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Urlaub in Ebersberg:Große Entschleunigung auf kleinem Raum

In Antholing steht erste "Tiny-House" im Landkreis. Hier kann man Erholung finden und das Leben auf 21 Quadratmetern ausprobieren.

Von Michaela Pelz, Baiern

Der Landkreis Ebersberg ist schön. Das schätzen nicht nur die Einheimischen, sondern auch Gäste von nah und fern - denen man nun auch eine Reise nach Baiern empfehlen könnte. Denn dort steht neuerdings, am Rande eines idyllischen Obstgartens in Antholing, ein "Tiny House", ein kleines, mobiles Heim. Besitzer und Vermieter ist die Familie Maier.

Von außen erinnert das 6,60 Meter mal 2,50 Meter große Konstrukt an einen stylishen Bauwagen, innen enthält der circa vier Meter hohe Massivholz-Tandem-Trailer aber tatsächlich alles, was bis zu vier Erwachsene für eine gelungene Selbstversorger-Auszeit benötigen: Küche mit Backofen, Waschmaschine, modernes Bad, sowie zwei über Leitern erreichbare Schlafpodeste. Dort muss man wegen des Abstands von knapp einem Meter zwischen Liegefläche und Decke zwar gut auf seinen Kopf aufpassen, ein Beklemmungsgefühl bleibt dank der offenen Bauweise aber aus. Und für alle Fälle gibt es ja noch das ausziehbare Sofa im Wohnzimmerbereich, wo auch der WLAN-Wandmonitor hängt.

21 Quadratmeter für eine perfekte Auszeit.

(Foto: Christian Endt)

Die Geschichte ihres Minihauses erzählt Doris Maier, bis vor wenigen Jahren als Hauptschullehrerin tätig, beim Gespräch auf gemütlichen Korbstühlen vor dem aufgebockten Gefährt. Schon länger habe ihr Mann, Manager bei Siemens-Energy, als Domizil für Urlaubsgäste mit dem Gedanken an ein Tiny House geliebäugelt. Was für sie selbst eine große Rolle gespielt habe, erläutert die 55-Jährige so: "Ich mag unbebaute Landschaften - und so ein mobiles Heim kann man später auch wieder wegfahren."

Viel Holz, Küche, Bad, ein Sofa und zwei Schlafpodeste bietet das "Tiny House".

(Foto: Christian Endt)

Nachdem die Entscheidung im Sommer 2020 gefallen war, stieß Thomas Maier via Internet auf das 2008 gegründete Krakauer Unternehmen "Berghaus", das kurz zuvor in die Tiny-House-Produktion eingestiegen war und mittlerweile in fünf Ländern operiert. Man habe intensiv telefoniert, erinnert sich Firmensprecher Dennis Czekalla. Dabei berichtete er den Interessenten aus Baiern auch davon, dass er und seine Kollegen im Begriff seien, einen Prototyp von Krakau zum deutschen Showroom (damals in Raubling, heute in Kierspe, Nordrhein-Westfalen) zu transportieren. Die Vermieterin erinnert sich: "Wir wollten dort hinfahren, doch die jungen Leute, alles erkennbar Schreiner aus Leidenschaft, boten uns an, ihrerseits unverbindlich vorbeizukommen." Nicht schlecht, wenn einem bei einer Hausbesichtigung das Objekt bis vor die Tür geliefert wird.

Vermieterin Doris Maier ist begeistert.

(Foto: Christian Endt)

Was man sah, gefiel und wurde daher kurzerhand gekauft - gerade mal drei Wochen nach dem ersten Kontakt. Normalerweise dauere so ein Abschluss eher zwei Monate, sagt Czekalla von Berghaus. Danach könne die individuelle Planung für ein schlüsselfertiges Exemplar losgehen. Je nach Ausstattung müsse man dafür 50 000 bis 60 000 Euro aufwenden. In Deutschland außerdem vonnöten: ein ausgewiesenes Baugrundstück. Nur dort darf ein Tiny House aufgestellt werden. Eine Voraussetzung, die die Maiersche Streuobstwiese erfüllt, weitere Genehmigungen waren aufgrund der Größe und der Einhaltung der Abstandsflächen nicht nötig - so hat es das Ebersberger Landratsamt schriftlich bestätigt.

