bedeckt München 22°

"Europäischen Wochen" in Passau:Trotz Grenzen vereint

Europäische Wochen Passau
Ausstellung Tropic Ice
Foto: Barbara Dombrowski.

Weitsicht: Die Ausstellung "Tropic Ice" von Barbara Dombrowski beschäftigt sich mit den Folgen des Klimawandels weltweit.

(Foto: Barbara Dombrowski)

Die "Europäischen Wochen" in Passau finden auch in diesem Jahr statt. Obwohl derzeit gewisse Beschränkungen herrschen, gelingt es dort mit Musik, Literatur und Bildender Kunst, zwischen Ländern Verbindungen zu schaffen

Von Sabine Reithmaier

Carsten Gerhard hat die vergangenen Wochen vermutlich öfter über Hygienekonzepten gegrübelt als über seinem Programm. Jedenfalls redet er fast mehr über ausgeklügelte Sitzpläne, das Für und Wieder von Klimaanlagen oder die noch völlig ungesicherte Möglichkeit, Säle mit Wasserstoffperoxid-Dampf zu desinfizieren. Muss er wohl auch, denn der künstlerische Leiter der Europäischen Wochen Passau (EW) und sein Trägerverein gehören zu den wenigen bayerischen Veranstaltern, die sich dafür entschieden haben, ihr Festival durchzuziehen, anders als etwa der Kissinger Sommer, das Richard-Strauss-Festival, Herrenchiemsee oder die Bachwoche Ansbach. Ums Kürzen, Reduzieren und Verschieben kam freilich auch Gerhard nicht herum. Statt wie üblich im Juni und Juli starten die 68. Festwochen heuer am 9. September mit einem allerdings bemerkenswerten Präludium: einem Konzert der Bamberg Symphoniker.

Es ist erstaunlich, wie es Gerhard auch in diesen schwierigen Zeiten gelungen ist, an seinem ursprüngliches Konzept festzuhalten: den europäischen Gedanken zu vertiefen und erlebbar zu machen. Als Leitmotive für sein in "Höhepunkte" und "Brennpunkte" gegliedertes Programm hat er zwei Themen gewählt, die Europa beschäftigen. Mit "Schöpfung bewahren" den Klima- und Umweltschutz, während er im "Blick nach Polen" die schrumpfenden Freiheitsrechte dort ins Auge fasst. Für die "Höhepunkten" sorgen berühmte Namen, unter anderem die Geigerin Midori Seiler im Duo mit Andreas Staier, Juliane Banse mit Wagners Wesendonck-Lieder, Corinna Harfouch mit einem Hölderlin-Abend, Ulrich Tukur mit den Rhythmus Boys oder das Abschlusskonzert mit der Akademie für Alte Musik Berlin (4. Oktober).

Das Programm sei aus einer Mischung verschiedener Kriterien entstanden, sagt Gerhard: Verfügbarkeit der Künstler, Verfügbarkeit der Spielorte und die Möglichkeit, Konzerte dort jeweils zu Corona-Bedingungen zu spielen. Fast alle Konzerte laufen zweimal, jeweils um 18 Uhr und 20.30 Uhr, dauern im Schnitt 70 Minuten. Der enge Zeitrahmen ist der Grund dafür, dass zum ersten Mal in der Geschichte der EW das eigentliche Eröffnungskonzert in der Studienkirche St. Michael an zwei Abenden stattfindet, auch wenn der Besucher nur ein Ticket braucht (11. und 12. September).

Gerhard hat das ursprünglich geplante Programm kurzerhand zweigeteilt. "Verzichten wollte ich auf nichts, vor allem nicht auf die Beethoven-Uraufführung", sagt der EW-Chef und räumt ein, dass letzteres vielleicht etwas zu euphorisch klingt. Beethoven hat sein Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 61 auch in eine Klavierfassung transkribiert. Aus den beiden Solostimmen hat nun Harald Strauss-Orlovsky, Konzertmeister der Bamberger Symphoniker, ein Doppelkonzert mit Orchester entwickelt. Diese Fassung, gespielt von der Beethoven Philharmonie, erlebt in Passau ihre erste Aufführung, auch als Reminiszenz an das Beethovenjahr.

Der zweite Programmteil, jetzt der zweite Abend, ist Beethovens Pastorale. Die Hymne an die Natur sei ihm deshalb so wichtig, weil sie eines der Leitthemen des Festivals, den Klimaschutz, vorwegnehme, sagt Gerhard. Da es auch keine offizielle Vernissage zu Barbara Dombrowskis Ausstellung "Tropic Ice" geben darf, werden deren Natur- und Porträtfotografien als Video-Projektionen auf einer Leinwand hinter dem Orchester auftauchen.

Die Hamburger Fotografin arbeitet seit zehn Jahren daran, dem Klimawandel ein Gesicht zu geben. Für ihr Langzeitprojekt hat sie indigene Völker besucht, die vom Klimawandel betroffen sind: Inuit in Grönland, Amazonas-Indianer, Nomaden in der Wüste Gobi, Massai in Tansania und die Ureinwohner von Kiribati im Südpazifik. Die Ausstellung der großformatigen Werke ist über die ganze Stadt verteilt, die Aufnahmen finden sich an der Innpromenade ebenso wie im Kulturmodell Bräugasse oder in anderen Einrichtungen.

Erwähnenswert sind auch die zwei Veranstaltungen, die sich mit Polen beschäftigen. Der Regisseur Przemysław Wojcieszek emigrierte vor eineinhalb Jahr nach Berlin, weil er im Polen der PiS-Regierung nicht mehr arbeiten konnte. Seither baut er dort ein deutsch-polnisches Theater auf, dessen erste Produktion "Svetlana" in Passau aufgeführt wird. Es geht um einen Künstler, der nach Deutschland emigriert und sich dort als Taxifahrer durchschlägt, bis eines Tages Svetlana zu ihm ins Auto steigt. Den zweiten Polenschwerpunkt bestreitet Emilia Smechowski. Die polnisch-deutsche Journalistin floh mit ihren Eltern 1988 von Polen nach West-Berlin. 2018 kehrte sie mit ihrer Tochter für ein Jahr in die alte Heimat zurück. Ihre Gespräche und Erfahrungen hat sie in ihrem Buch "Rückkehr nach Polen" verarbeitet. Den Chopin zur Lesung spielt der junge Moskauer Pianist Dmitry Shishkin.

Bewährt hat sich schon während der eigentlichen Spielzeit im Juni und Juli der "SoundBlaster" - ein Lastwagen, auf dessen Ladefläche ein Ensemble Livemusik spielt und der an ganz verschiedenen Orten auftaucht. "Damit haben wir ein Publikum erreicht, an das wir sonst nie rankommen", sagt Gerhard. Daher wird der "SoundBlaster" auch in den nächsten Wochen dreimal unterwegs sein. "Sollte uns Corona dann doch noch einen Strich durch die Rechnung machen, der Lastwagen erfüllt auf jeden Fall alle Hygienevorschriften." Eine Ungewissheit bleibt eben bis zum Schluss.

Wie witzig man die Hygieneregeln übrigens auslegen kann, führt die A-capella-Gruppe Slixs in einem eigens für die Festspiele geschriebenen Song auf der Startseite des EW-Internetauftritts vor. Live hören kann man Slixs während des Festivals natürlich auch (27. September).

Europäische Wochen Passau, Freitag, 11. September bis Sonntag, 4.Oktober, Infos unter www.ew-passau.de

© SZ vom 08.09.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite