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Film:Nicht nur der Himmel war blau

Ein München-Buch der besonderen Art schrieb einst Walter Rufer - ein Dokumentarfilm erinnert an ihn

Von Jürgen Moises

Das Leben der Bohème kann tragisch und zugleich sehr komisch sein. Das hat Aki Kaurismäki in seinem gleichnamigen Film gezeigt. Auch in dem Buch "Der Himmel ist blau. Ich auch" von Walter Rufer lernt man den Alltag der Bohème als einen tragikomischen kennen, nur dass der Schweizer darin nicht den in Paris, sondern den in Schwabing schildert. Der 1931 in Zürich geborene Rufer war Ende der Fünfziger durch eine Rolle an den Kammerspielen hier gelandet. Dummerweise nannte er dann den damaligen Schauspieldirektor August Everding ein "Arschloch", und mit der Karriere als Schauspieler war es vorbei. Rufers Bühne waren von da an die Schwabinger Kneipen, wo er unter anderen mit Otto Sander soff. Daneben schrieb Rufer Lyrik und Theaterstücke und ging schließlich 1965 völlig abgerissen zurück nach Zürich.

Eine Geschichte, wie sie tatsächlich auch Kaurismäki hätte verfilmen können. Stattdessen wird sie nun in Ueli Meiers Dokumentarfilm "Ich habe in Moll geträumt" nacherzählt, der derzeit als München-Premiere auf dem Dok.Fest läuft. Der Film ist eine Spurensuche. Denn Walter Rufer ist mit gerade mal 44 Jahren an einer Leberzirrhose verstorben und kann deshalb nicht mehr Rede und Antwort stehen. Aber seine "Schwabinger Tagebücher" gibt es noch, wie das erstmals 1963 in München veröffentlichte Buch "Der Himmel ist blau. Ich auch" im Untertitel heißt. Weil an seinen Gedichten und Theaterstücken niemand interessiert war, sind sie Rufers literarisches Vermächtnis. Und gäbe es nicht die Münchner Musiker Jörg Wizigmann und Andreas Stäbler alias die Dos Hermanos, dann wären auch sie lange vergessen.

Dok-Fest Film Ich hab in Moll geträumt

Leiden der Bohème: Der Schauspieler Walter Rufer beleidigte August Everding, soff mit Otto Sander und veröffentlichte 1963 „Schwabinger Tagebücher“.

(Foto: Dok-Fest München)

Denn die Dos Hermanos haben "Der Himmel ist blau. Ich auch" vor gut 15 Jahren in einer Kiste mit antiquarischen Büchern entdeckt. Sie haben das Buch gelesen, waren von dem lakonischen, an Kästner und Ringelnatz erinnernden Sprachwitz begeistert und bauten Zitate daraus in ihre Konzerte ein. Das heißt, Sätze wie "Mit letztem Geld Schweinshaxe genossen, auf dem Weg durch Schwabings Gassen mich entschlossen, Bart wachsen zu lassen." Oder "War heute fleißig wie eine Biene, ich reinigte die Schreibmaschine. Damit sich die Reinigung auch lohnt, ausschließlich die Schreibmaschine geschont." 2007 konnten sie dann sogar den Blumenbar-Verlag für eine Wiederveröffentlichung des Buches gewinnen. Mit der Folge, dass neben den Münchner Tageszeitungen unter anderem auch die NZZ über Walter Rufers Wiederentdeckung schrieb.

Auch davon erzählt der Film des Schweizers Ueli Meier. Er lässt die Dos Hermanos, Journalisten aus München und der Schweiz zu Wort kommen, einen früheren Saufkumpan aus Schwabing und sehr ausführlich auch Rufers Familie. Dass nun erstmals auch die Witwe und seine Kinder über Rufer sprechen, das eröffnet im Vergleich zu den Artikeln noch einmal eine andere, sehr persönliche Sicht. Alles in allem wird dadurch das tragische Schicksal eines Mannes sichtbar, der in München nicht nur als Schauspieler und Schriftsteller gescheitert, sondern hier auch unglücklich verliebt war. Der seine Frau und Kinder liebte, in dem aber trotzdem eine unerfüllte Sehnsucht blieb. Und der seinen starken Alkoholkonsum mit einem frühen Tod bezahlte.

Seine "Schwabinger Tagebücher", aus denen der Schauspieler Thomas Sarbacher im Dokumentarfilm einige Passagen liest, sah Rufer übrigens wohl nur als einen literarischen Witz an. Dass nun gerade sie sein künstlerisches Vermächtnis sind, auch darin könnte man eine Art tragische Ironie sehen. Lesenswert sind die charmanten Poeme übers Nichtstun auf alle Fälle, und neben einem heiteren Schmunzeln lösen sie auch leise Wehmut aus. Sowie die Sehnsucht nach einer weit entfernt wirkenden, unbeschwerten Zeit, wie sie auch in Ueli Meiers mollgetöntem Film in Spuren immer wieder aufscheint.

Ich habe in Moll geträumt, Schweiz 2021, Regie: Ueli Meier, bis 23. Mai via Stream unter dokfest-muenchen.de

© SZ vom 10.05.2021
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