Erinnerung an NS-Opfer:Die Mahnmale und die Schicksale dahinter

Statt Stolpersteinen werden in München Stelen für die Opfer der NS-Diktatur enthüllt. Damit soll an deren ehemaligen Wohn- oder Arbeitsorten ein Gedenken auf Augenhöhe möglich sein.

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Amalienstraße 44: Walter Klingenbeck

Walter Klingenbeck

Quelle: SZ

Als Walter Klingenbeck von der Gestapo verhaftet wurde, war er erst 17 Jahre alt. Der Münchner, der gerade bei der Firma Rohde & Schwarz eine Lehre zum Schalttechniker absolvierte, hatte gemeinsam mit drei Freunden ausländische Radiosender gehört und Nachrichten weiterverbreitet, Flugblätter gegen die Nazis gedruckt, amerikanische "Victory"-Zeichen an Hauswände gemalt - und im jugendlichen Übermut anderen davon erzählt. Wenig später wurde er verhaftet. Im Verhör und im Prozess nahm er die Schuld auf sich allein und rettete damit wohl seinen Freunden das Leben.

Klingenbeck wurde im September 1942 vom sogenannten Volksgerichtshof wegen "landesverräterischer Feindbegünstigung" sowie "Vorbereitung zum Hochverrat" zum Tode verurteilt. Am 5. August 1943 wurde er in Stadelheim mit dem Fallbeil hingerichtet. Als er starb, war er 19. Klingenbeck stammte aus einem katholischen Elternhaus und war stark im Glauben verwurzelt; der Kirche gilt er als Märtyrer. Bislang ist unter anderem ein Fußweg neben der Staatsbibliothek nach ihm benannt.

An Klingenbecks 75. Todestag, dem 5. August, wird um 11.45 Uhr eine Gedenktafel am Wohnhaus seiner Eltern an der Amalienstraße 44 enthüllt.

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Daiserstraße 45: Ludwig Holleis

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Ludwig Holleis sei ein freundlicher und lebenslustiger Mann gewesen, so hat es seine Nichte dem Münchner Stadtarchiv erzählt. Viel mehr ist über den gebürtigen Rosenheimer persönlich nicht bekannt. 1897 als siebtes Kind in eine Bäckerfamilie geboren, lernte Holleis den Beruf des Ankerwicklers und Elektromaschinenbauers. Später wohnte er mit seiner verwitweten Mutter und der Familie seines Bruders Andreas in Sendling an der Daiserstraße 45. Dort wurde er am 7. Januar 1944 verhaftet.

Dabei ging es der Gestapo eigentlich um seine Schwester. Diese, Emma Hutzelmann, hatte mit ihrem Mann Hans und Gleichgesinnten die "Antinazistische Deutsche Volksfront" gegründet und sowjetische Kriegsgefangene unterstützt. Im Frühjahr 1944 hob die Gestapo die Gruppe aus. Was Ludwig Holleis vom Widerstand seiner Schwester wusste, ist unklar. Doch Emma hatte in der Küche an der Daiserstraße eine Blechkassette versteckt, deren Inhalt Ludwig nach Emmas Verhaftung mit einer anderen Schwester vernichtete. Die Gestapo folterte Holleis, um Informationen aus ihm herauszupressen. Am 29. März 1944 starb er an den Folgen.

Die Stele für Holleis wird am Freitag, 27. Juli, um 15 Uhr enthüllt.

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Mauerkircherstraße 13: Siegfried und Paula Jordan

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Paula und Siegfried Jordan konnten sich lange Zeit nicht entschließen, Deutschland zu verlassen, zu sehr liebten sie die Berge, München und Bayern. Beide waren Jahrgang 1889, sie stammte aus Steinach an der Saale in Unterfranken, er war gebürtiger Münchner, beider Eltern waren Viehhändler. Siegfried erlebte den Ersten Weltkrieg als Soldat, Paula als Krankenschwester. Nachdem sie 1921 geheiratet hatten, fanden die beiden Eheleute in München zunächst ihr Glück. Sie betrieben eine Kunsthandlung an der Blumenstraße, 1923 kam ein Sohn zur Welt, ab 1925 lebte die Familie an der Mauerkircherstraße 13.

Dort blieben die Jordans auch, als die Nazis die Regierung übernahmen, als sie ihre Galerie an einen Schwager übergeben mussten, weil sie Juden waren, und als immer mehr Geschwister in die USA emigrierten; und irgendwann war es zu spät. 1938 wurde Siegfried Jordan vorübergehend ins KZ Dachau verschleppt. Im Mai 1939 gelang es den Jordans, ihren einzigen Sohn Peter nach Großbritannien zu retten. 1941 wurden die Eheleute nach Kaunas in Litauen deportiert und dort am 25. November 1941 von der SS erschossen.

