Erinnerungszeichen:Der Fememord im Forstenrieder Park

Erinnerungszeichen: Sie zeigte ein illegales Waffenlager an und bezahlte das mit ihrem Leben: Maria Sandmayr.

Sie zeigte ein illegales Waffenlager an und bezahlte das mit ihrem Leben: Maria Sandmayr.

(Foto: Staatsarchiv München/oh)

Der Tod der jungen Maria Sandmayr war seinerzeit ein erschütterndes Ereignis, Schrifsteller und Theatermacher griffen ihn auf. Der Bezirksausschuss will nun mit einer Stele an das Schicksal des Dienstmädchens und den rechten Terror erinnern

Von Jürgen Wolfram, Forstenried

Es muss ein Schock gewesen sein für die beiden Burschen, die am 6. Oktober 1920 im Forstenrieder Park unterwegs waren: Mitten im Wald stießen sie auf die Leiche einer jungen, blonden Frau. Ihr Kopf war mit einer Schnur an einen Baum gebunden, darüber ein Stück Karton mit der Aufschrift: "Du Schandweib hast verraten Dein Vaterland. Du wurdest gerichtet von der Schwarzen Hand."

Bei der Erdrosselten handelt es sich um das Dienstmädchen Maria Sandmayr, geboren 1901 im Bezirk Dachau. Sie hat vorschriftsmäßig ein illegales Waffenlager gemeldet, das sie bei einem früheren Dienstherren, dem Grafen von Fischler von Treuberg, auf Gut Holzen bei Augsburg entdeckte. Kanonen und 80 Gewehre soll das Arsenal umfasst haben. Waffen zu besitzen war den Deutschen zu jener Zeit nach den Bestimmungen des Versailler Vertrags verboten. Aus Rache für den angeblichen Verrat ermordeten Mitglieder der bayerischen Einwohnerwehr, einer nationalistischen Vereinigung, die junge Frau.

An diesen Fememord will der Bezirksausschuss Thalkirchen-Obersendling-Forstenried-Fürstenried-Solln künftig mit einer Stele oder Tafel erinnern. Wann und wo genau am Rand des Forstenrieder Parks dieses "Erinnerungszeichen" aufgestellt beziehungsweise angebracht wird, ist zwar noch offen, doch liegt bereits ein Grundsatzbeschluss der Stadtteilvertretung vor, die Sache Sandmayr nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

"Wir sollten an den rechten Terror, den es schon vor der NS-Herrschaft gab, erinnern", sagte SPD-Fraktionssprecherin Dorle Baumann, dafür gebe es gerade in der Gegenwart gute Gründe. Auf Ablehnung stieß der Vorschlag lediglich bei den beiden Vertretern der AfD, und auch Richard Panzer (parteilos) meldete Bedenken an. Eigentlich wolle die Stadt nur der Opfer des Nazi-Regimes gedenken, so interpretierte Panzer die Münchner Gepflogenheiten. Zeitlich noch weiter zurück zu gehen, sei nicht Usus. Allerdings ist der Fememord im Forstenrieder Park seinerzeit ein derart erschütterndes Ereignis gewesen, dass es selbst Schriftsteller wie Lion Feuchtwanger und Theaterleute wie Ödön von Horváth literarisch inspirierte.

Maria Sandmayr besiegelte ihr Schicksal, indem sie in München den falschen Leuten von ihrem Waffenfund erzählte. Auch Hans Schweighart, ein "Einwohnerwehrmann", bekam über Umwege Wind von der Sache. Gemeinsam mit zwei Gesinnungsfreunden fuhr er mit dem Auto bei der 19-Jährigen in der Tengstraße vor und forderte sie auf, einzusteigen, um sich einer Befragung zu unterziehen. Tatsächlich fuhren sie direkt in den Wald südlich der Stadt und brachten die Frau um. Die Polizei vermutete zunächst eine Beziehungstat. Als sie endlich die Spur der rechtsgerichteten Täter aufnahm, hatten diese sich längst ins Ausland abgesetzt. Der Anstifter des Fememordes, Hans Schweighart, floh nach Österreich - mit einem falschen Pass, den ihm ausgerechnet der Leiter der politischen Polizei in München ausgestellt haben soll. 1921 wurde Schweighart dort verhaftet. Sein Komplize Hermann Berchtold gestand schließlich im Jahr 1931, Maria Sandmayr eigenhändig erdrosselt zu haben. Das Verfahren gegen ihn und seine Mittäter ist da schon längst wieder eingestellt worden. Angemessen gesühnt wurde der Fememord vom Forstenrieder Park nie. Nun soll wenigstens die Erinnerung daran nicht verblassen.

© SZ vom 14.08.2021
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