Festival Kosmische Klänge, christlicher Glaube

Christian Seidler bespielt seine Kirche mit sphärischen Klängen aus Synthesizern. "Ich wünsche mir, dass elektronische Musik einen Platz als Kirchenmusik findet", sagt er.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Kirche und elektronische Musik - eine perfekte Symbiose, sagt Kantor Christian Seidler. Nun veranstaltet er ein zweitägiges Musikfestival in der Nazarethkirche - mit galaktischer Lichtshow

Von Julia Bergmann

Er lässt seine Finger über die Klaviertasten gleiten, als wären sie aus Seide. Dabei erfüllt eine Melodie die Nazarethkirche, so sanft, als würde Renoir den Klang in die Luft pinseln. Nicht nur Christian Seidlers Hände spielen, sein ganzer Körper folgt der Melodie, dem Crescendo, das das Stück vom akustischen Frühlingsmorgen in ein grollendes Nachmittagsgewitter kippen lässt. Die letzten Töne, die Seidler anschlägt, klingen versöhnlich: hell und zart. Ein akustisches Happy End.

Seidler, 27 Jahre alt, Kantor der evangelischen Immanuel-Nazareth-Gemeinde, hat improvisiert. Die Inspiration für dieses Musikstück war ein Plakat. Gesehen auf dem Odeonsplatz, auf dem Weg zur Kirche, "irgendetwas Impressionistisches. Ich dachte mir", sagt er, zögert kurz und lächelt verlegen, "schauen wir mal, was mir dazu einfällt." Noch immer lächelnd wendet er sich schnell ab und schließt den Klavierdeckel.

Wer Seidler spielen sieht, hört, fühlt, der merkt, dass ihm Musik alles bedeutet. Nicht nur Klassik oder traditionelle Kirchenmusik, sondern auch Jazz und Modernes. Wer Seidler eine Weile zuhört, merkt auch, wie wichtig ihm die Kirche und ihre Werte sind.

Für Seidler hat Musik aber auch eine ganz persönliche Bedeutung. "Meine Schwester ist schwer krank", sagt er. Wegen einer Zerebralparese, einer frühkindlichen Schädigung des Gehirns, sitzt sie im Rollstuhl und ist in vielem stark eingeschränkt. "Aber sie singt sehr gerne." Seidler war schon während seiner Jugend oft schmerzhaft bewusst, wie häufig seine Schwester von vielen Alltäglichkeiten ausgeschlossen ist. Vom Sport oder vom Spielen etwa. Nur beim Singen ist es anders. Musik bringt sie zum Lachen. "Sie hatte schon früh viele fürchterliche Operationen hinter sich", sagt Seidler. "Es war einfach schön zu sehen, dass Musik sie aufheitern kann." Und weil Kultur in der hessischen Provinz, in der beide aufgewachsen sind, vor allem in der Kirchengemeinde stattgefunden hat, war es eben die Kirchenmusik, die in Seidlers Leben früh große Bedeutung bekommen hat.

Heute liebt der 27-Jährige die Musik von Johann Sebastian Bach und Arnold Schönberg genauso wie die von John Coltrane. Während seiner Jugend gab es da diese Episode, in der er in einer Eric-Clapton-Coverband gespielt hat. Und jetzt Electro. "Das ist einfach ein Thema meiner Generation", sagt Seidler.

Er will eine Verbindung schaffen zwischen Kirche und elektronischer Musik. Mit kosmischen Klängen, wie Seidler sagt. Zwei Nächte lang, ein Festival, direkt in der Nazarethkirche in Bogenhausen. Am Wochenende soll "Ambient Waves" nun stattfinden. Mittlerweile sind Electro-Konzerte in Kirchen zwar keine Besonderheit mehr. Das weiß auch Seidler. Mit Electric Church in Österreich gibt es seit 2014 etwa eine eigene Veranstaltungsreihe, die sich das Konzept zum Motto gemacht hat. Ein zweitägiges Festival aber, inklusive musiktheoretischen Einführungsabend, wie er jetzt in der Nazarethkirche stattfinden soll, gibt es in Deutschland bisher nicht, sagt Seidler.

