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Hungernde Störche:Drama über den Dächern

Zu wenig Nahrung für zu viele Jungtiere: Ein Storchenpaar auf dem alten Markt Schwabener Schulhaus findet nicht genügend Futter und tötet deshalb seinen Nachwuchs - einen nach dem anderen.

Karin Kampwerth

Dramatisches hat sich in den vergangenen Tagen in Markt Schwaben zugetragen. Gemeint ist ausnahmsweise nicht die Finanzklemme der Gemeinde, über die der Pleitegeier schwebt. Ganz anderes Federvieh rückte in den Blickpunkt des Interesses. Und das via Kamera, über die das Leben im Storchenhorst auf dem alten Schulhaus in Echtzeit beobachtet werden kann.

Das Pärchen, dass sich dort eingenistet hat, bewohnt den Horst nicht nur irgendwie unrechtmäßig. Viel schlimmer ist in den Augen vieler Betrachter die Tatsache, dass die Störche zunächst fünf Eier erfolgreich ausgebrütet haben und sich jetzt offenbar als Rabeneltern erweisen. Eins nach dem anderen bringen sie ihren Nachwuchs um.

Wie in der Internetchronik von Horstbetreuer Richard Straub unter www.storch-in-bayern.de nachzulesen ist, tötete einer der Altstörche am 19. Mai das erste seiner Jungen und verschluckte es. Am nächsten Morgen hätten nur noch drei Junge gelebt. Keine Woche später waren zwei kleine Störche übriggeblieben. Eines der Jungen war von seinen Eltern aus dem Nest geworfen worden. Dort hatte es Richard Straub zwar noch aufsammeln, aber nicht mehr retten können. Das Kleine verstarb in der darauffolgenden Nacht.

Straub, der im Auftrag des Landesbundes für Vogelschutz tätig ist, vermutet hinter der tierischen Tragödie, die sich gerade über den Dächern Markt Schwabens abspielt, eine Verzweiflungstat im Kampf um die knappen Futtergründe. Denn offenbar haben sich zwei Jungtiere auf dem alten Schulhaus ins gemachte Nest gesetzt, um erstmals eine Familie zu gründen.

Das war nur deshalb möglich, weil das Pärchen fast einen Monat früher eingeflogen war wie die eigentlichen Markt Schwabener Störche. Die echten Horstinhaber, die erst Anfang April eintrafen, zogen großzügig die Konsequenzen und suchten sich vier Kilometer entfernt in Forstinning eine neue Bleibe.

Wie die Markt Schwabener den Störchen helfen können

Nun aber, so Straubs Überzeugung, wird der Lebensraum für die Nahrungssuche der vier Störche samt Nachwuchs zu klein. Denn auch das Forstinninger Paar hat offenbar Eier gelegt. Davon ist auch Bürgermeister Arnold Schmidt überzeugt, der den Horst vom Rathaus aus beobachten kann. "Seit ein paar Tagen sitzt immer ein Storch im Nest", sagt Schmidt. Das lasse darauf schließen, das fleißig gebrütet werde oder die Kleinen gar schon geschlüpft sind.

"Störche haben einen Instinkt dafür, die Nahrungssituation einzuschätzen", sagt Straub. Die Chancen der Überlebenden erhöhten sich in dem Maße, wie sich die Konkurrenz selbst aus der eigenen Familie verringere. Für den Nachwuchs bedeutet das: Je weniger Jungtiere, desto größer die Wahrscheinlichkeit, diese auch durchzubringen.

Aber auch die Markt Schwabener selbst können für Harmonie im Horst sorgen. Straub appelliert an Hundehalter, ihre Tiere nicht frei laufen zu lassen, wenn die Störche in Sichtweite sind. Außerdem hat der Vogelschützer Gemeindeverwaltung, die Naturschutzbehörde im Landratsamt und den Landschaftspflegeverband eingebunden, um bei Ausgleichsflächen mehr Biotope als Nahrungsquellen für die Störche zu schaffen.

© SZ vom 28.05.2011/feko

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