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Kandidat für den Tassilo 2018:Der Robin Hood vom Ebersberger Forest

Theaterclub EVBZ Steinhöring Billy Lord

Billy Lord aus Anzing spielt seit 23 Jahren mit Behinderten Theater.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Billy Lord aus Anzing spielt seit 23 Jahren mit Behinderten Theater. Nun ist er für den Tassilo-Preis nominiert. Wie der Engländer in Steinhöring zum Drehbuchautor und Regisseur wurde.

In den ersten Jahren lief sie mit den anderen Kindern mit, irgendwann dann wurde es schwierig. Mittlerweile ist Julia 42 Jahre alt. Sie ist gerade nicht da, und doch ist ihre Aura in diesem Haus irgendwie zu spüren. Vielleicht, weil ihre selbstgemalten Bilder an der Wand hängen. Oder wegen des Fotos auf dem Tisch, auf dem sie ein Mikrofon in der Hand hält und ein Lied vom Erwachsenwerden singt.

Wenn Billy Lord die Geschichte seiner Behindertenarbeit erzählt, dann ist es auch immer eine Geschichte seiner Tochter. Statt in Julia eine Behinderung zu sehen, sah Lord in ihr eine Inspiration. Und so gründete er vor 23 Jahren eine Theatergruppe für Schauspieler mit geistigen Defiziten. 14 große Stücke hat der "Theaterclub" des Steinhöringer Betreuungszentrums seither aufgeführt - jedes davon mehrmals, stets nach dem Drehbuch von Billy Lord, aber auch immer ein bisschen anders. Dutzende geistig Behinderte aus der Region haben es so auf die Bühne geschafft - ein Ort, der für solche Menschen sonst nur schwer erreichbar ist.

Ein Nachmittag in Anzing, in der Stube tickt die Wanduhr, Billy Lord trägt Jeans und Turnschuhe. Der 69-Jährige war Leistungssportler, ein Leichtathlet aus Leidenschaft. Einer, dem es darum ging, besser als die anderen zu sein. "Als das mit Julia rauskam, hat das unser Leben komplett verändert", sagt seine Frau Monika, auch sie sitzt mit am Tisch. Sie erzählt von damals, als klar wurde, dass ihre Tochter wohl nie lesen und schreiben werden kann. Ihr Mann sagt: "Wir haben das akzeptiert und gesagt: Wir werden für Julia das Beste daraus machen."

Theaterclub EVBZ Steinhöring Billy Lord

Nach 15 Stücken in 23 Jahren ist der Initiator zum zweiten Mal für den Tassilo-Preis der SZ nominiert.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wenn der Steinhöringer Theaterclub am 17. März die Premiere von "Robin Hood und das Ding mit der Inklusion" aufführt, wird das Betreuungszentrum wieder beben, davon kann man ausgehen. Nicht umsonst wurde Billy Lord 2009 vom Bezirk Oberbayern für sein ehrenamtliches Engagement mit einer Medaille geehrt. Acht Jahre später ist er nun zum zweiten Mal für den Tassilo-Preis der SZ nominiert. Für das, was er in 23 Jahren geleistet hat. Weil den großen Applaus sonst immer andere bekommen.

"Dieser Moment ist jedes Mal etwas ganz Besonderes"

Billy Lord hat die Werbe-Plakate der vergangenen Jahre auf dem Tisch ausgebreitet. In "Das Geheimnis der Nessi" (2011/12) haben einige Schauspieler Schottenrock an, in "Küssen verboten" (2013/14) sitzt der Vampir im Rollstuhl. Lord erzählt vom neuen Drehbuch, da geht es um das Thema Inklusion, soviel darf verraten werden. "Aber nicht von Behinderten, sondern allgemein", sagt Lord, weil eine Gesellschaft generell dazu neigt, Minderheiten zu benachteiligen. Im Stück wird es um zwei Familien gehen, die eine will die Kinder der anderen nicht mitspielen lassen, um die 20 Schauspieler zwischen 20 und 45 Jahren sind an der Aufführung beteiligt. Und am Ende werden sich wieder alle in den Armen liegen. "Dieser Moment ist jedes Mal etwas ganz Besonderes", sagt Lord.

Natürlich ist Inklusion bei so einem Projekt zentrales Thema. Weil der Autor hier nicht auf ein homogenes Team bauen kann, sondern weil jeder Schauspieler ein individuelles Drehbuch braucht. Da ist Anna Gassner, die es hinbekommt, einen umgedichteten Helene-Fischer-Hit zu trällern. "Atemlos, durch die Nacht, rennt der Sheriff, gib gut acht", singt sie, den Clip von der Probe hat Lord auf dem Handy gespeichert. Und es gibt Schauspieler, die nicht sprechen können - sie sind in Lords Stücken genauso wichtig. Simon Wacherbauer etwa sagt auf der Bühne nichts, dafür überzeugt er als stolzer Römer oder als Gefesselter am Marterpfahl.

Theaterclub EVBZ Steinhöring Billy Lord

Der "Theaterclub" von Billy Lord bei der Probe für die neue Aufführung "Robin Hood und das Ding mit der Inklusion".

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Wie kommt man auf solche Ideen? Lord erzählt, wie alles anfing, das war 1978. Nach dem Krieg auf britischem Territorium im Rheinland geboren, war er gerade nach Anzing gezogen. Damals gab es dort so gut wie keine Freizeitangebote für Kinder, also gründete Lord einen Pfadfinderstamm. "Julia war von Anfang an dabei." Sie wurde von den anderen Kindern akzeptiert, sagt er, irgendwann wurde es dann aber komplizierter. Und so entstand - inspiriert von der Offenen Behindertenarbeit - die Idee, eine eigene Gruppe zu gründen. Beim ersten Auftritt mit dem Titel "Der Club" weinten die Eltern.

Seither steht Billy Lords Tochter mit vielen anderen jedes Jahr auf der Steinhöringer Bühne. Wer im Club spiele, bei dem steige das Selbstvertrauen, sagt Lord. In diesen Momenten sind die Schwierigkeiten des Alltags wie weggeblasen.

Premiere von "Robin Hood und das Ding mit der Inklusion" ist am Samstag, 17. März, um 16 Uhr in der Mehrzweckhalle im Steinhöringer Betreuungszentrum.

© SZ vom 27.02.2018/koei

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