1250 Jahre Dorfen:Weckruf zum Stadtjubliäum

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1250 Jahre Dorfen: Ausschnitt aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts, in welcher der Text einer älteren, auf den 28. August 773 datierten Urkunde steht, in der Dorfen erstmals erwähnt wurde.

Ausschnitt aus einer Handschrift des 12. Jahrhunderts, in welcher der Text einer älteren, auf den 28. August 773 datierten Urkunde steht, in der Dorfen erstmals erwähnt wurde.

(Foto: Historischer Kreis Dorfen)

Die Stadt Dorfen hat kein vernünftiges historisches Archiv. Geschichtswerkstatt und Grün-Alternative Liste fordern nun angesichts der bevorstehenden 1250-Jahrfeier schnelle Abhilfe. Dringenden Handlungsbedarf konstatiert auch ein seit 2018 unter Verschluss gehaltenes Gutachten.

Von Florian Tempel, Dorfen

Der Dorfener Bürgermeister zitiert bei amtlichen Ansprachen seit Neuestem gerne mal aus Goethes "Faust". Weil der Klassiker im kommenden Jahr zur 1250-Jahrfeier als Freilichttheater inszeniert wird, promotet Heinz Grundner (CSU) das geplante Jubiläums-Spektakel nun bei jeder Gelegenheit. Goethe und Dorfen haben zwar nicht viel gemeinsam, aber eines doch: den gleichen Geburtstag. Die erste Erwähnung Dorfens datiert auf einen 28. August, Baby Johann Wolfgang erblickte, auf den Tag genau, 976 Jahre später in Frankfurt am Main das Licht der Welt. Man weiß das so genau, weil beide Ereignisse beurkundet und archiviert wurden - nicht in Dorfen, aber anderswo.

Die Geschichtswerkstatt Dorfen weist nun in einem Brief an den Stadtrat auf einen schon länger anhaltenden Missstand hin: Die Stadt Dorfen hat kein vernünftiges historisches Archiv. Die gesammelten Dokumente und Schriften, die im Besitz der Stadt sind, werden seit vielen Jahren weitgehend ungeordnet und nur unzulänglich gesichert in Räumen im städtischen Bauhof aufbewahrt. Dass dringender Handlungsbedarf besteht, ist seit Jahren klar, wird aber angesichts des bevorstehenden Stadtjubiläums nun überdeutlich. Die erste urkundliche Erwähnung als Anlass für eine Feier zu nehmen, sich aber nicht sorgsam um die eigene Geschichte zu kümmern, das passt nicht zusammen. Die Stadtratsfraktion der Grün-Alternativen Liste (GAL) hat bereits reagiert und fordert in einem förmlichen Antrag, möglichst schnell Abhilfe zu schaffen.

Am 28. August 773 schenkte ein gewisser Graman seinen geerbten "Ort namens Dorfen" samt allen "Baulichkeiten, Gehöften, Leibeigenen, Meiereien, Bediensteten, Höhenzügen, Wiesen, Weiden, Vieh, Ländereien, Wälder, bewaldete Hügel, Vieh, Mühlen, Wasserläufen und Gerätschaften" dem Bistum Freising. Die originale Schenkungsurkunde gibt es zwar nicht mehr. Doch der Text wurde im 9. Jahrhundert zusammen mit anderen Beurkundungen von bischöflichen Schreibern in den so genannten Cozroh Codex übertragen und 300 Jahre später noch einmal kopiert. Die mittelalterlichen Handschriften sind gut erhalten und befinden sich heute im Hauptstaatsarchiv. Sie sind intensiv erforscht, es gibt Übersetzungen der lateinischen Texte und jede einzelne Seite ist in digitalisierter Form allen Interessierten im Internet zugänglich.

Im Archiv der Stadt Dorfen existiert hingegen nicht einmal ein Verzeichnis dessen, was dort aufbewahrt wird. Es gibt nichts: keinen Karteikasten, kein Findebuch, nicht einmal eine einfache Liste. Auch die Lagerung der Schriften und Dokumente in Aktenordnern und Umzugskisten ist nicht sachgemäß. Wie zeitgemäße Stadtarchive aussehen, darüber kann man sich in Wasserburg und Grafing erkundigen. Beide Städte sind ebenso alt wie Dorfen, haben eine ähnliche Einwohnerzahl, aber professionell geleitete, bestens sortierte und öffentlich zugängliche Archive.

"Wir sind nicht die ersten und einzigen, die hier Handlungsbedarf sehen", heißt es im Schreiben der Geschichtswerkstatt Dorfen. Schon seit Ende 2018 liegt ein Gutachten der Archivarin Kirsten Stahmann vor, in dem die Professionalisierung und Verbesserung des Stadtarchivs dringend angemahnt wird. Passiert ist seitdem nichts. Die Dorfener Stadträte kennen das Gutachten nicht einmal. Bürgermeister Grundner hält es bislang unter Verschluss.

Als ehrenamtlicher Dorfener Stadtarchivar fungiert seit 1996 der mittlerweile 87-jährige Altbürgermeister Hermann Simmerl. Er erinnert sich noch daran, wie es früher war, als die alten Unterlagen in einem Lagerraum im alten Rathaus abgelegt waren. Beim Neubau des Bauhofs seien immerhin eigene Räume geschaffen worden. Dokumente von besonderem Wert lagerten dort in einem Stahlschrank, sagt Simmerl, der aber auch die vielen Unzulänglichkeiten des Dorfener Archivs erkennt. Das kritische Gutachten ist ihm seit kurzem bekannt. Simmerl räumt ein, dass man die Dinge besser lagern müsste, dass es eine fachmännische Ersterfassung geben müsse, ein schriftliches Verzeichnis, Digitalisierung, öffentliche Zugänglichkeit und so weiter. Das sei "eine Mordsarbeit", für die man "eine Fachkraft brauche". Im Grunde genommen unterstützt Simmerl letztlich alles, was die Geschichtswerkstatt Dorfen fordert: "Es ist eine Geschichte, die man regeln muss."

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