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Fahrradfahren in München:Die Rückkehr der Lastenräder

Radfahrer mit Lastenfahrrad, 2014

Zum Supermarkt und zurück: Familienvater Markus Gebhart ist vor eineinhalb Jahren auf das Lastenfahrrad umgestiegen-

(Foto: Florian Peljak)

Lange gehörten Lastenfahrräder zum Stadtbild, dann wurden sie von Autos verdrängt. Jetzt entdecken Familien die Räder neu und karren damit Kinder und Einkäufe durch die Stadt. Aber das Fahren damit will gelernt sein.

Von Marco Völklein

Ja, sagt Tanja Gebhart, der Begriff "Radlfamilie" treffe auf sie wohl schon zu. Im vergangenen Jahr erst sind die 43-Jährige, ihr Mann Markus, 46, und die vier Kinder, vier bis 15 Jahre alt, von München an die Ostsee geradelt. Und heuer sind auch schon zwei Fahrradurlaube geplant - nach Venedig und nach Dänemark. "Den beiden Jungs", erzählt Tanja Gebhart, werde mitunter schon zu viel Rad gefahren.

Dennoch setzen sich meist dann doch alle aufs Rad, egal, ob es am Wochenende raus in die Natur gehen soll oder am frühen Abend ins Kino. Auch im Winter absolvieren die Gebharts viele Wege per Velo. "Wir haben alle Spikes an den Reifen."

Selbst die Einkäufe, bei einer sechsköpfigen Familie nicht ganz ohne, erledigt Vater Markus mittlerweile mit dem Rad. Dazu hat er sich vor eineinhalb Jahren ein Lastenfahrrad gekauft, ein fast zweieinhalb Meter langes Gefährt vom dänischen Hersteller "Bullitt". Gut 2000 Euro kostet der Transporter, mit Elektro-Antrieb kann man locker auch mal 4000 Euro und mehr hinblättern. Für Markus Gebhart allerdings hat sich die Anschaffung gelohnt. Zumindest der Zweitwagen, den die Familie bis Herbst 2012 noch besaß, wurde abgeschafft. Und der VW Bus kommt eigentlich auch kaum mehr aus der Garage. "Zum Einkaufen fahren wir so gut wie nie mehr mit dem Auto", sagt Gebhart. Aber dafür umso öfter mit dem Bullitt-Flitzer, der bis zu 100 Kilogramm Last tragen kann.

In Kopenhagen und Amsterdam sind die Räder Alltag

Lastenfahrräder gehörten noch bis in die Sechzigerjahre zum Münchner Stadtbild. Bäcker lieferten damit ihre Semmeln aus, Handwerker transportierten ihre Materialien von Baustelle zu Baustelle, Einzelhändler brachten größere Lieferungen zu den Kunden nach Hause. Mit dem Siegeszug des Autos verschwanden die Transporträder. Doch seit einigen Jahren kehren sie zurück. Weniger, weil Geschäftsleute und Gewerbetreibende sie wiederentdeckt hätten. Sondern vielmehr, weil Familien wie die Gebharts darauf setzen.

"Was in Kopenhagen und Amsterdam längst Alltag ist, wird auch in deutschen Städten zum Trend", urteilt der ökologisch orientierte Verkehrsclub Deutschland (VCD). Transporträder seien "umweltfreundlich, praktisch und als Alternative zum Auto preiswert". Und mit einem Elektromotor "garantieren sie sogar auf längeren und bergigen Strecken Fahrspaß". Gut möglich, heißt es bei den Münchner Aktivisten des Radfahrerverbands ADFC, dass "2014 das Jahr der Lastenfahrräder wird".

Wohl noch nie war die Vielfalt der Modelle so groß wie heute. Neben den schnittigen Bullitts sind es vor allem Modelle vom Typ "dreirädriger Frontlader", die bei Familien gut ankommen und die Hersteller wie Christiania, Bakfiets oder Johnny Loco in zahlreichen Varianten und Ausstattungen anbieten - mal mit Spritzschutz über dem Gepäckabteil, mal mit Sitzgelegenheit darin. Die Gepäckabteile bieten so nicht nur viel Platz für den Großeinkauf, sondern auch für den Transport des Nachwuchses zu Krippe oder Kindergarten. Etwas weniger häufig anzutreffen sind dreirädrige Hecklader, bei denen das Gepäckabteil hinter dem Sattel montiert ist. Wichtig ist aber bei all diesen Gefährten: Radhelm nicht vergessen.

