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Kultur in Anzing:Dem Sein auf der Spur

Im Anzinger Weinbeisser findet Kabarett wegen Corona neuerdings unter freiem Himmel statt. "Der Weiherer" bringt das zahlreiche Publikum mit seinen Liedern zum Nachdenken, aber auch zum Lachen

Von Anja Blum

Als "Helene Fischer des Kabaretts" hat sich Christoph Weiherer einmal gegenüber einem Journalisten selbst bezeichnet. Er möge Schubladen nämlich überhaupt nicht, erklärt er dem Publikum im Hof des Anzinger Weinbeissers trotzig. Und tatsächlich: Schiefer könnte ein Vergleich wohl kaum sein, selbst von Frisur und Figur einmal ganz abgesehen. Denn hier regiert der Schein - dort das Sein. "Der Weiherer", wie der bayerische Liedermacher sich nennt, schaut stets genau hin, er zweifelt, grübelt, prangert an. Aber das alles auf so humorvolle, sympathische Weise, dass dem Zuhörer die teils bitteren Nachdenkbissen nie im Halse stecken bleiben, sondern geschmeidig nach unten rutschen, wo sie dann so langsam verdaut werden können.

Insofern ist die Stimmung im Hof der Kleinkunstbühne in Obelfing von Anfang an gut und wird im Laufe des Abends sogar noch viel besser. Der Weiherer hat sein Publikum im Griff, knapp 20 Jahre Bühnenerfahrung entfalten da ihre Wirkung. Es ist, nach einem Abend mit dem Liedermacher Werner Meier, die zweite Veranstaltung im Weinbeisser, die Corona-bedingt unter freiem Himmel stattfindet, beide waren ausverkauft. Was für ein Glück: Im Karree des Böglhofs ist viel Platz, um die nötigen Abstände einzuhalten, zahllose Tische, Stühle und Bänke hat das Team herbeigeschafft und jene rustikal-gemütliche Atmosphäre geschaffen, für die das Lokal so geschätzt wird. Etwas mehr als 90 Zuschauer sind an diesem Abend versammelt, "das ist die Obergrenze für unsere kleine Küche", sagt Stephie Propstmeier vom Weinbeisser-Team.

Dazu muss man wissen, dass in die gute Stube normalerweise gerade mal 50 Gäste passen, wenn sie kuschlig nebeneinander sitzen. Nun, zu Pandemiezeiten, können dort je nach Gruppengrößen aber nur etwa 20 Menschen untergebracht werden - was die Veranstalter mit Blick auf den Herbst vor große Probleme stellt: Sollten die Auflagen bestehen bleiben, "wäre das weder für die Künstler noch für uns rentabel machbar", erklärt Propstmeier. Deswegen werde man sich bald zusammensetzen, um einen "Masterplan" zu entwickeln. "Vielleicht könnte man jede Veranstaltung auf zwei Abende aufteilen? Und den Eintritt ein bisschen teurer machen?" Hinzu kommt, dass auch die Bewirtung ohne Kultur laut Propstmeier unter schlechtem Wetter leidet, die Menschen wollen sich offenbar nur ungern in geschlossenen Räumen aufhalten. Wofür das Weinbeisser-Team freilich vollstes Verständnis hat: "Man will ja nicht zum Hotspot werden!"

Weinbeisser - Weiherer Open-Air

Nein, ein Sektentreffen ist das nicht, sondern Corona-taugliches Kabarett.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Auch der Weiherer kommt schnell auf Corona zu sprechen. Er habe sehr viele CSU-kritische Lieder, sagt er - ob er die jetzt überhaupt noch spielen dürfe, wo doch Ministerpräsident Markus Söder als oberster Krisenmanager so beliebt sei? Aber klar, es führt ja ohnehin kein Weg daran vorbei: "Wenn i di olle wegstreich, samma glei fertig!" Weiherers Lieblingspolitiker ist ganz klar Alexander Dobrindt, der ehemalige Verkehrsminister. Ein ganzes Lied hat er ihm gewidmet, die Band Der Weiherer und die Dobrindts gegründet und freilich auch ein Lieblingszitat auf Lager, und zwar vom CSU-Parteitag 2010: "Diejenigen, die gestern gegen Kernenergie, heute gegen Stuttgart 21 demonstrieren, agitieren, die müssen sich dann auch nicht wundern, wenn sie übermorgen irgendwann ein Minarett im Garten stehen haben." Auf diese Lieferung Dobrindts, so der Liedermacher, warte er bis heute - "schließlich hob i alle Bedingungen erfüllt".

Doch der Weiherer kann nicht nur politisch, in erster Linie ist er Philosoph. Seine Instrumente, Gitarre und Mundharmonika, beherrscht der Münchner zwar bestens, doch sind sie ihm vor allem Werkzeuge, um seine tiefschürfenden Gedanken in Liedform zu gießen. Bemerkenswert ist, dass die Sprechstimme des 40-jährigen bisweilen umschnackelt wie bei einem Teenager, diese Brüchigkeit beim Singen aber wie weggeblasen ist. Über ein Stück sagt der Komponist selbst, dass es "brutal viel Text, aber kaum Melodie" habe, und beschreibt damit den Weiherer-Stil recht gut. "Wo bleibt der Refrain?" - das fragt sich wohl manchmal nicht nur er selbst.

Aber was solls, es geht hier vor allem um Inhalte, um die bayerische Heimat, dieses Land, das er liebt und zugleich hasst, und die vielen Abgründe des Menschseins. Der Weiherer geißelt Hass und Gewalt, Rassismus und Umweltzerstörung, Konsum- und Technikwahn, Gier genauso wie Bequemlichkeit und Verlogenheit. Er selbst hingegen ist brutal ehrlich, macht auch aus seinem Weltschmerz, aus seinem Unvermögen, das Leben ganz zu verstehen, keinen Hehl. Was ist das Ziel? Alles nur Zufall? Was kommt danach? Manche Texte bestehen mehr aus Fragen, denn aus Antworten. Denn der Weiherer weiß: "Glücklich sei, des is ned so leicht." Was bleibt, ist Selbstironie - und manchmal Hoffnung.

Weinbeisser - Weiherer Open-Air

Der "Weiherer" im Anzinger Weinbeisser.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dazwischen plaudert der Liedermacher munter auf sein Publikum ein, erzählt in hohem Tempo von seiner niederbayerischen Herkunft, vom schweren Los des Kleinkünstlers und von seinem Feldzug gegen die Statistiken des Einzelhandels - mittels der Brunsbütteler Postleitzahl. Auch die Anzinger müssen diese postwendend auswendig lernen, was sie mit Vergnügen tun. Für große Erheiterung sorgt auch das Kapitel "Teleshopping", weil Weiherer es versteht, selbst aus der Werbepause ein humorvolles Ereignis zu machen. Er hat auch mitnichten nur CDs und DVDs dabei, sondern zusätzlich T-Shirts, Bierfuizln, Schafkopfkarten und diverse andere Brunsbütteler Fanartikel. "Kimmts, kaffts - i brauch des Geid", ruft er dem Publikum zu, das dem Aufruf willig folgt. Ganz so wie bei Helene Fischer.

Der Weiherer spielt am Samstag, 10. Oktober, in der Trattoria Limone in Pöring. Im Anzinger Weinbeisser tritt am Mittwoch, 2. September, Thomas Steierer auf. Tickets: buehne@derweinbeisser.de.

© SZ vom 07.08.2020

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