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Verkehrserziehung in Ebersberg:Wacklig auf zwei Rädern

Haben Kinder durch Corona das Fahrradfahren verlernt? Bernhard Schweida von der Kreisverkehrswacht spricht über die Folgen der Lockdowns.

Interview von Franziska Langhammer, Ebersberg

Wie biege ich noch mal nach links ab? Zuerst umschauen, Handzeichen, und dann? Wie man sich im Straßenverkehr als Radfahrer zurecht findet, lernen die meisten Kinder bei der Jugendverkehrserziehung. Die nächsten Prüfungen dafür stehen in der kommenden Woche an. Bernhard Schweida, Vorsitzender der Kreisverkehrswacht Ebersberg und Polizeihauptmeister, erzählt im SZ Interview, was hilft, wenn das Kind - nicht zuletzt wegen der vergangenen Lockdowns - jetzt motorisch unsicher unterwegs ist.

SZ: Wer schwimmen oder Auto fahren lernen will, muss sich derzeit gedulden. Merken Sie auch bei den Fahrradprüfungen einen Rückstau durch Corona?

Bernhard Schweida: Im vergangenen Jahr haben wir das stark gespürt, weil wir Corona-bedingt nur wenig Unterricht geben konnten. In den Sommerferien und im Herbst haben wir einen Zusatzblock angeboten, einen komprimierten Fahrradführerschein auf freiwilliger Basis, und hatten dann doch circa 400 Kinder da. Normal haben wir aufs ganze Jahr gesehen 850.

Wie lief es?

Anfangs hatten wir Bedenken, weil wir nur einen Tag lang Übungen machen konnten und am nächsten Tag dann schon die Prüfung anstand. Aber weil natürlich nur die engagierten Kinder da waren, bei denen die Eltern auch dahinter sind, haben so gut wie alle den Fahrradführerschein geschafft. Die Kinder, die es eigentlich am Nötigsten hätten, weil sich zum Beispiel die Eltern nicht so sehr um die Verkehrssicherheit bemühen, konnten wir leider nicht erreichen.

Am Fahrradsimulator sehen sich Kinder einer Verkehrssituation ausgesetzt, in der sie richtig reagieren sollen - wie bei einem Computerspiel.

(Foto: Christian Endt)

Und wie sieht es derzeit aus?

Dieses Jahr konnten wir mit den Schulen fast alle Übungseinheiten durchführen - natürlich mit Beschränkungen und Abstand. Wir haben einen Frühjahrs-, Sommer- und Herbstblock; pro Block sind immer etwa zehn Klassen in der Jugendverkehrsschule. Im Frühjahr mussten wir diese wegen des Lockdowns etwas komprimieren. Normalerweise gibt es drei Übungen, und dann folgt die Prüfung. Als letzte Einheit folgt dann das Fahren in der Verkehrswirklichkeit, dem Realverkehr. Im Frühjahr musste letzterer komplett ausfallen, da es zeitlich nicht mehr darstellbar war.

Hat man den Kindern den Lockdown angemerkt?

Wir merken immer noch sehr, dass die Kinder deutlich schwächer sind. Sie sind es nicht mehr gewohnt, sich anderthalb Stunden zu konzentrieren. Auffällig ist auch, dass die Kinder wackliger auf dem Rad unterwegs sind, weil einfach die Übung fehlt. Pro Klasse sind das etwa drei bis vier Kinder, die motorisch schwächer sind. Sie haben zum Beispiel Probleme mit Handzeichen geben und umschauen.

Woran liegt das?

Die Kinder fahren nicht mehr so viel Fahrrad wie früher. Sie müssten zwar in der zweiten oder dritten Klasse in der Schule Schonraumübungen machen, aber das ging zu Coronazeiten kaum. Und wir können das in der kurzen Zeit nicht beheben.

Was sind Schonraumübungen?

Diese Übungen stehen eigentlich im Lehrplan. Die Lehrkräfte müssen mit den Kindern in Kleingruppen Übungen machen, dazu bekommen sie von uns einen Anhänger, den wir 2015 angeschafft haben und der normalerweise im wöchentlichen Wechsel an Schulen im ganzen Landkreis entliehen wird. Da sind fünf Fahrräder und fünf Roller drin, und die Kinder machen Geschicklichkeitsübungen damit: etwa einhändig fahren, Achter fahren, Schrägbrett und Spurbrett befahren oder Slalom.

Bernhard Schweida hat gleich zwei Jobs, die mit Sicherheit zu tun haben: Er ist Polizeihauptmeister sowie Chef der Verkehrswacht Ebersberg. In drei Blöcken kümmern er und seine Kollegen sich um die Jugendverkehrserziehung.

(Foto: Christian Endt)

Hat die Kreisverkehrswacht auch ein Programm, um den Corona-Nachwehen etwas entgegen zu setzen?

Wir bieten auf freiwilliger Basis eine Prüfungsvorbereitung kurz vor den Prüfungsterminen an. Dazu gehört zum Beispiel ein spezielles Handling-Training, Üben der Prüfungsrunde. Am kommenden Montag setzen wir dann zum ersten Mal unseren Fahrradsimulator ein: Wie bei einem Computerspiel sehen sich Kinder einer Verkehrssituation ausgesetzt, in der sie richtig reagieren sollen - in der Regel bremsen. Sie sitzen dabei auf einem Fahrrad und müssen auch richtig treten. Da geht es um Berechnung der Reaktionszeiten: Wie lange brauche ich eigentlich um zu verstehen, dass ich reagieren muss? Hierbei wird dann auch die Gefahr der Ablenkung, welche etwa beim Blick aufs Handy entsteht, simuliert.

Was raten Sie den Eltern?

Üben, üben, üben. Mit den Kindern viel Fahrrad fahren, Fahrradtouren machen, unterwegs sein. Nicht Verkehrsregeln lernen, das machen sie dann bei uns. Sie können auch jederzeit bei uns in Grafing auf den Übungsplatz gegenüber von der Comeniusschule kommen, hier ist kein Fahrzeugverkehr, und das wird auch rege genutzt. Weitere Übungsplätze gibt es in Poing gegenüber von der Polizei und in Vaterstetten bei den Sportstätten.

© SZ vom 18.06.2021
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