Das Fahren muss man erstmal üben

Denn gewöhnungsbedürftig sind die Lastenräder zunächst schon. "Wer es nicht kennt, den schmeißt es am Anfang wahrscheinlich um", sagt Bullitt-Fahrer Markus Gebhart. Vor allem in Kurven muss er mit dem Rad sehr viel früher einlenken als bei einem normalen Radl - ganz einfach deshalb, weil das Vorderrad etwa einen knappen Meter vor der Lenkstange sitzt. "Das muss man üben", sagt Gebhart. "Und vorausschauend fahren." Erstaunlich allerdings ist, wie flink man mit dem doch gut 20 Kilo schweren Rad durch die Stadt kommt. Hat man erst einmal Schwung, rollt es erstaunlich flott über die Straßen.

Kein Wunder also, dass auch wieder Gewerbetreibende die Lastenräder für sich entdecken. So zum Beispiel der Kurierdienst Rapid in Neuhausen, der ein halbes Dutzend Bullitts mit E-Antrieb im Einsatz hat - und mit diesen zum Beispiel größere Päckchen und Pakete an seine Kunden liefert. Auch der Expressdienstleister Transimpex aus Sendling setzt auf Lastenräder - und verzichtet im Gegenzug darauf, viele seiner Sendungen in der Innenstadt mit Kurierautos zuzustellen. "Unsere Autokuriere stehen in der Innenstadt eh mehr, als dass sie fahren", heißt es bei Transimpex. Mit den Lastenbikes passiert das nicht.

Auch die Stadt will ihren Teil dazu tun, dass 2014 wirklich zum Jahr des Lastenrades wird: Erst vor kurzem hat der Stadtrat den Weg freigemacht für einen Pilotversuch, bei dem das Wirtschaftsreferat ergründen möchte, ob sich Lastenräder zum Beispiel auch in der Gastronomie oder zum Transport von Gütern auf größeren Firmenarealen eignen. Zwölf Lastenräder sollen im Rahmen des Pilotversuchs angeschafft und verschiedenen Unternehmen für ein Jahr zur Verfügung gestellt werden.

ADFC will kostenloses Rad für Bürger anschaffen

Ziel ist es, ein "möglichst breites Spektrum von Typen, Transportzwecken und Einsatzmöglichkeiten abzudecken", sagt Wolfgang Nickl vom Wirtschaftsreferat. Bislang habe sich "eine große Zahl an Interessenten" gemeldet, in Kürze will die Stadt zusammen mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) mehr als 1000 Münchner Unternehmen anschreiben - und ihnen die Teilnahme an dem Probelauf schmackhaft machen. Der Zeitplan jedenfalls ist "ehrgeizig", räumt Nickl ein. Denn bereits Anfang Mai, wenn die Stadt wieder "Radlaktionstage" auf dem Odeonsplatz veranstaltet, sollen die zwölf Fahrräder übergeben werden. Und nicht nur das: Einen Tag lang wird sich auf dem Odeonsplatz auch alles rund um Transporträder drehen.

Der Radfahrerklub ADFC plant zudem, mit Spenden ein oder zwei Lastenfahrräder anzuschaffen, um diese Bürgern kostenlos zur Verfügung zu stellen. "Wir wollen zeigen, dass man in einer Stadt wie München auch gut ohne Auto leben kann", sagt Thomas Schmidt. Das Projekt nennt sich "Daniel - Dein Lastenrad" und lehnt sich an eine Aktion in Köln an. Dort ist "Kasimir" seit gut einem Jahr unterwegs - und erfreut sich wachsender Beliebtheit. Wer das Rad nutzen will, muss sich bei den Initiatoren registrieren. Per Internet können Interessenten das Rad reservieren und dann bei Partnerfirmen (Cafés, Bioläden oder Fahrradwerkstätten) abholen. Es gibt zahlreiche Partner, damit das Lastenrad quasi durch die Stadtteile "tourt" und so möglichst viele es nutzen können. Diese Idee wollen die Münchner ADFC-Leute nun an die Isar holen. Derzeit sammelt der Verein Spenden, denn für ein Lastenfahrrad benötigt der Klub etwa 3000 Euro.

Tanja Gebhart jedenfalls hofft, dass sich viele weitere Nutzer für Lasten- und Transporträder begeistern lassen. "Es ist doch eigentlich ein Unding, mit dem Auto zum Bioladen zu fahren, um dort einzukaufen." Ihr Mann Markus pflichtet ihr bei: "Seitdem wir das Lastenrad haben, fallen einige Dinge komplett weg - beispielsweise so mancher Streit um einen Parkplatz."

© SZ vom 12.03.2014/ahem
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