Rauhnächte:Die Geister, die wir nicht riefen

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Rauhnächte: Wilde Gestalten sollen in den Rauhnächten übers Land ziehen. Das Perchtenbrauchtum gründet in dieser Vorstellung.

Wilde Gestalten sollen in den Rauhnächten übers Land ziehen. Das Perchtenbrauchtum gründet in dieser Vorstellung.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Nie sind sich die Welten der Menschen und der Geister näher als in den Rauhnächten zwischen dem 24. Dezember und dem 6. Januar - angeblich. Woher kommt diese Vorstellung, was hat das Ganze mit Böllern zu tun und wie sagt man voraus, woher der Bräutigam stammt? Eine Märchenstunde.

Von Merlin Wassermann, Ebersberg

Das Jahr neigt sich dem Ende, was für die meisten Menschen eine Kombination aus folgendem bedeutet: Feiertagsstress, der ein oder andere Krach mit der Familie, Neujahrsvorsätze aufstellen und später brechen, Fonduekäse schmelzen und Glühwein trinken. Jenseits dieser wohlvertrauten, semi-besinnlichen Ereignisse spielt sich aber diese Tage - sofern man alten Sagen Glauben schenken mag - noch ganz Anderes, Unvertrautes ab. In den Rauhnächten, wahlweise vier oder zwölf und entweder ab der Thomasnacht vom 21. auf den 22. Dezember oder ab der Christnacht vom 24. auf den 25. gezählt, kommen sich die Welten der Geister und der Menschen näher als an sonst irgendeinem Tag im Jahr, so heißt es.

"Bei uns in der Region zählt man ab dem 24. Dezember. Die Rauhnächte, die man auch Raunächte, Rauchnächte oder Losnächte nennt, enden immer zum 6. Januar, also zum Dreikönigstag", erzählt Robert Bauer. Er ist einer der Stadtführer Ebersbergs, die von Thomas Warg organisiert werden, und macht dieses Jahr zum dritten Mal in Folge die Rauhnachtsführungen der Stadt. "Das ist eine Gruselführung, die sind sehr beliebt, vor allem bei Frauen", sagen die beiden und schmunzeln. Auf der Führung berichtet Bauer dann von der Geschichte der Rauhnächte, der Etymologie sowie von den verschiedenen Aberglauben und Sagen, die sich um die Nächte ranken.

Die Zahl der Rauhnächte ergibt sich aus dem Mondjahr, das nur 354 Tage kennt

"Die Zahl der Rauhnächte kommt zustande, wenn man nicht nach dem Sonnenjahr, sondern nach dem Mondjahr die Tage zählt. Ein Mondjahr hat nur 354 Tage, es fehlen also elf Tage, beziehungsweise zwölf Nächte. Diese 'toten Tage' haben dann damals oft die Fantasie angeregt", weiß Robert Bauer zu berichten. Die Fantasie wurde sicherlich noch zusätzlich beflügelt durch die Kälte, das Nichtstun - dem Gesinde war es in dieser Zeit verboten zu arbeiten - und vor allem die Dunkelheit. Nicht umsonst wird die Wintersonnenwende in manchen Regionen als Beginn der Rauhnächte gesehen.

Die Namensherkunft ist umstritten, "Rauh-" hat jedoch nichts mit "rau", im Sinne rauen Wetters, zu tun. Zwei etymologische Theorien sind hier dominant: Entweder geht der Begriff auf "Rauch" zurück, da es einer der Bräuche ist, in den Rauhnächten Haus, Hof und/oder Stall auszuräuchern, beispielsweise mit Wacholderbüschen, um Unglück und böse Geister zu vertreiben. Oder er geht auf das mittelhochdeutsche Wort "rûch" zurück, was so viel wie "haarig" bedeutet und in Zusammenhang mit den pelzigen Dämonen steht, die in den Rauhnächten ihr Unwesen treiben sollen.

Während der "Wilden Jagd" treiben Odin, Dämonen und auch Frau Holle ihr Unwesen in der Menschenwelt

Letztere kommen während dieser metaphysisch unsicheren Zeit im Rahmen der "Wilden Jagd" auf die Erde und bereiten den Menschen Ärger. Mal werden sie eher heidnisch, mal eher christlich dargestellt, oft werden sie von Odin angeführt. "Mit seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir rast Odin umher, begleitet von seinen anderen Tieren und auch von der Frau Holle", wie Bauer erklärt. Frau Holle ist nämlich nicht nur dafür da, Schnee zu erzeugen und Gold oder Pech an Mädchen zu verteilen. "Bei der Wilden Jagd sucht sie sich die Kinder, die faul und nicht artig waren und schlitzt ihnen den Bauch auf... Etwas brutal, aber so ist das in unseren Märchen nun mal", erklärt Bauer.

Rauhnächte: Frau Holle ist im Alpenraum und auch im Voralpenland eher als Frau Percht bekannt, die zwei Gesichter hat.

