bedeckt München 14°

Ebersberg:Kränkende Komplimente

Mit der Kampagne "Watch out" wollen der Kreisjugendring, der Frauennotruf Ebersberg und einige Unterstützer auf Sexismus im Alltag aufmerksam machen. Am Sonntag wurde ein Banner am Ebersberger Aussichtsturm gehisst und die Aktion damit eingeleitet.

(Foto: Christian Endt)

Den oft subtilen alltäglichen Sexismus in Sprache und Verhalten thematisiert eine gemeinsame Kampagne von Kreisjugendring und Frauennotruf Ebersberg.

Von Franziska Langhammer, Ebersberg

Belästigungen in der S-Bahn, unangemessene Berührungen in Clubs - immer wieder erzählen Jugendliche auch aus dem Landkreis von derartigen Übergriffen. Das berichtet Philipp Spiegelsberger, Geschäftsführer des Kreisjugendrings (KJR) Ebersberg. So hat sich der Kreisjugendring mit anderen Organisationen zusammengetan und eine Kampagne gestartet. Unter der Überschrift "Watch Out!" wollen die Beteiligten für mehr Achtsamkeit bei Sexismus werben.

Gleichberechtigung und der Abbau geschlechterspezifischer Diskriminierungen seien in der Satzung der Jugendringe verankert, erklärt Spiegelsberger, so habe man das Thema Sexismus im Alltag schon immer auf dem Schirm gehabt. Im vergangenen Herbst flammte dann die Debatte über die sexistische Werbung für ein Getränk bei einem Gastronomie-Betrieb im Landkreis auf. Und auch im Vorstand des Kreisjugendrings sei darüber diskutiert worden. "Wir haben dann beschlossen, dass wir das nicht nur im stillen Kämmerlein thematisieren wollen", erzählt er. Mit der Idee trat der KJR an den Frauennotruf Ebersberg heran, und so entstand die Kampagne "Watch Out! Zusammen gegen Sexismus im Landkreis Ebersberg", die in den nächsten Tagen startet. Mit im Boot sind die Aktion Jugendzentrum Ebersberg und Unterstützer aus der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen, finanziell gefördert wird sie von der Partnerschaft für Demokratie im Landkreis Ebersberg.

Der Auftakt der Kampagne fand am Sonntag statt: Ein großes Banner wurde am Aussichtsturm Ebersberg gehisst, mit dem die Initiatoren auf die Problematik hinweisen wollen Von Montag, 26. April, an wollen nun die beteiligten Organisationen via Social Media täglich eine Frage zum Thema Sexismus stellen. Wer Interesse hat, ist zum Mitmachen eingeladen. Die Ergebnisse sollen auf der Projekthomepage präsentiert werden. Außerdem ist ein Videoprojekt geplant. "Wenn Treffen wieder möglich sind, soll es Workshop-Phasen geben, in denen wir gemeinsam das Drehbuch entwickeln", erläutert Philipp Spiegelsberger. Dabei gehe es zum einen um die Darstellung: Wie schaffe ich es, die Message kurz und ausdrucksstark rüberzubringen? Zum anderen um die technische Umsetzung: Professionelle Filmemacher und Regisseure sollen den Teilnehmern das technische Know-how näherbringen.

Sexismus ist auch im Landkreis ein großes Thema, das zeigen auch die deutlich gestiegenen Zahlen des Frauennotrufs: Im Jahr 2020 wurden fast 1000 Beratungsgespräche durchgeführt. Im Vergleich zum Vorjahr haben sich die Beratungskontakte damit um 20 Prozent gesteigert, die Anzahl der Ratsuchenden um 24 Prozent. Dass Sexismus jedoch subtiler und vielschichtiger daherkommt, hat Hanna Dott vom Frauennotruf Ebersberg beobachtet. "Häusliche Gewalt und physische Übergriffe auf Frauen sind nur die Spitze des Eisbergs", sagt sie. Sie zu verurteilen sei gesellschaftlicher Konsens. Sexismus beginne jedoch schon im Alltäglichen, beispielsweise beim sogenannten Catcalling. Da werde einer Frau auf der Straße hinterhergerufen, sie habe einen geilen Arsch, und dann heiße es: "Jetzt hab dich nicht so, das war ein Kompliment." Und dann müssten sich Frauen anhören, sie seien zu sensibel, das sei ihr Problem, sagt Dott.

Zunehmend würden sich auch Menschen beim Frauennotruf melden, die auf sexistische Werbungen aufmerksam machen, etwa, wenn mit "Holz vor der Hütte" geworben und ein großer Ausschnitt gezeigt wird. "Wir raten bei solchen Fällen immer, sich bei der Plattform werbemelderin.de oder beim Werberat zu melden", sagt Hanna Dott. Wenn man selbst betroffen sei von sexistischen Sprüchen, sei es wichtig, sich abzugrenzen, nein zu sagen, das Gegenüber zum Unterlassen aufzufordern. Leider passiere es immer wieder, dass der Frau die Schuld zugeschoben werde, wenn sie sich nicht wehre. "Aber es gibt keine falsche Reaktion", sagt Dott. "Die Verantwortung muss bei dem bleiben, der den Übergriff ausübt."

Ob Sexismus als solcher empfunden wird, habe auch viel mit einem selbst zu tun. Wie sind wir selber erzogen? Was empfinde ich als Grenze? Viele seien damit aufgewachsen, sexistische Sprüche als normal anzusehen, sagt Dott. Dabei seien diese Ausdruck patriarchalischer Machtstrukturen. Die Kampagne "Watch out!" will nicht zuletzt Denkanstöße dafür liefern und das Auge schärfen für Situationen, die man bisher nicht hinterfragt hat.

© SZ vom 26.04.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema