Mitten in Ebersberg:Mehl und Wasser für die Laune

Gitarrespielen lernen, Keller aufräumen, die Wohnung umdekorieren, alles schon im ersten Lockdown passiert. Jetzt fehlen Ideen und Schwung - oder?

Glosse von Nathalie Stenger

Kürzlich sprach ein Teil des nun wirklich oft gesehenen kleinen Kreises der Familie über den Wunsch nach selbstgebackenen Brot. Um Himmels willen, dachte sich der Rest der Runde, bloß nicht! Reicht es nicht, dass in den vergangenen zwölf Monaten Gitarre erlernt, der Keller ausgemistet und nahezu jedes Zimmer zweimal umgestellt wurde? Muss man nun wirklich auch noch eigenen Sauerteig ansetzen?

Komisch eigentlich, dass man keine Lust mehr dazu hat. In Lockdown Nummer eins wäre man noch Feuer und Flamme gewesen. Die unterschiedlichen Reaktionen innerhalb der Familie sind nach einigen Überlegungen auf die Gefühlsstadien der Pandemie zurückführen. Die gibt es natürlich nicht offiziell, aber ein kleiner Blick beziehungsweise Rundruf in die Bekanntschaft lässt auf verschiedene Phasen schließen: Motivation, Innehalten, Herunterfahren. Während man selbst schon lange in und um den letzten Zustand herumkrebst (selten ist man so träge spazieren gegangen wie in den vergangenen Tagen), ist die Person mit dem Wunsch nach Brot wohl noch ganz am Anfang. Oder sie ist einfach nur schon wieder dort, gefühlt wiederholt sich die Abfolge nämlich. Innehalten ist übrigens die Phase, in der man das eigene Leben und seine Taten überdenkt und daran gerne etwas ändern möchte.

Sauerteig ansetzen geht anscheinend ganz einfach. Wenngleich man das nicht so recht glauben möchte, einen Versuch ist es vermutlich wert. Immerhin hat man im vergangenen Frühjahr selbst Spaß an der Gitarre gefunden, man ist fast schon lagerfeuerreif. Warum sollte dieses Brot-Experiment also keine langjährige Leidenschaft hervorbringen? Und falls es mit dem Teig nichts wird, die Motivation aber noch da ist, kann man die Zimmer einfach auch ein drittes Mal umräumen.

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