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Fasching:Tierisches Politspektakel

Mehr als 1000 Närrinnen und Narren schließen sich dem Gaudiwurm der Damischen Ritter an - darunter auch CSU, SPD und ÖDP

Wahlkampf und närrisches Treiben liegen manchmal nah beieinander. In München kann das in diesen Wochen wunderbar beobachtet werden, passenderweise fällt hier ein Teil der heißen Phase beim Kampf um den Oberbürgermeistersessel mitten in den Fasching. Wer hier am meisten Humor zeigt, wähnt sich als Favorit für die Kommunalwahl. Am Wochenende twitterte SPD-Stadträtin Anne Hübner, dass Grünen-Anhänger womöglich "humorbefreit" und gar "mies gelaunt" sein könnten, weil sich einer über ein SPD-Video lustig machte. Aber die Parteien konnten sich am Sonntag ja, so sie sich denn als närrisch genug fanden, beim Faschingszug der Damischen Ritter einreihen.

Schon am Mittag ist die Fußgängerzone voll mit geschminkten und verkleideten Menschen. Und es geht tierisch zu: Biene, Frosch und Fliegenpilz stehen beim Bäcker nahe dem Richard-Strauss-Brunnen in der Schlange, zwei Indianer pirschen zur Burgerfiliale am Stachus. An der Ecke zur Eisenmannstraße hat sich schon eine Menschentraube gebildet - durch diese Gasse müssen sie bald kommen. Mehr als eintausend Narren in 53 Gruppen ziehen an diesem Tag durch die Altstadt, natürlich Faschingsgesellschaften, aber auch Burschenvereine, historische Gruppen wie die Vorstadthochzeit und D'Schanecker Rittersleit Pullach und immerhin drei Parteien. An einer Straßenecke steht ein CSU-Plakat, das "Freibier statt Sozialismus" verspricht, das klingt schon mal nach herrlicher Narretei. Doch den Auftakt des politischen Gaudiwurms machen erst mal die Damischen Ritter, die als Verein "Die Turmfalken" seit 2006 den Umzug durch die Altstadt organisieren. Tausende Münchner bejubeln den ersten Wagen, auf dem Herzog Kasimir auf einem grauen Holzgaul sitzt und huldvoll mit einem Schwert in die Menge winkt. Doch schon an siebter Stelle rollt der SPD-Truck an: "Die Liebe ist rot" steht auf dem Lkw, der sich langsam durch die Menge schiebt. Es regnet rote Gummibärchentüten, auf dem Lkw hüpfen Genossinnen und Genossen zum Rhythmus der hämmernden Musik. Der Fraktionsvorsitzende Christian Müller hat sich spartanisch als roter Schlumpf verkleidet - oder soll er mit seiner Mütze Rotkäppchen darstellen? Seine Vorstandskollegin Verena Dietl hat natürlich auch die Farbe Rot gewählt, allerdings in Form einer knalligen Perücke. Die Stadträte rocken ein bisschen zu den Toten Hosen-Song "Bonny und Clyde" ab. Die Gauner-Geschichte ging bekanntlich nicht gut aus.

Die Nachbarn im Zug kann man sich wohl nicht aussuchen. Hinter der SPD torkeln ein Kamel und ein Elch aus Pappmaché aus Pfaffing, nun ja. Kurz dahinter macht der Burschenverein St. Christoph ein wenig Wirtschaftspolitik: "Handwerker haben die Arche gebaut, Ingenieure die Titanic", steht auf dem Narrenwagen.

Kaum ist die SPD um die Ecke gebogen folgt, etwas tiefergelegt, die CSU. Die Polittruppe läuft ohne Lkw in Blaumännern durch die Eisenmannstraße, mit ihren blauen Käppis wirken die Mitläufer ein wenig wie Bierfahrer. Doch dann kommt auch schon der Star der Christsozialen auf einem kleinen Anhänger angerollt: Kristina Frank, mit blau glitzerndem Hut, was mitsamt der blauen Spiegelbrille fast schon etwas lasziv wirkt. Vielleicht will sie aber auch einfach eine Kapitänin mimen, die feiernde Münchner mit Bonbons bewirft. Dabei wirbt die CSU auf dem Zug mit dem Spruch "Wieder fair sein".

Die ÖDP wiederum ist an diesem Sonntag offenbar noch ganz im Rausch des erfolgreichen Bienenbegehrens vor genau einem Jahr. Zumindest haben sich die Politiker wahlweise als Bienen oder als Imker verkleidet wie OB-Kandidat Tobias Ruff, der eine Biene an der Hand hält, seine dreijährige Tochter Emilia. Stadträtin Sonja Haider schunkelt auf einem Lastenrad hinterher, in das sie ein paar kleine Büsche gepflanzt hat. Hinter ihr rockt lautstark eine Band, es ist die Lumpenkapelle.

Von weiteren Parteien ist an diesem Sonntag nichts zu sehen. Dabei gäbe es durchaus etwas zu lernen aus der lärmenden Prozession: Politik kann durchaus amüsant sein.

© SZ vom 17.02.2020
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