Erinnerung Neue Stolpersteine für ermordete Juden verlegt - trotz Verbots

Hier wohnten Amalie und Joseph Schuster: Gunter Demnig verlegt Stolpersteine in der Franz-Joseph-Straße.

(Foto: Rumpf)
  • Erneut hat Gunter Demnig Stolpersteine unmittelbar vor Wohnhäusern verlegt, um an ermordete Juden zu erinnern.
  • Weil es sich um Privatgrund handelt, greift das städtische Verbot dort nicht.
Von Wolfgang Görl

Eine Kelle Zement, einige Spritzer Wasser, drei, vier Hammerschläge - fertig. Nein, nicht ganz. Zum Schluss fegt Gunter Demnig noch Zementkrümel mit dem Pinsel weg. Soeben hat der Künstler zwei Stolpersteine vor den Eingang des Jugendstilhauses in der Franz-Joseph-Straße 19 gesetzt. Sie erinnern an Amalie und Joseph Schuster, die hier gewohnt haben und von Nazis ermordet wurden.

Demnigs Stolpersteine auf öffentlichem Grund zu verlegen, hat der Stadtrat untersagt. Doch die schmale Fläche vor dem Jugendstilportal ist Privatgrund, hier greift das Verbot nicht. Und es gibt Menschen wie Dieter Allers und Heinz Gottberg, die diese Form des Gedenkens für angemessen halten. Die beiden Architekten haben das Haus in den Siebzigerjahren saniert und darin eine Wohnung bezogen.

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Bei Recherchen zur Geschichte des Anwesen sind sie auf die Schusters gestoßen: Joseph Schuster, geboren 1879 in Köln, hatte es nach Jahren im Ausland nach München verschlagen, wo er im März 1911 Amalie Reichenberger heiratete, die Tochter eines Königlichen Hoflieferanten. Schuster war als Vertreter für Jutesäcke an der Produktenbörse tätig und musste das Gewerbe im Oktober 1938 aufgeben. Am 17. Juli 1942 wurden er und seine Frau abgeholt und nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Joseph Schuster im Januar 1943 an "Herzbräune", wie es damals hieß. Amalie Schuster wurde 15 Monate später ermordet.

Allers und Gottberg hat das Schicksal des ermordeten jüdischen Paares nicht losgelassen. Sie wollten die Erinnerung an diese Opfer der Nazis wachhalten, sie wollten die Stolpersteine, und auch die Eigentümergemeinschaft votierte einstimmig dafür - ein eindrucksvolles Beispiel von "Bürgersinn", lobt Terry Swartzberg, der Vorsitzende des Vereins "Stolpersteine für München", bei der Zeremonie am Montagnachmittag. Anschließend wandern Swartzberg, Demnig und die Aktivisten der Stolperstein-Initiative in die Widenmayerstraße und die Bayerstraße, wo sie ebenfalls Stolpersteine auf Privatgrund verlegen.

Stolpersteine an zwei weiteren Standorten

Der Stein in der Widenmayerstraße 16 erinnert an Ernst Basch, Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie aus München. Er hatte Jura in Berlin studiert, wurde aber wegen seiner Herkunft nicht als Beamter in den Justizdienst übernommen. Basch erkannte rasch, welche Gefahr von den Nazis ausging. Bereits im Frühjahr 1933 floh er zusammen mit seiner Frau in die USA. Auch seine Eltern wollte er zur Flucht bewegen, doch sie blieben.

Der Vater starb unter ungeklärten Umständen am 1. Oktober 1940 in München. Seine Witwe wurde 1942 gezwungen, eine "freiwillige Spende" in Höhe von 15 000 Reichsmark zur Finanzierung des Lagers Milbertshofen zu leisten. Kaum hatte sie den Betrag bezahlt, wurde sie nach Theresienstadt deportiert und dort am 18. Juni 1942 ermordet. Ernst Basch, der sich in den USA Ernest Ashton nannte, arbeitete als Schriftsteller und Übersetzer in der Nähe von New York, wo er am 20. Februar 1983 starb.

Helene Simons verbrachte ihre letzten Monate in Freiheit in der Pension Royal in der Bayerstraße 25. Die Konzertsängerin war Anfang der 1920er Jahre mit ihrem zweiten Ehemann, dem Arzt Ernst Simons, nach Bad Reichenhall gezogen, wo Simons zeitweise als Kurarzt wirkte. Obwohl die Eheleute zum Protestantismus konvertiert waren, wurden sie wegen ihrer jüdischen Abstammung verfolgt.

Nach dem Tod des Gatten 1938 quartierte sich Helene Simons in der Pension Royal ein. In den Morgenstunden des 20. November 1941 wurde sie gefangen genommen und mit rund 1000 Münchner Juden nach Kaunas in Litauen deportiert. Am 25. November 1941 wurden alle Deportierten auf Befehl des Standartenführers Karl Jäger erschossen.

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