bedeckt München 28°

Film:Wachmann oder Bombenleger

Clint Eastwood spaltet mit "Der Fall Richard Jewell", der von dem Attentat während der Olympischen Spiele 1996 in Atlanta erzählt.

Von Josef Grübl

Die Menschen im Publikum sind bester Laune, sie jubeln dem Mann auf der Bühne zu und skandieren: "U-S-A, U-S-A, U-S-A!" Diese Szene spielt nicht im Wahlkampf, sondern im Jahr 1996; vorn im Rampenlicht steht auch kein Politiker, sondern Kenny Rogers. Der Countrysänger singt seinen Hit "The Gambler", seine Fans singen mit: "You've got to know when to walk away / And know when to run". Eigentlich sollten sie also alle wissen, wann man gehen oder gar rennen sollte, doch das machen die Menschen im Centennial Park in Atlanta nicht. Sie sind aber in größter Gefahr: Unter einer Sitzbank ist eine Bombe versteckt, sie wird gleich hochgehen und zwei Menschen töten und 111 weitere verletzen. Das ist tragisch, hätte aber noch viel tragischer enden können: Denn der Sprengsatz wurde in letzter Sekunde von einem Sicherheitsmann entdeckt, der immerhin noch eine Teilevakuierung des Geländes einleiten konnte. Richard Jewell, so der Name dieses Manns, könnte also ein amerikanischer Held sein, einer, der im Fernsehen auftritt und Verträge mit Buchverlagen abschließt.

Der Fall Richard Jewell verlief aber anders, Clint Eastwood erzählt in seinem neuen Film davon. Der Sicherheitsmann passe genau in das Profil des Bombenlegers, behauptet eine Reporterin: "Ein frustrierter weißer Mann, der Möchtegernpolizist ist und danach strebt, den Helden zu spielen." Diese Nachricht schlägt mindestens genauso ein wie die ihr zuvorgekommene Bombe, für Richard Jewell beginnt die schrecklichste Zeit seines Lebens. Regisseur Clint Eastwood, der vor ein paar Wochen seinen 90. Geburtstag feierte, erzählt diese Leidensgeschichte mit der ihm eigenen Souveränität, mit Stars wie Sam Rockwell, Kathy Bates und Jon Hamm, in der Hauptrolle überzeugt Paul Walter Hauser (I, Tonya). Er wollte dem echten, 2007 verstorbenen Richard Jewell seine Ehre zurückgeben, sagt der Regisseur. Leider beschmutzt er aber gleichzeitig das Ansehen der 2001 verstorbenen Reporterin Kathy Scruggs: Er unterstellt ihr, sie hätte ihre Informationen gegen sexuelle Gefälligkeiten erhalten. Das entspricht aber nicht ganz den wahren Begebenheiten, deswegen gab es nach dem US-Kinostart auch laute Proteste. Das verleiht diesem an sich gelungenen Film einen schalen Beigeschmack.

Richard Jewell, USA 2019 - Regie: Clint Eastwood. Buch: Billy Ray. Kamera: Yves Bélanger. Mit: Paul Walter Hauser, Olivia Wilde. Warner, 131 Minuten.

© SZ vom 25.06.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite