SZ-Adventskalender Hilfe für Eltern, Schutz für Kinder

Spenden der SZ-Leser und Leserinnen ermöglichen ein neues Angebot für psychisch Kranke der Sozialpsychiatrischen Dienste

Von Karin Kampwerth, Ebersberg

"In der Industrie geht es nicht ohne Ellenbogen und nicht ohne ein Dreckschwein zu sein", sagt Michael Herrmann. Der promovierte Physiker, Jahrgang 1957, und wenn man die tierische Metaphorik weiter bedienen möchte, Typ Bär von Mann, der nicht nur um die Ellenbogen herum kräftig gebaut ist, hat das alles mitgemacht. Druck. Stress. Konkurrenzkampf. Bis Herrmann krank wurde - und auf eine Hausärztin traf, die eine psychologische Zusatzausbildung hatte. Ein Glücksfall für den früheren Manager, der unter der Last der Ansprüche, die er an sich selbst und vor allem andere an ihn stellten, kurz vor dem Zusammenbruch war. "Im Wartezimmer saßen 25 Menschen, und ich kam sofort dran", erinnert sich Herrmann. Denn die Ärztin habe den dramatischen Seelenzustand, in dem er sich befand, umgehend erkannt.

Gute 15 Jahre ist das nun her und Herrmann sieht sich nach einer stationären und darauf folgenden ambulanten Langzeittherapie längst nicht mehr als Betroffener, sondern als ein Mensch mit Erfahrung mit psychischen Krisen, wie er selber sagt. Inzwischen hat er sich auch beruflich neu orientiert und arbeitet in München als Heilpraktiker für Psychotherapie.

Für die Sozialpsychiatrischen Dienste der Inneren Mission in Ebersberg (SPDi) ist er mit seiner Krankheits- und Gesundungsgeschichte der ideale Partner. Denn als so genannter "Ex-In-Genesungsbegleiter", also jemand, der Experte aus Erfahrung ist, soll er ein neues Angebot der SPDi für Eltern in psychischen Krisensituationen begleiten.

Ziel ist es, dass Herrmann, selber Vater einer Tochter im Teenageralter, eine Elterngruppe aufbaut. Hier sollen sich psychisch kranke Mütter und Väter "quasi auf Augenhöhe besprechen können", erklärt SPDi-Leiter Georg Knufmann. Das Angebot sei bislang in Oberbayern einzigartig, sagt Knufmann. Geleitet wird es von den Sozialpädagoginnen Melanie Felske und Sabrina Wagenlechner, die psychisch kranke Eltern in ihrer Erziehungskompetenz unterstützen wollen.

Schwere Depressionen und Antriebslosigkeit können dazu führen, dass sich Eltern nicht mehr angemessen um ihre Kinder kümmern können. Dem soll ein neues Angebot der Ebersberger SPDi nun vorbeugen.

(Foto: Peter Steffen/dpa)

Wie wichtig das ist, belegt die Statistik. Demnach erleben 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland im Laufe eines Jahres einen Elternteil mit einer psychischen- oder einer Suchterkrankung. Schwere Depressionen und Antriebslosigkeit führen Knufmann zufolge dazu, dass Eltern sich nicht mehr angemessen um den Familienalltag und die Kinder kümmern können. Hinzu kommt, dass die Wahrscheinlichkeit für eine psychische Störung bei Kindern psychisch kranker Eltern um das Vierfache höher ist als in der Normalbevölkerung.

Zusätzlich zu dem offenen Elternabend wollen Felske und Wagenlechner deshalb eine feste Gruppe etablieren, die sich alle 14 Tage einem anderen Thema widmet, um erkrankte Mütter in Väter in ihrem Selbstbewusstsein als Eltern zu stärken, während die Kinder nebenan spielen können. Im Anschluss sollen die Familien gemeinsam kochen, aber auch Ausflüge sind vorgesehen. Die Kosten dafür können übernommen werden, weil Eltern mit psychischen Erkrankungen häufig nicht oder nur eingeschränkt arbeiten können und das Einkommen entsprechend gering ist.

Auch eine Vortragsreihe "Eltern stärker machen", die bereits in diesem Juni beginnt, sowie ein qualifiziertes Beratungsangebot streben die beiden Sozialpädagoginnen an. Dazu einbezogen werden der SPDi-Konsiliarpsychiater Klaus Plab aus Ebersberg sowie die einzige im Landkreis niedergelassene Kinder- und Jugendpsychiaterin Claudia Michael, die eine Praxis in Vaterstetten betreibt.

Möglich wird das Angebot durch eine großzügige Unterstützung des SZ-Adventskalender. Erst durch eine Spende in Höhe von 12 500 Euro vom Spendenhilfswerk der Süddeutschen Zeitung gelingt es den SPDi überhaupt, die Anschubfinanzierung des Projektes zu stemmen. Mit dem Geld kann ein Begegnungsraum in der Sieghartstraße mit kindgerechten Möbeln und Spielsachen ausgestattet werden. Darüber hinaus können Honorare für die Psychiater und Aufwandsentschädigungen für ehrenamtliche Helfer bezahlt werden und es wird ein Budget für die geplanten Freizeitangebote geben.

Georg Knufmann leitet die Sozialpsychiatrischen Dienste der Inneren Mission in Ebersberg.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Über das neue Angebot werden Felske und Wagenlechner in Kitas und Schulen informieren, "wir werden aber auch Hebammen sensibilisieren", sagt Wagenlechner. Auch mit den Jugendämtern und der Erziehungsberatung der Caritas kooperieren die SPDi. Das ist wichtig, weil psychische Erkrankungen von Eltern immer auch das Kindeswohl gefährden können. SPDi-Chef Knufmann betont, dass die Betroffenen das Angebot nicht als Bevormundung, sondern als Hilfe empfinden sollen. Dann könne man im Ernstfall Schritte einleiten, ohne das Vertrauen der Eltern zu verlieren. Doch so weit soll es Melanie Felske und Sabrina Wagenlechner zufolge überhaupt nicht kommen, "weil wir präventiv arbeiten". Was das bewirken kann, weiß Michael Herrmann aus seiner persönlichen Erfahrung genauso wie aus seiner neuen beruflichen Praxis: "Es kommt Freude auf, wenn man sieht, was mit einem Menschen Positives in einem Jahr passieren kann."

Die Vortragsreihe "Eltern stärker machen" beginnt am Donnerstag, 27. Juni, mit dem Thema "Wir haben ein Problem! Die Entstehung von Stress und Möglichkeiten der Bewältigung". Weitere Termine und Informationen zum neuen Angebot unter Telefon (08092) 85 33 80 oder per E-Mail an spdi-ebersberg@im-muenchen.de