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Kabarett in Markt Schwaben:Unvergessene Wortkünstler

Sebastian Schlagenhaufer (rechts) und Ramon Bessel gestalten einen beeindruckenden Abend. Am Ende weiß man nicht, was man mehr loben soll: Den gekonntem Gesang, die überzeugende Darstellung oder doch die kluge Auswahl der höchst unterschiedlichen Stücke?

(Foto: Christian Endt)

Sebastian Schlagenhaufer und Ramon Bessel unternehmen in "Operation Heil!Kräuter" eine bemerkenswerte Zeitreise durch die Kabarettszene während der Nazi-Diktatur

Von Michaela Pelz, Markt Schwaben

Was will, was soll, was kann politisches Kabarett? Intelligent unterhalten? Den Menschen pointiert vor Augen führen, was gerade um sie herum passiert? Mal ordentlich Dampf ablassen? Bei "Operation Heil!Kräuter" (in Anlehnung an Karl Valentins Überlegung von 1946, wie es wohl geklungen hätte, wäre der Name des Führers "Kräuter" gewesen) von Sebastian Schlagenhaufer und Ramon Bessel gewinnt man den Eindruck, es könne eine Mischung aus all dem sein - plus ein Instrument, um auch in düsteren Zeiten selbst den am stärksten Gebeutelten mit einem "Ihr seid nicht allein" den Rücken zu stärken. Beweis sind die von den beiden Künstlern für ihr aktuelles Programm ausgewählten historischen Texte und Lieder deutscher und österreichischer Kabarett-Kolleginnen und -Kollegen aus den Dreißiger und Vierzigerjahren.

Es mag bezeichnend scheinen, dass dies gleichzeitig der letzte Abend für die nächste Zeit ist, an dem hier in der Theaterhalle Markt Schwaben Menschen für ein gemeinsames Kulturerlebnis zusammenkommen dürfen. Doch diese Einschränkung ist nicht ansatzweise vergleichbar mit dem, was Sprachkünstler wie Werner Finck, die "Nachrichter" (Helmut Käutner, Bobby Todd und Kurd E. Heyne), Robert Ehrenzweig, Fritz Grünbaum oder "Pfeffermühle"-Gründerin Erika Mann während der Nazidiktatur erleben mussten. Immer wieder berichten Schlagenhaufer und Bessel davon, wie vielfach gefeierte Programme ihre Macher erst die Karriere, dann zuweilen die Freiheit oder sogar das Leben kosteten. Wie es beim Österreicher Grünbaum der Fall war, über den man unbedingt mehr erfahren möchte, nachdem ihn Schlagenhaufer mit großen Gesten, sprechender Mimik und dem Einsatz seines ganzen Körpers mit dessen Reimen bekannt gemacht hat. Mal charmant, mal mit Pathos, immer aber mit einer Eindringlichkeit, die mitten ins Herz trifft, deklamiert er das Gedicht "Böse Zeiten".

Und wo man erst über die Herren Perl und Buxbaumholz schmunzeln musste, läuft es einem schnell kalt über den Rücken, als man erfährt, dass der Autor der Zeilen 1941 im KZ Dachau sein Ende fand. Da ist man fast froh über das Schicksal von Werner Finck, der zwar aufgrund seiner als unliebsam geltenden Kunst ins Arbeitslager musste, aber nach einigen Wochen das KZ Esterwegen wieder verlassen konnte. Einfach grandios, wie Schlagenhaufer und Bessel den darauffolgenden Prozess in Szene setzen, bei dem der Sketch "Beim Schneider" zur Beweisaufnahme nachgespielt werden musste - inklusive aller subversiven Wortspiele. Dass die Menschen im Gerichtssaal sehr erheitert waren, kann man sich gut vorstellen. Und auch in Markt Schwaben gibt es an diesem Abend immer wieder etwas zum Lachen, wenn sich der künstlerische Leiter der Grafinger Stadthalle und sein Kollege durch ein Programm spielen, in dem es, wie eine Zuschauerin formuliert, in einer "Mischung aus Bildung und Kabarett" jede Menge zu erfahren gibt über jene Wortkünstlerinnen und Wortkünstler, die es unermüdlich wagten, mehr oder weniger verklausuliert darauf hinzuweisen, dass und wie das Volk mit Hilfe von Machtmissbrauch in die Irre geführt und ihm das offene Wort verboten wurde. Zumal manche Stücke fast visionär anmuten, wie Erika Manns "Prinz von Lügenland", mit Inbrunst dargebracht vom Mann am Klavier (das eigentlich ein Stagepiano ist). Doch auch Können und Hingabe beim Vortrag können nicht über den entlarvenden Inhalt hinwegtäuschen, der sehr an aktuelle Politiker erinnert. Diese Diskrepanz zwischen Form und Aussage findet sich auch dann wieder, wenn in den historischen Werken Text und Melodie in krassem Gegensatz stehen. So meint man, an einem lauschigen Abend beim Heurigen zu sitzen und wird dann mit der Geschichte eines Lebensborn-Kindes konfrontiert. Sogar im Schnaderhüpfel ließen sich codierte Informationen verstecken. Zum Beispiel über die Folgen des heimlichen BBC-Hörens. Wie so ein Beitrag klang, wird mit einigen knisternden und rauschenden Einspielern aus dem "Großradio" auf der Bühne demonstriert. Dazu gehört auch der Anfang eines der "Briefe des Gefreiten Adolf Hirnschal" von Robert Ehrenzweig, den Ramon Bessel sehr überzeugend live zu Ende bringt.

Am Ende weiß man nicht, was man mehr loben soll: Den gekonntem Gesang, die überzeugende Darstellung oder doch die kluge Auswahl der höchst unterschiedlichen Stücke? Vielleicht ist es vor allem die Tatsache, auf diese Weise von Künstlern erfahren zu haben, die man bedauerlicherweise nicht kannte und die sich tatsächlich etwas trauten. Wie die "Nachrichter" aus München, die ihre tagesaktuellen Pointen, nachdem diese oft gleich nach der Vorstellung verboten worden waren, am nächsten Abend gleich nochmal brachten - verbunden mit einer Entschuldigung, versteht sich. Oder wie Erich Weinert, der in seinem Volkslied "Der Führer" (geschrieben allerdings 1942 im Moskauer Exil) sehr klare Worte fand, die dann per Flugblatt über den Truppen abgeworfen wurden.

Zum Mut seiner Vorgänger, bei bekannt gefährlichen Konsequenzen ihren Humor nicht zu verlieren und codierte Formulierungen für das Unsagbare zu finden, passt, woran Schlagenhaufer am Ende der Vorstellung erinnert: "Wir können froh sein, in einem Staat zu leben, wo jeder jederzeit seine Meinung sagen kann!" So kann und soll Kabarett sein.

© SZ vom 02.11.2020
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