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Tassilo:Faszinierend real

Hans Prockl, geboren 1948, stammt aus Wimpasing bei Lengdorf, lebte lange in München, und ist seit einigen Jahren wieder zurück im Isental, nur etwas weiter flussabwärts in Wörth bei Schwindegg.

(Foto: Hans Prockl/oh)

Hans Prockl dokumentiert seit Jahrzehnten Menschen aus seiner nahen Umgebung in Interviews, Fotos und Filmen

Von Florian Tempel, Erding

Hans Prockl nimmt seit mehr als 50 Jahren Zeitzeugen in Bild und Ton auf. Er macht Interviews, Fotos und Filme mit Menschen aus seiner nahen Umgebung. Er hat zudem die gewaltigen Veränderungen der Landschaft durch den Bau des Münchner Flughafens und der Isentalautobahn jahrelang mit der Kamera begleitet. Prockls ganz und gar eigenständige Dokumentationen entfalten dabei stets eine besondere und eigenartigen Wirkung, sie haben spröden Charme und ernste Liebenswürdigkeit.

Er selbst hält sein Tun für gar nicht so recht erklärbar. Sein Drang, die Welt und die Menschen so festzuhalten, wie sie wirklich zu sein scheinen, "entzieht sich im Grunde jeder rationalen Erkenntnis", sagt er selbst. Vielleicht liegt ja genau darin das Geheimnis und die Faszination gelungener dokumentarischer Arbeit. Die Nominierung für den Kulturpreis der SZ soll das unterstreichen.

Hans Prockl, geboren 1948, stammt aus dem Weiler Wimpasing bei Lengdorf, da, wo heute eine riesige Autobahnbrücke sich betonhart über das Isental legt. Nach einem Physik-Studium hat er lange in München gelebt, wo er 37 Jahre lang an der Realschule und Fachoberschule der Stiftung Pfennigparade Mathematik, Physik, Informatik und Dokumentarfilm unterrichtete. Als Rentner ist er zurück aufs Land gezogen, wieder ins Isental, wenn auch an eine andere Stelle, flussabwärts im Dörfchen Wörth bei Schwindegg.

Im Laufe der Jahre hat er sehr viel, meist kurze Filme gemacht, aber in jüngere Vergangenheit auch zwei wunderbare Bücher. 2015 hat er den Fotoband "Menschen aus der Region Buchbach-Schwindegg" herausgebracht, in dem er Frauen und Männer aus der Gegend an ihren Arbeitsplätzen porträtierte. Im vergangenen Jahr legte er das Buch "Landleute" nach. Darin versammelte er zwölf Interviews, von denen die beiden ältesten aus den Jahren 1965 und 1966 stammen, eines von 1978 und die anderen aus den Jahren 2015 bis 2018. Zu Wort kommen Menschen, die am Oberlauf des Flüsschens Isen leben oder gelebt haben. Das ist die Klammer dieser "Oral History"-Interviews, die er mit ganz normalen Menschen geführt hat. Die Geschichten, die sie erzählen, sind wesentliche Bestandteile einer Graswurzel-Geschichtsschreibung, die sich nicht an politischen und anderen Großereignissen orientiert, sondern am Leben des Einzelnen. Die Bedeutung solcher Gesprächsaufzeichnungen lässt sich unmittelbar erahnen. Doch in späterer Zukunft werden die Leser erst noch richtig staunen. Wir tun es freilich heute schon.

Nur ein paar Beispiele: Am Ostersonntag 1978 hat Prockl ein Interview mit dem damals 68 Jahre alten Wagner, Bauhilfsarbeiter und Totengräber Isidor Hein in Innerbittlbach aufgenommen. Isidor Hein sinniert über Land und Stadtmenschen, über Kinder in Afrika, die harte Erntearbeit als junger Mann und eine Neuerung, die er anders machte als sein Vater: Isidor Hein maß die Wagenräder in Zentimeter aus, sein Vater maß noch in Zoll. Oder das 1966 aufgezeichnete Gespräch mit der damals 78-jährigen Häuslerin Katharina Feckl. Prockl hat es auf Bairisch transkribiert und daneben eine hochdeutsche Übersetzung gestellt, in zwei Spalten nebeneinander. Es geht intensiv um Krankheit und Verwandtschaft, Leiden und Sterben. Und mittendrin wird der Katharina Feckl übel, sie würgt und speit in einen Kübel - und dann redet sie weiter.

Die beiden Bücher, die ihm Christine Ball hervorragend layoutet hat, sind natürlich im Selbstverlag herausgekommen. "Die Bücher sind keine Ware", betont Hans Prockl, "sie sind entstanden, weil ich Lust hatte sie zu machen". Gedruckte Bücher seien letztlich doch "die beständigste Information", abgesehen von in Stein gemeißelten Inschriften. Das wurde ihm persönlich klar, als er die Lebensdaten von verstorbenen Interviewten nachrecherchierte. Die gesuchten Geburts- und Todesdaten fand er auf ihren Grabsteinen.

Einige seiner früheren Filme hat er seinerzeit in Kinos gezeigt. Lang ist das her, an Abenden in Wasserburg, Dorfen, Erding oder München. Youtube hat Hans Prockl neue und ganz andere Möglichkeiten gegeben, seine Filme zu veröffentlichen. Er musste sich mit dem Internet erst anfreunden, doch nun ist er begeistert. Kostet ihn nichts, kostet den Zuseher nichts, allein das ist ja schon toll. Denn wie seine Bücher sind auch seine Filme keine Ware, sondern das, was er zu geben hat.

63 Filme stehen bereits auf seinem Youtube-Kanal, den mehr als 900 Menschen abonniert haben. Der Renner ist ein Film über einen Lanz-Bulldog mit fast 650 000 Aufrufen. Es ist ein typischer Prockl-Film, der allerdings bei Oldtimer-Fans perfekt ankam. Seinen Youtube-Kanal betreut er nun täglich. "Es ist wie, wenn ich etwas pflanze in meinem Garten und dann schaue ich vorbei, wie es gedeiht."

Wenn Sie eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den SZ-Kulturpreis vorschlagen wollen, schreiben Sie bitte bis 30. April eine E-Mail an tassilo@sz.de.

© SZ vom 09.04.2021
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Tassilo
:Ein eingespieltes Frauenteam

Seit 2008 führen Renate Eßbaumer und Manuela Schieder bei der Volksspielgruppe Altenerding Regie. Das Repertoire des Vereins haben sie ständig erweitert. Es reicht von der leichten Boulevardkomödie bis zum sozialkritischen Drama. Als nächstes ist ein Mammutprojekt in Planung

Von Regina Bluhme

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