Mitten in Ebersberg:Rein und raus

"Come in an find out", so warb eine große Parfümkette einst. Dabei würde dieses Motto viel besser zu einer Ebersberger Baustelle passen

Glosse von Wieland Bögel

Vor einigen Jahren warb ein großer Vermarkter von Hygiene- und Geruchsverbesserungsartikeln für seine Produktpalette mit dem Slogan "Come in and find out". Diesem wurde prompt ein Platz unter den lustigsten Werbesprüchen zugewiesen, denn er wurde sofort mit "Kommen Sie herein - und finden sie wieder hinaus" übersetzt. Was andererseits auch ein sehr anständiges Versprechen ist, schließlich zeichnen sich gerade große Warenhäuser nicht immer durch große Übersichtlichkeit aus. Was manche für Kalkül halten, schließlich kommt die auf der Suche nach dem Ausgang herumirrende Kundschaft an vielen Artikeln vorbei, von denen sie noch gar nicht wusste, dass man sie unbedingt braucht. Dass ein gewisser Marc Z. aus Kalifornien mit einem sehr ähnlichen Konzept Multimilliardär geworden ist, gehört hier eigentlich gar nicht hin, passt aber trotzdem gut und die Leser kommen auf dem Weg zum Ende des Textes praktischerweise daran vorbei. Mit Vorbeikommen und Herausfinden - oder eben nicht - haben es derzeit auch Fußgänger in Ebersberg zu tun, wenn sie zwischen Heinrich-Vogl- und Ulrichstraße unterwegs sind, oder umgekehrt.

Dort gab es bis vor gut einem Jahr eine bequeme Abkürzung des Fußweges, die dann aber durch eine Baustelle versperrt wurde. In einer Zeit, in welcher am anderen Ende der Welt ganze Städte entstehen, wird hier ein Mehrfamilienhaus durch ein anderes ersetzt. Mit der Folge, dass die sogenannte Baustelleneinrichtung eben seit mehr als einem Jahr den Weg blockiert und Fußgänger zu einem Umweg zwingt. Zumindest bis vor ein paar Wochen. Da gab es plötzlich einen kleinen Durchgang, der von den abkürzungsentwöhnten Ebersbergern sofort rege benutzt wurde - bis er an einem Ende ebenso plötzlich wieder von einem Bauzaun blockiert war. Man fand also zwar am einen Ende hinein - am anderen nicht mehr, oder nur sehr mühsam, wieder hinaus.

Ein Erlebnis, das man seitdem an der Stelle des öfteren haben kann, denn der Bauzaun ist mittlerweile dauernd in Bewegung: Mal ist die Passage passierbar, mal kommt man nur hinein - oder hinaus, mal ist an beiden Seiten ein Zaun. Manchmal ändert sich dies auch in kürzester Zeit: Der Hinweg war frei, der Rückweg ist blockiert - oder umgekehrt, was schöner, weil eine angenehme Überraschung ist. Vielleicht ist das aber auch längst gar keine schnöde Baustelle mehr, sondern Kunst. Die bauzaungewordene Veränderlichkeit des Lebens inklusive lebenstypischer Irrwege und Sackgassen. Oder es handelt sich um ein geschicktes Manöver für mehr Urbanität. Ist doch aus einer - nun ja - Metropole im Nordosten des Landes der geflügelte Spruch überliefert: "Komm'se 'rin, könn'se rausgucken."

© SZ vom 14.07.2021
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