Abschiedstournee:Die "Erste Allgemeine Verunsicherung" geht in Rente

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EAV

Ein Bild vom EAV-Album "Werwolf-Attacke!" mit Klaus Eberhartinger als Dracula und Thomas Spitzer als Teufel.

(Foto: Karl Schrotter)

Die Satire-Band hat mehr als vierzig Jahre lang ihre Mischung aus Pop, Politik, Comic und Klamauk perfektioniert. Nun verabschieden sich die Österreicher mit einer Abschiedstour - und kommen auch nach München.

Von Michael Zirnstein

Freundschaften fürs Leben beginnen so: Ein Medizinstudent aus Braunau namens Klaus liebt in Graz eine junge Frau - wobei sich die Beziehung zu ihrem Mitbewohner als haltbarer erweisen soll. Bei der ersten Begegnung erschrickt der Student und fragt die Freundin, was "Es" denn sei, was da zur Tür hereinkomme. Das sei ihr Bruder Thomas, sagt sie. Klaus beobachtet fasziniert, wie dieser um 9 Uhr früh "ziemlich übernächtigt einen Liter Milch austrinkt, die langen schwarzen Haare wäscht und auf einem Handtuch am Teppich ausbreitet, einschläft und schnarcht". Klaus denkt sich: "Nicht uninteressant."

Der erste Eindruck täuscht nicht, "wir haben uns dann gut verstanden". Untertreibung! Thomas Spitzer, der nach Wien an die Kunstakademie geht, begeistert Klaus Eberhartinger mit seinen vom derben Stil des Comic-Stars Robert Crumb beeinflussten Zeichnungen, etwa zum Volksbegehren gegen das Bundesheer, wo er einem Soldaten mit Schwarzenegger-Körper ein "Denkwimmerl" als Kopf aufsetzte - "in dieser Humor-Ecke treffen sich nicht alle". Spitzer sah im drei Jahre älteren Eberhartinger, der im Kommunistischen Studentenverband aktiv war, seinen "politischen Mentor". Dieses Grund- und Humorverständnis ist bis heute geblieben, da die nun älteren Herren Häuser und ein Tonstudio nebeneinander in Kenia gebaut haben, wo sie es in Zukunft entspannter angehen lassen: Nach gut 40 Jahren verrenten sie ihre Satire-Band Erste Allgemeine Verunsicherung.

Anfangs war Eberhartinger von den ersten Rocktheater-Versuchen Spitzers mit dessen Kunst-Kumpels kaum angetan. "Das ist doch ein Scheiß", mahnte er ihn, als ein erster großer Auftritt im Wiener Schauspielhaus anstand, "nimm dir eine Schreibmaschine, fahr drei Wochen auf die Alm, setz dich hin und schreib was Gescheites". Das leuchtete Spitzer ein, zumal er nicht auf die musikalischen Fähigkeiten der Dilettantentruppe vertraute, über die er mit einer Art "Rock-Comic auf der Bühne" hinwegtäuschen wollte. Gespannt saß Eberhartinger bei dieser ersten Show der "1. Allgemeinen Verunsicherung" 1977 auf dem Parkett. "Da kamen die mit Hundemasken herein, eingesickert durchs Publikum, das dauert sechs, sieben Minuten, ich dachte mir: Ja, gut, aber ... im dramaturgischen Gebälk ächzt das schon noch." Die Aktion sei vom Anarcho-Clown Django Edwards beeinflusst gewesen, erklärt Spitzer, der sich auch an einem anderen Bürgerschreck orientierte: Frank Zappa. An dem schätzte er alles, auch die Liebe zur Zwölftonmusik, vor allem aber die "Vielfalt und Frechheit": "Ohne Zappa hätte es die EAV nicht gegeben."

Gerade in den linken Clubs der BRD schätzte man den "Alpen-Punk" (ihr erster Hit) und die "satirischen Supershows" (die Presse) wie den Weihnachtswahnsinn "Lametta-Scheinwelt" oder die Jugendkultur-Parodie "Café passé". Im Onkel Bö in Hamburg saß ein angeblich begeisterter Otto Waalkes an der Kasse. Zu der Zeit war Eberhartinger nur beratend dabei. Erster Sänger war Wilfried, bereits ein Pop-Profi. Später kam Gert Steinbäcker, dem mit Günther Timischl als Ton-Licht-Mann und Schiffkowitz im Chor auch der Rest des aufstrebenden Folk-Trios STS folgte. Erst als sich der Zeremonienmeister der EAV, Walter Hammerl, das Leben nahm, bat Spitzer seinen alten Freund Klaus einzusteigen. Eberhartinger hielt 1981 angeblich zum ersten Mal ein Mikrofon in der Hand.

EAV

Jede Zeit hat ihre Masken: Zu sehen ist die EAV um 1978, damals noch ohne Sänger Klaus Eberhartinger.

(Foto: privat)

Bald hatte der Irrsinn sein Gesicht, seine Stimme. Anfangs ein Randphänomen, fast ein Proto-Rap, schwappte die Neue Deutsche Welle die EAV wie Haie im Clownfisch-Gewand an den Familienbadestrand: Die fünfte LP "Geld oder Leben" mit dem Hit "Märchenprinz" wurde auf Schullandheimbusfahrten in Dauerschleife nachgegrölt. "Ba-Ba-Ba-Ba-Banküberfall, das Böse ist immer und übe-rall". Dass sie nun die "Blödelband Nummer 1" waren und bei "Wetten, dass...!?" die Pop-Kasperl, sei ihnen "schon ein Dorn im Schuh" gewesen, sagt Eberhartinger. Andererseits jubelten sie so politische Kritik unters Volk, tourten 1985 und 1989 in der DDR, und prangerten Atomverstrahlung (das vom BR boykottierte "Burli") und Sextourismus ("Herr Meier", "Jambo") im Massenradio an - wann hat das vor und nach der EAV je einer gewagt?

Es sei eine gewisse Müdigkeit eingetreten

Auf ihrem Abschlussalbum "Alles ist erlaubt" prangern sie die "Unterschreitung der untersten Geschmacksgrenzen" im Internet an, machen sich über den Reibach mit Veganern lustig ("Salatisten Mambo"), entlarven Lügen der Volksvertreter ("Trick der Politik"), sagen recht Unverblödeltes über Freiheit und Dankbarkeit, und werden mehrmals deutlich, wo sie grundsätzlich und in der Flüchtlingsfrage stehen: "Es gibt nur eine Welt / Und die ist frei von Grenzen." Weil sie selbst und Kollegen wie Wolfgang Ambros gerade große "Scheißestürme" aus dem rechten Lager ertragen müssten, sei es wichtiger denn je, "dass Intellektuelle und Künstler Stellung beziehen".

Warum nur hören sie dann auf? Es sei eine gewisse Müdigkeit eingetreten, so Eberhartinger, durch das "sich Wiederholen sei der Boden monokulturell ausgelaugt". Er wolle "nicht nix tun", suche nur nach anderen Formaten, etwa plant er eine Fernsehdoku-Serie über die Flying Doctors und andere "tolle Hilfsorganisationen". Auch für Spitzer gibt es "noch andere Möglichkeiten, etwas zu sagen", Theaterstücke zum Beispiel. Insgeheim wartet er aber schon darauf, das eine politische Situation ihn und Eberhartinger wieder künstlerisch "zusammenzwingt". Diese Freundschaft überdauert sogar die "Pop-EAV, die bis zum Tod ,Küss die Hand, schöne Frau'" spielt.

1000 Jahre EAV, So., 10. März, Deutsches Theater (ausverk.), 8., 17. und 18. Juli, Tollwood

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