Feiern am Isarstrand:Grill der Großstadt

Feiern am Isarstrand: Brandgefährlich: Lagerfeuer sind am Flaucher verboten. Doch viele halten sich nicht daran.

Brandgefährlich: Lagerfeuer sind am Flaucher verboten. Doch viele halten sich nicht daran.

(Foto: Robert Haas)
  • Tausende Münchner feiern diesen heißen Sommer jeden Abend am Isarstrand - und produzieren vor allem eine Menge Müll.
  • Die Tiere im Zoo leiden ebenfalls unter dem Lärm und den vielen Abfällen.
  • Mit verschiedenen Aktionen wollen die Behörden die Menschen dazu bringen, ihren Müll wieder mit nach Hause zu nehmen.

Von Thomas Anlauf

Wäre der Flaucher ein Hotelstrand am Mittelmeer, hätten Urlauber längst den Reiseveranstalter verklagt: wegen wüster Strandpartys mit Grillrauchschwaden und Kiesinseln voller Müll am Morgen danach. Einige Feiernde benehmen sich auch durchaus so, als wäre der Flaucher ein Strand am Ballermann inklusive täglicher Reinigung. Was sie an Flaschen und Verpackung mitgebracht haben, lassen sie am Ende der Nacht einfach liegen. Die morgendliche Strandreinigung gibt es am Isarufer tatsächlich, an heißen Wochenenden sammeln die Müllmänner in den Morgenstunden bis zu vier Tonnen Abfall ein. 4000 Kilogramm Müll.

Es ist Mittwochfrüh, seit sechs Uhr streifen die Männer in ihren orangefarbenen Westen mit blauen Säcken und Sammelstöcken am Ufer entlang und sammeln ein, was andere hinterlassen haben: Wein-, Sekt- und Bierflaschen, Plastiktüten, ganze Grillsets. Dazu überall Zigarettenkippen und Glasscherben. Auch auf den Wegen entlang des Tierparks sammeln Mitarbeiter des Zoos Weggeworfenes ein. "Die Zustände sind wirklich unter aller Sau", sagt Josef Schmid. Am Tag zuvor steht Münchens Zweiter Bürgermeister ein paar Kilometer nördlich des Flauchers am Vater-Rhein-Brunnen und blickt auf den Fluss. Der CSU-Politiker setzt sich eigentlich leidenschaftlich dafür ein, dass die Münchner ihre Isar noch besser nutzen können. Sogar ein öffentliches Flussbad im Kanal kann er sich gut vorstellen. Doch das Verhalten von Feiernden, die ihren Müll einfach am Flaucherstrand liegen lassen, findet Schmid unerträglich. "Mehr Kontrollen, mehr Ermahnungen" fordert Schmid. "Der private Sicherheitsdienst braucht Verstärkung."

Die Tiere im Zoo sind gestresst

Dienstagabend am Flaucher. An der Thalkirchner Brücke schwärmen Sicherheitsleute von "Securitas" aus, paarweise gehen sie die Strecke zwischen Brudermühlbrücke und Großhesseloher Brücke ab. Überall auf den Kiesbänken flackert es. Oft sitzen allerdings Pärchen nur vor ein paar Windleuchten und blicken ins Wasser, in dem sich der Schein von Lagerfeuern spiegelt. "Wenn wir offenes Feuer sehen, bitten wir die Leute, es auszumachen", sagt einer der Security-Leute. An diesem Abend haben er und sein Kollege schon mehrere Lagerfeuer austreten lassen. "Und zwei bis drei Mal pro Nacht müssen wir die Polizei rufen." Dann, wenn die Feiernden uneinsichtig oder gar aggressiv werden. Dabei warnen zahlreiche Schilder davor, Lagerfeuer zu entfachen oder in der Nähe von Büschen oder Bäumen zu grillen. Im Umkreis der hölzernen Thalkirchner Brücke ist auch Grillen streng verboten.

Aber längst nicht alle halten sich an die Spielregeln. Zwischen Büschen und sogar auf dem Kiesweg an der Grenze zum Tierpark sind an diesem Abend gelöschte Feuerstellen zu sehen. "Wir haben da große Angst und können nur hoffen, dass kein Feuer ausbricht", sagt Daniel Hujer. Der Sprecher des Tierparks befürchtet, dass ein plötzlicher Brand im Hellabrunner Gehege "in keinster Weise kontrollierbar wäre: Dann hätten wir ein richtiges Problem".

Aber auch ohne eine derartige Katastrophe leiden die Tiere im Zoo unter dem nächtlichen Treiben hinterm Zaun. Insbesondere die Elche, Ziegen und Alpakas werden vom Partylärm auf Dauer nervös. "Es verstört sie einfach, wenn sie bis morgens nicht schlafen können", sagt Hujer. Am meisten gestresst seien jedoch die Giraffen. Sobald sie den Rauch riechen, der oftmals bis in die Mitte des Tierparks zieht, versuchen die Tiere instinktiv zu fliehen. Und sogar vom Müll ist der Tierpark betroffen. Plastikverpackungen von Grillfleisch weht es oft über den Zaun, die werden dann von den Tieren gefressen. "Teilweise schmeißen die Leute den Müll auch absichtlich über den Zaun", glaubt Hujer.

