Vorzeigeprojekt vor dem Aus 14 Menschen haben bald kein Dach mehr über dem Kopf

Die Ebersberger Obdachlosenunterkunft der Diakonie schließt Ende März 2019 - der Mietvertrag für das Haus konnte nicht verlängert werden. Was mit den Bewohnern geschieht, ist ungewiss

Von Johanna Feckl, Ebersberg

Das rosarote Haus in der Eberhardstraße ist für viele Menschen zur Heimat geworden, einige leben seit zweieinhalb Jahren hier. Die Chancen der Bewohner auf dem freien Wohnungsmarkt sind schlecht.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Aussichtslos. So scheint die Lage für die 14 Menschen, die derzeit in der Obdachlosenunterkunft der Diakonie in Ebersberg wohnen. Sie stammen aus Ebersberg, Kirchseeon, Markt Schwaben, Aßling und Glonn. Und sie alle müssen bis zum 18. März 2019 das Haus in der Eberhardstraße verlassen - wohin weiß allerdings noch niemand. Der Mietvertrag für die Unterkunft konnte nicht verlängert werden.

Zu Beginn der Woche informierte die Diakonie die Bewohner. "Es ist noch bei keinem sicher, wohin er überhaupt gehen kann", sagt Thomas Wicker. Der Sozialpädagoge betreut die Menschen in der Unterkunft. Trotz all der Ungewissheit ist für den 33-Jährigen eines sicher: "Für jeden wird es erst einmal zwei oder drei Schritte zurück gehen." Seitdem er den Bewohnern mitgeteilt hat, dass sie ausziehen müssen, hat er einige schwierige Gespräche mit ihnen geführt. "Die sind natürlich am Boden zerstört." Nun komme zu all den Problemen, die diese Menschen ohnehin schon mit sich schleppen, auch noch ein neues hinzu: Wo in Zukunft wohnen?

In der Unterkunft betreut ein Sozialpädagoge die Menschen

Theoretisch ist diese Frage klar zu beantworten. Für die Unterbringung von Menschen ohne Wohnung sind die jeweiligen Kommunen zuständig. In vielen Gemeinden gibt es allerdings keine Notunterkünfte für Obdachlose. Sie behelfen sich dann mit angemieteten Zimmern in Pensionen. Das kann teuer werden. Aber selbst davon abgesehen ist ein Pensionszimmer "eine der schlechteren Lösungen", sagt Clarissa Pohl, kommissarische Leiterin des Markt Schwabeners Ordnungsamtes. Denn dort gibt es keine sozialpädagogische Hilfe.

In der Eberhardstraße sieht das anders aus. Dort gibt es Thomas Wicker. Er hilft den Bewohnern bei Behördenangelegenheiten und unterstützt sie bei der Suche nach einer Wohnung. Als die Diakonie das Haus anmietete und im Juni 2016 die ersten Männer und Frauen dort einzogen, war die Unterbringung nämlich als Übergangslösung für sie gedacht, bis sie auf die Beine kommen und eine Wohnung auf dem freien Markt oder eine Sozialwohnung finden.

Manchmal ist das auch gelungen. In den vergangenen zweieinhalb Jahren wohnten 24 Bewohner in dem Haus. Wicker erzählt, dass fünf von ihnen heute in einer Sozialwohnung wohnen. Weitere fünf Ehemalige hatten auf dem freien Wohnungsmarkt Glück, drei zogen in Seniorenheime, immerhin zwei kamen in befristeten Mietverhältnissen unter, einer fand eine Arbeitsstelle und konnte in ein Bedienstetenzimmer ziehen, ein weiterer zog in eine andere Obdachlosenunterkunft und einer ins Ausland. Bei sechs Ehemaligen weiß Wicker nicht, was aus ihnen geworden ist.

Sozialpädagoge Thomas Wicker betreut die Menschen, die in der Unterkunft leben.

(Foto: Christian Endt)

Es gibt aber auch die, bei denen aus den angedachten wenigen Monaten mittlerweile mehr als zwei Jahre geworden sind. Drei der aktuellen Bewohner leben in der Unterkunft seit Juni 2016, also von Beginn an. Die Schwierigkeit: "Sobald jemand vom Jobcenter Geld bekommt - und das ist bei den meisten hier der Fall -, ist es aus", sagt Wicker. Vermieter würden sich lieber für diejenigen Bewerber entscheiden, die ein festes Einkommen haben. Bei jemandem ohne Arbeit würden viele skeptisch: Was stimmt da nicht? Erst recht, wenn derjenige auch noch eine Obdachlosenunterkunft als derzeitigen Wohnort angibt.

Es gibt viele Gründe für Obdachlosigkeit

Die Gründe, warum Menschen obdachlos werden, seien vielfältig, weiß Wicker. Oft steckt eine Scheidung dahinter. Oder andere Schicksalsschläge, wie etwa ein Todesfall. Oder der Verlust des Jobs. Kommt dann beispielsweise eine Eigenbedarfskündigung, dann ist der Weg zur Obdachlosigkeit sehr kurz. "Ohne Arbeit gibt es keine Wohnung, und ohne Wohnung keine Arbeit", sagt Wicker.

Dass die Obdachlosenunterbringung in der Eberhardstraße nun vor dem Aus steht, beurteilen auch die Gemeinden als Verlust. Der Hauptamtsleiter der Stadt Ebersberg Erik Ipsen spricht von einem "starken Projekt" und ist froh, dass die Zusammenarbeit mit der Diakonie so gut funktioniert hat. Die Gemeinden, bei denen die Bewohner gemeldet sind, zahlen jeden Monat 510 Euro an die Diakonie - Ausgaben, die sie vom Jobcenter zurück erhalten. Dafür haben die Betroffenen ein Dach über dem Kopf und eine sozialpädagogische Betreuung. Wo sie die Menschen vom kommenden April an unterbringen sollen, wissen die Verantwortlichen bislang weder in Ebersberg noch in Markt Schwaben. "Wir suchen händeringend nach Unterbringungsmöglichkeiten", sagt Clarissa Pohl.

Eigentümer und bisheriger Vermieter des Hauses in der Eberhardstraße ist eine Stiftung des Landeshauptstadt München, Betreiber die Gewofag. Laut Klaus Voss, Geschäftsstellenleiter der Diakonie in Oberbayern, wurde der Mietvertrag nicht verlängert, weil die Stiftung einen Bauträger gefunden hat. Details sind ihm nicht bekannt. Schon im September hat die Diakonie alle Gemeinden im Landkreis informiert und angefragt, ob die Kommunen selbst Gebäude besitzen, die von der Diakonie angemietet werden könnten. Bislang gab es keine Rückmeldungen. Voss zeigt sich verständnisvoll: "Die können sich ja auch keinen Wohnraum aus dem Ärmel zaubern, den sie einfach nicht haben."