Die Kirchengemeinde sei für die Idee offen gewesen, sagt er. Grundsätzlich sei die Immanuel-Nazareth-Gemeinde aufgeschlossen, wenn es um Neues geht. Unter dem Titel "Nazareth Projekt" finden in der Kirche an der Barbarossastraße regelmäßig Kunstausstellungen, Jazz- und Gospelkonzerte, Lesungen und Themenvorträge statt. "Wir sind Kirche - nur anders als gewohnt", steht auf der Homepage zu diesem Projekt. Kirche 2.0 also? "Ja, aber ohne Kirche 1.0 zu vergessen", sagt Seidler.

Die Idee zum Festival im Gotteshaus entstand, nachdem der Musiker Andreas Merz zu Besuch in der Nazarethkirche war. Vom offenen und weiten Charakter des Raumes begeistert, stieß er das Projekt an und suchte Kontakt zu Seidler. Zuerst planten beide nur einen Elektronikabend. Der Zuspruch aus der Musikszene sei aber so groß gewesen, dass die Entscheidung für ein zweitägiges Festival mit Lichtshow schnell gefallen war. Zu "Ambient Waves" kommen am Wochenende Musiker wie Thorsten Quaeschning von Tangerine Dream, Sounddesigner Kurt Ader, Multimediakünstler Richard Aicher, sowie Uwe Rottluff, Mathias Kettner und Anatol Locker. Bei einem Workshop am Donnerstag sollen Besucher außerdem historische Synthesizer, moderne modulare Systeme und ein Exemplar des ersten Instrumentes zur Klangsynthese in der Musikgeschichte überhaupt - die Pfeifenorgel der Kirche - kennenlernen können.

Während der beiden Festivalabende soll dann die Kirche mit Hilfe von Projektionen in den Weltraum versetzt werden. An den sonst leeren, weißen Wänden erscheinen Eindrücke aus dem All, Sterne, Planeten, Galaxien. Das ganze untermalt mit sphärischen Klängen aus Synthesizern. Mindestens ungewöhnlich klingt es, wenn Seidler davon erzählt. So ungewöhnlich wie das Veranstaltungsplakat aussieht. Es zeigt die Montage einer Katze im Raumanzug. Für Seidler ist das Konzept Electro in der Kirche aber stimmig. Während des Festivals sollen die Besucher nicht nur zwischen den Projektionen der Sternenhimmel und Galaxien Musik genießen, sondern dabei auch einen Anknüpfungspunkt zur Schöpfung finden. "Ich wünsche mir, dass elektronische Musik einen Platz als Kirchenmusik findet", sagt er.

Warum er sich überhaupt für die traditionelle Form der Kirchenmusik als Studienrichtung entscheiden hat? Seidler möchte hier keine Unterschiede machen zwischen musikalischer Tradition und Moderne. Argumente für die Kirchenmusik findet er trotzdem: "Sie vereint mehr als 2000 Jahre abendländischer Kulturgeschichte, sie ist voll von gedanklichem Reichtum, Sinnzuschreibungen, Bedeutung und Emotion. Und Kirchenmusik begleitet wie keine andere Musik das Leben der Menschen", sagt Seidler, der nebenbei noch Philosophie studiert. Seidler, der gerne selbst philosophiert, von Menschen als "Sinngenießern" spricht und dabei viel älter wirkt, als er aussieht. Allein bei Taufe, Firmung oder Konfirmation, bei der Hochzeit, auch bei der Beerdigung spielt die Kirchenmusik eine zentrale Rolle. Und ja, natürlich auch in den Gottesdiensten.

Er hofft, "Ambient Waves" gemeinsam mit Andreas Merz in München etablieren und ausweiten zu können. Etwa mit einer zweiten Spielstätte oder einer offenen Bühne für junge Münchner Musiker. Ideen gibt es genug. In Immanuel-Nazareth ist Seidler damit vielleicht genau am richtigen Ort gelandet. Unerwartet, weil er für die Aufnahmeprüfung seines Musikstudiums eigentlich nur auf der Suche nach einer Orgel zum Üben war. Die fand er in der Immanuelkirche. Aber nicht nur sie, sondern auch die Stellenausschreibung des Kantors im dort ausliegenden Gemeindebrief. Die Anstellung war also Glückssache, Zufall oder für alle, die es glauben mögen, göttliche Fügung.

Ambient Waves Festival: Freitag und Samstag, 24. und 25. Mai, jeweils von 20 bis 24 Uhr. Workshop mit den Instrumentenerfindern und -entwicklern Dieter Döpfer, Gert Jalass und Robert Langer: Donnerstag, 23. Mai, von 20 Uhr an. Nazarethkirche, Barbarossastraße 3.