Der Alarm, den Tierparkchef Rasem Baban und seine Mitarbeiter deshalb kürzlich geschlagen haben, zeigt Wirkung im Rathaus. Noch Mitte Juli hatte Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) lediglich freundlich an die Münchner appelliert, den Müll an der Isar nicht einfach liegen zu lassen. "Genießen Sie diesen wunderbaren Sommer. Genießen Sie das einmalige Naherholungsgebiet an der Isar. Haben Sie Spaß! Und grillen Sie bitte nur dort, wo es ausdrücklich erlaubt ist, nehmen Sie alles, wirklich alles, was man so zum Feiern, Grillen, Chillen braucht, einfach wieder mit", schrieb Reiter in der Rathaus-Umschau. Zwei Wochen später verlor der Oberbürgermeister allerdings die Geduld mit den "Saubären", wie er sie dann nannte. Der OB drohte, den Müll am Flaucherstrand einfach nicht mehr wegräumen zu lassen. In einem Städtchen an der portugiesischen Küste scheint eine derartig drakonische Maßnahme gewirkt zu haben: Die Leute nahmen fortan ihren Müll wieder mit.

Feiern am Isarstrand: Und den Abfall lassen einige auch einfach liegen - der Müllmann räumt ja auf.

Und den Abfall lassen einige auch einfach liegen - der Müllmann räumt ja auf.

(Foto: Robert Haas)

Saubären am Isarufer

Aber sind die Zustände an der Isar wirklich so dramatisch, wie es nun auch in einer Online-Petition heißt? "Wir sehen eine erhebliche Gefahr für dieses Schutzgebiet und wunderschöne Stück Natur mitten in unserer Stadt", schreiben die Initiatoren. Denn "Vermüllung und Rücksichtslosigkeit" nähmen immer mehr zu. Knapp 220 Münchner haben in den vergangenen Tagen die Online-Petition der SPD Harlaching unterzeichnet. Nicht gerade viel, angesichts Zehntausender Menschen, die an sonnigen Wochenenden die Isarufer in München bevölkern.

Wie viele es genau sind, weiß auch Peter Schaller nicht zu sagen. Der Abteilungsleiter für Wasserbau im städtischen Baureferat ist am Mittwochfrüh an den Flaucher gekommen und betrachtet die nächtlichen Hinterlassenschaften am Kiesstrand. "Ein paar Wenige verderben das Bild", sagt er. Die große Mehrheit der Münchner nehme den Müll wieder mit nach Hause oder werfe ihn in einen der 80 Gitterboxen oder die großen Container. "Dieses Angebot wird sehr gut angenommen", teilt auch die Pressestelle des Baureferats mit. Den sommerlichen Ansturm der Münchner "verträgt die Isar als Fluss und als Ökosystem" - wenn man die Belastung über das Jahr verteilt betrachte, sagt Schaller.

Dilemma um den Naturschutz

Er gebe Oberbürgermeister Reiter natürlich Recht, an die Vernunft der Menschen zu appellieren, keinen Müll zu hinterlassen. Aber er sei auch zuversichtlich, dass sich die Situation am Flaucher verbessern werde. Dafür sei bereits das Personal aufgestockt worden, das die Feiernden vor allem aufklären soll. In diesen Tagen werden auch weitere Schilder aufgestellt, damit auch wirklich jeder kapiert, dass Lagerfeuer auch in Grillzonen verboten sind. Die Müllproblematik sieht Schaller nicht als "neue Situation". Durch den extrem heißen und sonnigen Sommer seien eben auch mehr Menschen am Fluss. Für den Ingenieur ist die renaturierte Isar deshalb vor allem "ein Erfolgsmodell", gerade weil sie von so vielen Münchnern als Freizeitgelände angenommen wird.

Genau das ist das Dilemma. Die naturnah umgestaltete Isar wird von den Münchnern so sehr geliebt, dass die einen am liebsten Tag und Nacht dort verbringen würden. Die anderen sehen in dem Fluss ein äußerst schützenswertes Biotop, das möglichst in Ruhe gelassen werden sollte. Das ist auch tatsächlich für Teile der sogenannten Inneren Isar auf Höhe des Deutschen Museums so gedacht. Als das Baureferat vor einigen Monaten dort Gehölze auslichtete, protestierten Naturschützer, weil sie befürchteten, dass der dort ansässige Biber vertrieben worden sei - was natürlich nicht der Fall war.

Das Gebiet zwischen Flaucher und Großhesseloher Brücke hingegen ist extra als Grillzone ausgewiesen. "Man müsste überlegen, ob man das Grillen dort generell verbieten sollte", sagt Michael B., der nahe der Brudermühlbrücke wohnt und das sommerliche Spektakel an der Isar fast täglich mitbekommt. "Vielleicht ist das aber auch nur eine Modeerscheinung." Neu ist das Müllthema wahrlich nicht. Seit vielen Jahren ist der Flaucher als Grill- und Partyzone beliebt. Relativ neu ist hingegen die Wut, die sich nun an den "Saubären" entzündet hat.

Ein Schild an der Isar, das mit dem Spruch "Scherben bringen nix! Strandmüll tut weh!" für ein sauberes Flussufer wirbt, hat ein Unbekannter mit einem Kommentar versehen: "Stimmt, Ignoranz nervt, aber sie sagen auch, dass Eure Wut nichts bringt." Aber den Müll am Kiesstrand selbst aufzuräumen, würde wenigstens gegen die Wut helfen.

© SZ vom 13.08.2015/vewo
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