband von den Händen, zeigt Brandverletzungen. Als sie erfährt, dass das Team von Ärzte ohne Grenzen und Humedica am Ende der Schlange ist, wickelt sie den Verband wieder auf und stapft weiter. "Ich hasse das", sagt ein spanischer Helfer, "aber es geht nicht anders." Eigentlich ist die Entscheidung willkürlich, sagen sie, wenn sie unter sich sind. Jeder verlässt sich auf sein Gefühl. Um eine Entscheidung zu bereuen, bleibt keine Zeit.

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Nachmittags um fünf, wenn sich die Freiwilligen zur Lagebesprechung treffen, geht es um solche Situationen und wie man am besten damit umgeht. Dreißig internationale Volunteers lässt die Polizei momentan zu. Sie arbeiten mit UNHCR und dem Ärzteteam zusammen, aber organisieren sich selbst, ohne große Hilfsorganisation im Rücken und mit privaten Spendengeldern. Sie verteilen die Schichten, tauschen Informationen mit Helfern in Mazedonien und Griechenland aus, um einzuschätzen, wie viele Menschen ankommen werden. Da wird diskutiert, gelacht, improvisiert.

"Bei uns gab es einfach immer Flüchtlinge"

Immer wieder ist die Zusammenarbeit mit den Polizisten Thema. Sie werden aus ganz Serbien hierher geschickt, in einen der ärmsten Teile des Landes. Die Bevölkerung ist überwiegend muslimisch, spricht albanisch und fühlt sich vom Staat allein gelassen. "Für die Serben gehören wir eher zum Kosovo", sagt Diellza Duraku, 25, die in Preševo aufgewachsen ist und nun in ihrer Freizeit am Infopoint den Menschen den Weg zur Registrierung erklärt. Im Mai hat sie noch Flüchtlinge bei sich daheim schlafen lassen, duschen, essen, ausruhen.

Sie kennt das schon. "Bei uns gab es einfach immer Flüchtlinge", sagt Duraku. Aus dem Kosovo, aus Mazedonien. Sie kann sich noch an den Krieg zuhause erinnern. Wenn sie von ihrer Kindheit und den Polizisten auf den Pferden erzählt, bekommt sie feuchte Augen.

Sie reden, schimpfen, weinen

Jonathan Schaufler hat sich kurz ausgeruht, für die nächste Nachtschicht. Es sei schwierig, ja, aber er hat das Gefühl, etwas zu bewirken. Trotz aller Widrigkeiten hätten sie es geschafft, die Leute einigermaßen gut zu versorgen. "Immer wieder hört man, dass Europa an den vielen Flüchtlingen zusammenbricht", sagt er. "Was hier passiert, zeigt: Das stimmt nicht. Es ist das Gegenteil. Wir alle wachsen ein bisschen zusammen."

Er sitzt vor dem Haus, in dem die Helfer untergebracht sind. Man sieht die Wartenden von hier aus, und wer nachts schläft, hört sie vom Bett aus. Sie reden, schimpfen, weinen. Es sind nur wenige Meter bis zur Straße. Einer Straße, die hier alles bestimmt, aber für die Flüchtlinge nur ein kleines Stück auf einem langen Weg ist. Noch ist es warm. Aber gleich geht die Sonne unter.

Helfer auf der Balkanroute

Die Straße, die hier alles bestimmt, aber für die Flüchtlinge nur ein kleines Stück auf einem langen Weg ist.

(Foto: Elisa Britzelmeier)