Firmengründer:Für Gaumen und Herz

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Firmengründer: Der Poinger Damian Breu hat auch schon Kakaobohnen vermarktet, nun setzt er auf ein Produkt mit feinem Zitronengeschmack.

Der Poinger Damian Breu hat auch schon Kakaobohnen vermarktet, nun setzt er auf ein Produkt mit feinem Zitronengeschmack.

(Foto: Robert Haas)

Der Poinger Damian Breu und seine Mitstreiter bewerben sich mit einem ganz besonderen Produkt bei der Fernsehshow "Die Höhle der Löwen". Sie setzen dabei auf ein Geheimrezept aus der Normandie - und eine Unternehmenskultur, die vermeintliche Schwächen zu Stärken ummünzt.

Von Vera Koschinski, Poing

Geschmackserlebnis. Kunstgenuss. Inklusion. All das möchten Dominik Nimar, Fabio del Tufo und Damian Breu durch die Produktion eines selbst entwickelten Gins miteinander vereinen. Für diese Idee werben die drei jungen Männer mit ihrem Start-up-Unternehmen "Le Gillard" am Montag, 5. September, in der TV-Show "Die Höhle der Löwen" auf Vox. In dieser stellen Firmengründer - in der Hoffnung auf finanzielle Unterstützung - bereits erfolgreichen Großunternehmern, den sogenannten "Löwen", ihr Produkt vor. Im Gegenzug für ein Investment bieten sie Anteile an ihrem Unternehmen an.

Als Kind eines italienisch-französischen Elternhauses half Fabio del Tufo einer befreundeten Familie in der Normandie beim Verkauf einer zitronenhaltigen Spirituose, die jährlich auf dem Stadtfest ausgeschenkt wurde. Als Dank für seine jahrelange Unterstützung verriet ihm die Familie Gillard irgendwann das Rezept, das bis dahin bloß innerhalb der Verwandtschaft weitergereicht worden war.

Die Firmengründer verbindet ihr eingeschränktes Hörvermögen

Der Poinger Damian Breu, der zu diesem Zeitpunkt noch studierte, aber durch die Vermarktung von Kakaobohnen bereits sein erstes Geld mit eigenen unternehmerischen Versuchen verdient hatte, lernte Fabio del Tufo etwas später auf einem Vortrag für Eltern hörgeschädigter Kinder kennen. Denn neben der Leidenschaft für guten Alkohol und unternehmerischem Ehrgeiz verbindet die beiden Jungunternehmer ihr eingeschränktes Hörvermögen.

Nach einigen Experimenten zur geschmacklichen Verfeinerung des Gins in Keller und Küche sowie der Bekanntschaft mit dem Graphikdesigner Dominik Nimar brachten die drei Nachwuchsunternehmer ihr erstes Produkt unter dem Namen "Gin Gillard" auf den Markt. Trotz des Spotts seiner Teamkollegen schrieb Damian Breu daraufhin eine Bewerbungsmail an den TV-Sender - doch nicht wegen des Bestrebens, das eigene Hobby zum finanziell rentablen Hauptberuf zu machen, sondern auch aus dem tiefen Wunsch heraus, mit der Expansion des Unternehmens das sogenannte Social Business zu etablieren.

Denn die drei Jungunternehmer möchten vor allem Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen Diskriminierung im Arbeitsleben erfahren mussten, eine Plattform bieten. "Wir wollen eine Chance auf Karriere, wie jeder andere in unserem Alter auch", sagt Breu, während er die kunstvollen Designs der Verpackungsboxen vorstellt: Die bunten Zeichnungen auf den verschiedenen Schachteln machen mit Gesten der Gebärdensprache oder androgyn gestalteten Figuren auf die Probleme gesellschaftlicher Minderheiten im Arbeitsleben aufmerksam. Die meisten der dafür verantwortlichen Künstler gehören laut Breu selbst einer solchen Randgruppe an. "Das ist eine Erfahrung, die wir alle teilen können, Menschen mit Behinderung, mit Migrationshintergrund, mit einer anderen sexuellen Orientierung."

Firmengründer: Die bunten Zeichnungen auf den Schachteln sind nicht nur dekorativ, sie machen auch auf die Probleme von Minderheiten aufmerksam.

Die bunten Zeichnungen auf den Schachteln sind nicht nur dekorativ, sie machen auch auf die Probleme von Minderheiten aufmerksam.