Die Stele für Paula und Siegfried Jordan wird am Donnerstag, 26. Juli, um 15 Uhr enthüllt.

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Auenstraße 15: Therese Kühner

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Die Köchin Therese Kühner, geboren am 25. April 1884 in Unterweikershofen, trat 1929 aus der katholischen Kirche aus und schloss sich den Bibelforschern an. Die Religionsgemeinschaft, die sich von 1931 an "Jehovas Zeugen" nannte, wurde von den Nazis unerbittlich verfolgt, viele von ihnen wurden hingerichtet, weil sie den Kriegsdienst verweigerten. Therese Kühner wurde am 2. August 1943 zusammen mit ihrer Schwägerin Else Danhofer verhaftet. Unter anderem wurde ihr zur Last gelegt, dass sie wiederholt verbotene Schriften der Zeugen Jehovas erhalten und weitergegeben hatte. Zudem hatten in ihrer Wohnung in der Auenstraße Treffen der Zeugen Jehovas stattgefunden, auch einen Apparat zur Vervielfältigung von Schriften entdeckte die Gestapo.

Nach mehr als einem Jahr Haft in verschiedenen Gefängnissen wurde Kühner im August 1944 in das Frauengefängnis Moabit überführt. Der Volksgerichtshof verurteilte sie und drei weitere Zeugen Jehovas - darunter ihre Schwägerin - wegen "Wehrkraftzersetzung" zum Tode. Therese Kühner wurde am 6. Oktober 1944 in Berlin-Plötzensee enthauptet.

Die Erinnerungsstele für Therese Kühner wird am Freitag, 27. Juli, 17 Uhr, in der Auenstraße enthüllt.

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Königinstraße 85: Franz und Tilly Landauer

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Franz Landauer, geboren im Juli 1882, war der Bruder Kurt Landauers, des berühmten Präsidenten des FC Bayern. Die jüdische Familie Landauer besaß ein angesehenes Modegeschäft in der Kaufingerstraße. 1908 heiratete Franz Landauer die 21-jährige Tilly Höchstädter, die Tochter eines Kommerzienrats. Das Paar zog in die Königinstraße 85. Im Ersten Weltkrieg kämpfte Landauer an der Westfront, wo er mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet wurde. Ende der Zwanzigerjahre musste das Modehaus schließen, Landauer machte als Versicherungsvertreter weiter.

Kaum waren die Nazis an der Macht, geriet die Familie in die Maschinerie der Judenverfolgung. Die Landauers wurden gezwungen, ihre Wohnung zu verlassen, der Arbeitsplatz ging verloren, ebenso ihr Hab und Gut. Im August 1939 gelang dem Paar die Ausreise nach Amsterdam. Nach dem Überfall auf die Niederlande verschleppten die deutschen Besatzer die Familie ins KZ Westerbork, wo Franz Landauer am 10. Juli 1943 starb. Seine Frau Tilly wurde ins KZ Theresienstadt deportiert und am 15. Oktober 1944 in den Gaskammern ermordet.

Die Erinnerungstafel für die Landauers wird am Donnerstag 26. Juli, 11 Uhr, in der Königinstraße 85 enthüllt.

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Mandlstraße 21: Friedrich Crusius

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Friedrich Crusius wurde 1897 in Tübingen geboren, sein Vater war Professor für Altphilologie. Die Familie zog 1903 nach München, wo Crusius dann auch studierte und mit einem Lehramtsexamen in den klassischen Sprachen abschloss. Nach der Hochzeit mit Thea Stifler übersiedelte er nach Schweden. 1928 erschien aus Crusius' Feder ein Standardwerk für das Lateinstudium. Zurück in Deutschland, trat er eine Stelle als Studienrat an, doch schon bald wurde er wegen "Nervenzusammenbruchs" krankgeschrieben.

Im Oktober 1935 diagnostizierte der Amtsarzt "Schizophrenie". Crusius' Zustand verschlechterte sich, im März 1936 kam er erstmals in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Es folgte ein Aufenthalt im Schwabinger Krankenhaus, wo er mit hohen Insulindosen täglich ins Koma versetzt wurde. Als ihn der Bezirksarzt gemäß den NS-Rechtsnormen als "gemeingefährlich" einstufte, wurde Crusius wieder in Eglfing-Haar eingewiesen. Im Oktober 1940 verlegte man ihn in die Heilanstalt Niedernhart-Linz. Dort starb er am 8. März 1941 - eines von vielen Opfern der Euthanasie-Morde.

Die Erinnerungsstele für Friedrich Crusius wird am Donnerstag, 26. Juli, um 13 Uhr in der Mandlstraße 21 enthüllt.

© SZ vom 25.07.2018/vewo
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