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Mitten in Ebersberg:Die Party im Kopf

Ein Besuch beim Zahnarzt weißt erstaunliche Parallelen zu einer durchzechten Nacht in der Disko auf

Glosse von Nathalie Stenger

Warnhinweis: Eine übersteigerte Interpretation eines Zahnarztbesuchs ist aufgrund Feier-Entzugserscheinungen aktuell nicht auszuschließen.

Zu dieser höchst interessanten Erkenntnis kam man letztens, als man es sich auf einem dieser gemütlichen, auf- und abfahrenden Behandlungsstühle für die professionelle Zahnreinigung bequem gemacht hatte. Der Fuß zum Takt der Musik wippend - es dudelte Popmusik aus dem Radio - betrachtete man das Zimmer mit all den Lampen und Geräten und man kam nicht umhin, die Szenerie mit einem Clubbesuch zu vergleichen.

Es beginnt schon mit dem Betreten der Facharztpraxis und dem Vorzeigen der Krankenkassenkarte, das stark an die Ausweiskontrolle bei Feierlichkeiten erinnert. Auch die Ungewissheit, die sich beim Gang über die Garderobe zum Behandlungszimmer breit macht - gute oder schlechte Neuigkeiten zum Zahnbefund? - lässt sich grob gleichsetzen mit den spannenden Metern vom Eingang einer Feierstätte bis hin zur Tanzfläche, wenn man noch nicht genau weiß, welche Art Menschen sich darauf tummeln.

Spätestens mit dem Ablegen der Brille fühlt es sich dann an, als habe man sich ein oder zweimal zu oft an die Bar begeben. Mit der Kurzsichtigkeit verschwimmt das grelle Leuchten über dem Gesicht sofort zu beeindruckenden Lichteffekten von lang vergessenen Partys. Und das staubsaugerähnliche Gerät für den Sprühnebel, das neben dem Stuhl platziert ist, dröhnt so laut und monoton, dass es sich mit viel gutem Willen auch um die Lüftungsanlage eines gut besuchten Clubs handeln könnte.

Schließlich sind die Zähne wieder sauber. Schade eigentlich, dass es vorbei ist. Maske auf und zurück in die Wirklichkeit. Draußen wartet sie schon, die letzte Assoziation, die sich mit einer durchzechten Nacht und einem Zahnarztbesuch im kalten November finden lässt: Die Frischluftklatsche.

© SZ vom 26.11.2020
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