(Foto: Robert Haas)

Diskriminierung sei im Arbeitsleben allgegenwärtig, denn ein rücksichtvoller Umgang miteinander bedeute für viele Menschen auch heute noch einen mentalen und physischen Aufwand, den sie neben dem stressigen Alltagsleben oft nicht aufbringen wollten, erklärt der 27-jährige Firmengründer. Vor allem in stressigen Phasen seien Situationen entstanden, in denen seine Hörschädigung ironischerweise von Kollegen und Vorgesetzten als deren eigene Last empfunden worden sei. Wenn er dann beispielsweise darum gebeten habe, Anweisungen oder Fragen zu wiederholen, sei das häufig mit den Worten "Ach, ist auch egal" zurückwiesen worden.

Rücksichtnahme ja, Mitleid nein - das wünscht sich Damian Breu

"Es fängt ja schon damit an, dass andere für dich im Gespräch entscheiden, welche Informationen relevant für dich sind", sagt Breu. "Als Angestellter will ich es mir im Meeting auch nicht herausnehmen, mich an das Kopfende des Besprechungstischs auf den Platz des Vorgesetzten zu setzen, um die Lippen aller Teilnehmenden lesen zu können." Als er dann die Aufforderung zum detaillierten Protokollieren der Besprechung abgelehnt habe, habe der Chef verständnislos reagiert: "Ich behandle dich doch nur genauso wie alle anderen."

Auch wenn Damian Breu viel Verständnis für die Reaktionen seiner Kollegen zeigt, strengt ihn die schmale Gratwanderung zwischen der Bitte um Rücksichtnahme und Ablehnung von Mitleid an. Er wolle sich selbst und schon gar nicht seine körperliche Einschränkung ständig in den Mittelpunkt rücken - und trotzdem bei anderen ein Bewusstsein wecken für die alltäglichen Hürden, die die Gesellschaft Menschen mit Behinderung tagtäglich in den Weg legt. "Die zwei Stufen vor dem Ladeneingang, die wir gar nicht bemerken, weil wir sie so schnell überqueren, können einem Rollstuhlfahrer das Einkaufen unmöglich machen."

Vor allem im Home-Office, wenn die meisten Besprechungen über Telefon oder vor Kameras mit schlechter Auflösung geführt werden, sei die Kommunikation durch schwer leserliche Mimik und Gestik ermüdend, sagt der 27-Jährige. Im Kundenservice hingegen, wo ein Gespür für Körpersprache besonders hilfreich sei, könne eine körperliche Einschränkung wie die seine schnell zum ökonomischen Vorteil für ein Unternehmen werden. "Weil unser Gehörsinn eingeschränkt ist, haben wir gelernt, unsere anderen Sinne besser auszubilden und zu nutzen."

Bei der Arbeit im eigenen Unternehmen hingegen scheinen Fabio del Tufo, Dominik Nimar und Damian Breu einander optimal zu ergänzen. Während Dominik Nimar als Produktdesigner vor allem über seinen Sehsinn kommuniziert, macht sich Fabio del Tufo bei der Entwicklung des Gins seinen feinfühligen Geschmackssinn zu Nutzen. Und Damian Breu liest aus der Mimik und Gestik seines Gegenübers vermutlich mehr heraus, als im Gespräch tatsächlich zu hören ist. "Das liebe ich an der Zusammenarbeit mit Menschen mit eingeschränkten Sinnen", sagt er mit leuchtenden Augen. Das Unternehmen braucht das Zusammenspiel aller drei Gründer, die sich voll und ganz auf einzelne überdurchschnittlich ausgeprägte Sinne ihrer Teamkollegen verlassen können.

Auf die Nachricht der erfolgreichen Bewerbung bei der "Höhle der Löwen" folgten Schock, Euphorie und lange Nächte, in denen die drei jungen Männer nochmal an ihrem Produkt feilten. Sie überdachten sowohl das Design der damals noch viel zu hohen Flasche, die in kein Getränkeregal passte, als auch die Konsistenz des Gins selbst. In dieser besonderen Spirituose ist Fruchtfleisch enthalten, das durch Schütteln aufgewirbelt werden soll, weswegen es auch schon ein passendes Motto dafür gibt: "Shake it. Pop it. Feel it." Und mit einem überzeugenden Auftreten und ein wenig Glück wird es den Dreien vielleicht schon bald gelingen, etwas noch viel Beständigeres und Weitreichenderes zu entwickeln als einen nach Zitrone schmeckenden Drink: ein wahrlich soziales Unternehmen.

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