Wohnen im Alter Nicht so groß, barrierefrei und mit Tieren

Sabine Wengg (rechts) von der Münchner Koordinationsstelle "Wohnen im Alter" moderiert den Plieninger Bürgerworkshop.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei einem Bürgerworkshop für eine Plieninger Seniorenwohnanlage geben die Diskussionsteilnehmer dem Bürgermeister und dem Gemeinderat jede Menge Wünsche mit auf den Weg

Von Alexandra Leuthner, Pliening

Welches Seniorenheim passt zu Pliening? Braucht die Gemeinde überhaupt eine Pflegeeinrichtung? Oder viel eher ein gemeinschaftliches Wohnprojekt für ältere Menschen? Betreutes Wohnen vielleicht? Nach einer Expertenrunde mit Vertretern sozialer Trägerinstitutionen, der Rathausverwaltung und des Gemeinderats, die sich vor einigen Wochen getroffen hatten, um über dieses Thema zu reden, hatte die Gemeinde nun die Bürger eingeladen, ihre Wünsche zu formulieren. Seit Jahren werden in Pliening Überlegungen dazu angestellt, die Gemeinde besitzt längst ein Grundstück in der Ortsmitte, wo eine, wie auch immer gestaltete Anlage entstehen kann und soll.

Moderiert wurde der Bürgerworkshop wie schon das Expertengespräch von Sabine Wenng von der Münchner Koordinationsstelle "Wohnen im Alter", gemeinsam mit ihren beiden Mitarbeiterinnen Annegret Schefold und Ute Werner. Sie baten die etwa 35 älteren Plieninger, die sich im Bürgersaal zusammen gefunden hatten, an drei Flipcharts in getrennten Arbeitsgruppen ihre Vorstellungen zu formulieren. Dabei ging es nicht nur um mögliche Wohnformen, sondern auch um Wünsche an die pflegerische Versorgung in der Gemeinde, um so genannte unterstützende Hilfen, die ein Wohnen zu Hause für jene Plieninger ermöglichen könnten, die nicht mehr in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Und es ging auch um das, was Wenng als "sozialen Kitt" bezeichnete. Tatsächlich kristallisierte sich ziemlich klar heraus, dass es den älteren Plieningern an einem Ansprechpartner fehlt, der sie in ihren Belangen unterstützt, vielleicht Hilfen vermittelt.

Eine Broschüre wurde genannt, in der mögliche Hilfsangebote aufgelistet sein sollten. Das Bedürfnis gehe aber deutlich darüber hinaus, sei ihr Eindruck gewesen, erklärte Annegret Schefold bei der Zusammenfassung der Ergebnisse. "Der persönliche Kontakt und die Vertrauensbasis sind ein wesentliches Element." Sabine Wenng erklärte, nach aller Erfahrung seien Vernetzung und Beratung durch eine "Kümmer-stelle" in der Diskussion um moderne Quartierskonzepte ganz wichtig. Offene Wohnanlagen mit einer Betreuungs- oder Anlaufstelle könnten als Schnittstelle, als eine Art "Drehscheibe" für das Knüpfen von Kontakten zwischen den Senioren in einer Gemeinde auch über die Wohnanlage hinaus dienen.

Eine Vernetzung, an der es offenbar manchen in Pliening fehlt. "Man kennt sich ja nicht mehr und kümmert sich nicht mehr umeinander", formulierte eine ältere Dame. "Dass einen der Nachbar wahrnimmt", wünsche sie sich vom Zusammenleben in einer gemeinsamen Wohnanlage, sagte eine weitere, während andere Gesprächsteilnehmer darauf Wert legten, einen unantastbaren Rückzugsbereich in einer eigenen Wohnung zu haben. Vor allem den männlichen Teilnehmern an der Runde schienen Unabhängigkeit und eigene Lebensgestaltung wichtiger als gute Kontakte. "Einen Gemeinschaftsraum", sagte ein älterer Herr, "des brauch' i net."

Allzu groß, das wurde deutlich, sollte eine Plieninger Wohnanlage nicht sein, Tiere sollten erlaubt sein, Barrierefreiheit wäre ohnehin eine Grundvoraussetzung. Tatsächlich bestätigte sich auch im Kreis der Plieninger Senioren einmal mehr, dass die meisten älteren Menschen den Wunsch haben, möglichst lange zu Hause wohnen zu bleiben und dafür Unterstützung bekommen möchten. Nur wenige der Teilnehmer konnten sich Moment vorstellen, sich in zwei oder Jahren, wenn eine Plieninger Anlage fertig gestellt sein könnte, dorthin über zu siedeln. Vielleicht wenn auch eine Pflegestation angeschlossen sei, damit man dann nicht noch einmal umziehen müsse, wenn es gar nicht mehr gehe, sagte ein Herr.

Unabhängig davon, wann es in Pliening eine Seniorenwohnanlage geben wird, brachte die Diskussionsrunde noch ein paar andere Dinge zutage, die Bürgermeister Roland Frick, der die Veranstaltung begleitet hatte, als Hausaufgabe mitnehmen konnte. Es fehlt an Parkbänken und Sitzmöglichkeiten im Gemeindegebiet. "Ich kann eigentlich nicht mehr auf eine Beerdigung gehen", klagte ein Herr, "weil ich mich zwischendurch hinsetzen muss, und da is' nix." Zumindest in Landsham fehlt es den Plieningern auch an Einkaufsalternativen zum Netto-Markt. Bis zum Edeka in Gelting müssten sie mit dem Bus fahren. Wenig Einfluss nehmen können wird die Gemeindeverwaltung allerdings auf die von einigen beanstandete Qualität der Pflegedienste. Mehr Kontrolle dieser Dienste hatte Ralf Degenhardt aus Landsham angemahnt, mehr zeitliche Flexibilität in deren Betreuung hatten andere gefordert.

Die Landshamerin Barbara Zeller hat sich offenbar schon einige Gedanken zum Thema gemacht und zeigte sich begeistert von der Planung für das Mehrgenerationenhaus in Landsham, das momentan im Genehmigungsverfahren im Landratsamt steckt. "In Landsham bin ich zu Hause, das könnte ich mir vorstellen." Renate Schoser zeigte ernsthaftes Interesse an einer Anlage in Pliening, warb allerdings auch hier, nachhaltig negativ beeindruckt von einem Seniorenwohnquartier in Kanada, für eine Mischung aus Alt und Jung. "Wunderschöne Häuser, aber vor sieben Uhr in der Früh darf kein Hund bellen und einziehen darf man erst, wenn man 65 ist. Wenn alles nur alt ist, das ist traurig."

Nun wird sich der Gemeinderat in einer der nächsten Sitzungen mit den erarbeiteten Vorstellungen beschäftigen und vermutlich wird die Planung eher zu einer offenen Wohnanlage gehen als zu einem Pflegeheim. Pflegeheime gebe es ja in der Umgebung Plienings mehr als genug, sagte Bürgermeister Frick. Dagegen seien alternatige Wohnformen inzwischen auch im ländlichen Raum immer mehr gefragt, erklärte Sabine Wenng. "Und wenn es gut geführt ist, dann wird das ein Renner."