Frau Holle ist im Alpenraum und auch im Voralpenland eher als Frau Percht bekannt, die zwei Gesichter hat.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Zum Glück gibt es sowohl gegen die Wilde Jagd als auch gegen Frau Holles Kurpfuscherei Gegenmittel: Odin und sein Gefolge lassen sich besänftigen, wenn man Kuchen oder Hülsenfrüchte vor das Haus stellt. Das Böllern zu Silvester, das dieses Jahr wieder ausfällt, geht ebenfalls auf die Idee zurück, dass man damit Geister vertreiben könne. "Und Frau Holles Messer prallt an deinem Bauch ab, wenn du vorher genug Schuxen, also so eine Art Ausgezogne aus Roggenmehl, gegessen hast", sagt Bauer und lacht. Frau Holle ist aber ohnehin nicht nur böse. Im Alpenraum und auch im Landkreis ist sie eher unter dem Namen "Perchta" bekannt - und steht somit in Verbindung mit den Perchtenläufen, die auch in die Rauhnachtszeit fallen. Die schrecklichen Masken dienen dazu, böse Geister und auch die kalte Dunkelheit zu vertreiben. Der Name "Perchta" leitet sich vermutlich auch vom althochdeutschen Wort für "hell" oder "glänzend" ab.

Es gibt viel zu beachten in den Rauhnächten, wenn man ungeschoren davonkommen will

Um die Rauhnächte ranken sich noch weitere Bräuche und Sagen. Verbunden mit der Wilden Jagd ist beispielsweise die Idee, dass man in dieser Zeit keine weiße Wäsche vor dem Haus aufhängen sollte, wie Bauer erzählt: "Ansonsten könnten sich die Dämonen darin verfangen und böse werden oder die Wäsche wird gleich von den Reitern der Jagd hergenommen, um dein Leichentuch daraus zu nähen." Und Thomas Warg ergänzt: "Auch das Kartenspiel sollte man vermeiden, man muss sein Haus schön aufräumen, Geliehenes zurückgeben und Verliehenes zurückfordern, alles ausräuchern - eben seinen Haushalt in Ordnung bringen, bevor das neue Jahr losgeht."

Außerdem eigne sich die Zeit der "toten Tage" auch hervorragend für verschiedene Orakel. Allgemein bekannt ist vermutlich das Blei- und Wachsgießen an Silvester. Weniger bekannt ist vielleicht das "Zwiebelorakel", bei dem zwölf Schichten einer Zwiebel betrachtet werden, die eine Prognose für die zwölf Monate des nächsten Jahres erlauben sollen - je dicker, desto besser. Und da es ohnehin zwölf Nächte sind, versuchte man auch, aus jeder der Nächte eine ähnliche Vorhersage für das nächste Jahr zu treffen: So wie das Wetter in der Nacht ist, so wird es für den korrespondierenden Monat. Wie genau das funktioniert, ist nicht ganz klar und Bauer meint auch: "Man darf das nicht so genau nehmen, man hat sich das dann schon so zurechtgelegt, wie man das gebraucht hat."

Um Mitternacht sprechen die Tiere

So auch bei den einstmals gängigen Traumdeutungen, die kaum mehr einem System folgten. Klarer waren hingegen die Regeln für die - fast schon absurde - Vielzahl an Methoden für junge Frauen, herauszufinden, von wo ihr zukünftiger Bräutigam kommen wird. Warg und Bauer berichten von verschiedenen Vorgehensweisen, die einen glauben lassen könnten, dass Frauen sonst keine Sorgen gehabt hätten: "Man kann zum Beispiel einen Zauberspruch aufsagen und sich dann auf die Seite des Betts legen, auf der man sonst nicht schläft, dann erscheint einem der Zukünftige im Traum. Oder man streift sich im Bett einen Schuh ab und schleudert ihn mit dem Fuß ins Zimmer - da, wo die Spitze hinschaut, von da wird er herkommen. Oder aber man schüttelt nachts einen Obstbaum und aus der Himmelsrichtung, von wo der erste Hund bellt, von da wird der Auserwählte sein. Da wusste man damals natürlich sofort, ist das Richtung Zorneding oder Poing... Und dann hat sich sicher auch die eine oder andere selbst erfüllende Prophezeiung ergeben."

Wer irgendetwas ganz genau über seine Zukunft wissen will, sollte sich hingegen um Mitternacht in einen Stall begeben oder sich eventuell einen Terrier zulegen. "Um Mitternacht sprechen nämlich die Tiere", erzählt Thomas Warg. "Aber Vorsicht: Es geschieht oft, dass man, kurz nachdem man das Orakel gehört hat, sterben muss." Wargs eigener Hund habe hingegen noch nie mit ihm gesprochen, gesteht er schmunzelnd.

Die Antwort auf die Frage nach dem Glauben an diese Legenden und Bräuche ist komplex

Auf die Frage, wie weit der Glaube an diese Bräuche und Legenden noch verbreitet sei, antwortet Thomas Warg: "Also eigentlich glaubt natürlich niemand daran, aaaaaber... Wir sind gar nicht so weit entfernt von solchen Vorstellungen, viele haben einen Glücksbringer oder vollführen gewisse Rituale, von denen sie sich Erfolg versprechen. Ob man wirklich daran glaubt, ist dann vielleicht nicht mehr so wichtig." Und Richard Bauer fügt an: "Hier lässt sich auch zwischen Geschichte und Brauchtum, Christentum und Heidentum nicht mehr gut unterscheiden. Die Grenze zwischen dem, was geglaubt wird und was als Aberglaube abgetan wird, ist da fließend."

Wer Lust auf eine Gruselführung zu den Rauhnächten hat, kann diese bei Thomas Warg für sechs Euro pro Person buchen: thomas.warg@t-online.de. Es wird noch eine Führung am Dienstag, 28. Dezember, und eine am Dienstag, 4. Januar, geben. Beginn ist jeweils um 17 Uhr.

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