Es ist das erste "Tiny House" im Landkreis Ebersberg.

(Foto: Christian Endt)

Nach dem Anschluss an die Kanalisation und dem Ende des ersten Lockdowns konnte die Vermietung im Sommer 2020 beginnen: Als erster Gast kam ein junger Mann aus Kuwait, der seine Eltern zur Kur nach Bad Aibling begleitet hatte, wegen Corona aber nicht mehr zurückfliegen durfte. Die Verständigung mit den Maiers war trotzdem kein Problem: Neben amerikanischen Austauschschülerinnen hatte die Familie in der Vergangenheit auch schon Studenten aus Japan und Indien beherbergt. Außerdem verbrachte einer der beiden Söhne als American-Football-Spieler drei Jahre an einer Highschool in Georgia.

Tatsächlich war der Landkreis Ebersberg immer schon Ziel für Gäste aus aller Welt. Allein über die im Tourismus-Verein Grafing organisierten Vermieter von Privatquartieren seien vor der Pandemie jährlich etwa 10 000 Übernachtungen zustande gekommen, schätzt die Vorsitzende Brigitte Binder. Sie freut sich sehr, dass dank Familie Maier nun im Landkreis neben Zimmern und Ferienwohnungen auch ein "Tiny House" als Quartier zur Verfügung steht.

Dieses wurde im vergangenen Sommer (2021 war ja bisher keine Vermietung erlaubt) vor allem von Urlaubern aus Deutschland und Österreich rege genutzt: Wanderer, Radfahrer, Familien mit Kind und/oder Hund. Wie Doris Maier erzählt, blieben die Besucher meist zwischen drei Nächten und einer Woche und wechselten zwischen Städtetour nach München oder Rosenheim und Ausflügen an einen der Badeseen der Umgebung. Manche Familien hätten auch Bergtouren unternommen oder sich in die nahe gelegene Therme begeben, wenn sie nicht gerade die Schaukel oder das Trampolin der Gastgeber nutzten. Doch nicht nur Touristen interessierten sich für das Angebot in Antholing, sondern auch Leute, die in einem Tiny House "probewohnen" wollten, sagt die Vermieterin. Seit den Anfängen des Amerikaners Jay Shafer vor mehr als zwanzig Jahren hat die Bewegung stetig an Popularität zugelegt. Veränderte Konsumgewohnheiten, die Bedeutung von Nachhaltigkeit in Verbindung mit der Frage: "Brauche ich diese Anschaffung wirklich?" führten, konsequent weiterentwickelt, zu dieser minimalistischen Wohnform. Sie vor einer endgültigen Entscheidung auszuprobieren, erscheint allerdings sinnvoll, denn der Stauraum ist in der Tat eher überschaubar.

Im Antholinger Häuschen steht im Schlafbereich rechts dafür eine kleine Kommode bereit, in Bad und Küche gibt es Ablageflächen, im Wohnzimmer verbirgt sich unter der Tischplatte eine Truhe. Gepäck, Schuhe und Rucksäcke finden vor der Tür in einer wasserdichten und abschließbaren Kiste Platz. "Es hat ein bisschen was von Hüttenfeeling", sagt Doris Maier, deren herzlich-zugewandte Art sie zur perfekten Herbergsmutter machen würde. Da die Klimaanlage nicht nur kühlt und entlüftet, sondern auch heizt, kann man es sich in der 21-Quadratmeter-Bleibe sogar im Herbst und Winter gemütlich machen, vor allem, wenn, wie geplant, noch eine Fass-Sauna dazukommt.

Doris Maier sagt über ihre Gäste: "Sie kamen total gestresst und sind ganz entspannt wieder gefahren." Und tatsächlich: Selbst nach nur einem einstündigen Besuch genießt man völlig entschleunigt jede Minute der Rückfahrt mit Blick auf Wiesen voller friedlich grasender Schafe, Kühe und Pferde. Wer braucht da noch Strand und Meer?! Der Landkreis Ebersberg ist mindestens ebenso eine Reise wert.

© SZ vom 14.05.2021
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