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Schule und Corona:"Blöd nur, dass wir zu wenige sind"

Coronavirus - Selbsttests an Schulen

Corona sorgt für viel Bürokratie an den Ebersberger Schulen. Die Testung der Schüler ist dabei nur eine der zahlreichen Aufgaben.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpd)

Lehrer im Landkreis Ebersberg haben in der Pandemie mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Und die nächste Krise wartet bereits.

Von Andreas Junkmann, Ebersberg

Jetzt soll es also die 165 sein. Bis zu diesem Inzidenzwert werden in Bayern die Grundschulen geöffnet bleiben, wie Markus Söder (CSU) am Montag ankündigte. Ein "Hopplahop" des Ministerpräsidenten nennt das Simone Fleischmann, die Chefin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV). Für sie und ihre Kollegen bedeute diese Entscheidung aus dem Landtag einmal mehr, sich spontan neu auszurichten. Darin hat man an den Schulen im Landkreis Ebersberg seit Pandemiebeginn aber ohnehin bereits reichlich Erfahrungen gesammelt. Neben dieser notgedrungenen Flexibilität ist es aber vor allem die Bürokratie, die den Lehrerinnen und Lehrern während der Corona-Krise zu schaffen macht.

Der Aufwand sei teilweise nur schwer zu stemmen, sagt etwa Susanne Böhm, Leiterin der Mittelschule Grafing, in einem vom BLLV organisierten Pressegespräch. Vieles müsse täglich neu erfasst werden, so Böhm: die Verteilung von Selbsttests und Masken, Umfragen zur Gestaltung des Unterrichts, die Teilnahme der Schüler an den digitalen Stunden, die Ausgabe von technischen Endgeräten. Hinzu komme die oft schwierige Kommunikation aus dem Kultusministerium. "Die Anweisungen kommen oft erst am Freitagnachmittag", so Böhm. Teilweise würde man die aktuellen Beschlüsse auch zuerst über die Medien erfahren oder müsse Informationen bis zur offiziellen Erklärung des Ministeriums zurückhalten. "Die Eltern rufen uns permanent an, aber wir dürfen nichts herausgeben", klagt Susanne Böhm.

Mit den Eltern sei es ohnehin manchmal kompliziert. Der Großteil würde die Situation zwar gut annehmen, "aber ein geringer Prozentsatz macht Probleme", sagt die Grafinger Schulleiterin. So hätten Eltern etwa schon Formulare eingereicht, die es der Schule verbieten, medizinische Eingriffe an den Kindern vorzunehmen. "Das ist völlig absurd. So etwas würden wir nie machen", stellt Böhm klar. Andere Eltern hingegen seien etwas zu vorsichtig und würden ihre Kinder gar nicht mehr in die Schule schicken.

Den Blick auf die Notbetreuung richtete derweil Astrid Jahreiß, Konrektorin der Grundschule an der Karl-Sittler-Straße in der Gemeinde Poing. "Es ist ein Wahnsinn, das alles zu stemmen", sagt sie. Es gebe kaum Räume dafür, vor allem aber zu wenig Personal. Mit eigenen Leuten sei die Notbetreuung der Kleinen deshalb kaum abzudecken. Dabei seien gerade dort Fachkräfte dringend nötig, die die Schüler gut kennen. "Vor allem in der ersten und zweiten Klasse brauchen die Kinder viel Aufmerksamkeit", sagt Jahreiß, die befürchtet, dass die Auswirkungen des Corona-Unterrichts nicht spurlos an den Schülern vorübergehen werden. "Die Kinder müssen Schule erst noch erleben, und das geht nur über soziale Kontakte", so die Poinger Konrektorin.

Deren Kollegin Ingrid Schermann von der Anni-Pickert-Grund- und Mittelschule in Poing erinnert derweil daran, dass viele Lehrer auch Eltern seien und deshalb um die Probleme wüssten, mit denen Familien zu kämpfen hätten. "Ich springe auch zwischen Familie und Lehrer-Dasein", sagt Schermann. Sie verstehe deshalb die Sorgen vieler Eltern, die genervt seien, wenn sie nicht sofort eine Antwort von der Schule erhielten. "Man ist im Grunde genommen 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Lehrerin."

Eher seltener ihren Lehrerberuf richtig ausüben kann derzeit Anna Trinkl. Sie ist Fachlehrerin für Ernährung sowie Werken und Gestalten, was sich per Homeschooling nur schwer umsetzen lasse: "Ich kann ja nicht durch die Kamera greifen." Schüler würden in diesen Fächern deshalb noch mehr auf der Strecke bleiben. Dass das auf Dauer auch zu Lasten der Motivation geht, sagt Annette Schneider von der Anni-Pickert-Schule. "Das Engagement lässt ein bisschen nach." Man müsse die Kinder inzwischen viel häufiger daran erinnern, dass Homeschooling normaler Unterricht sei. Füße auf dem Tisch oder Essen während der Schulstunde habe es zu Beginn der Pandemie kaum gegeben. Ermahnungen einzelner Schüler vor der Kamera seien dagegen schwierig, "das ist immer gleich ein Frontalangriff", sagt Schneider.

Fast schon wie einen Angriff empfindet man beim BLLV zuweilen auch die Entscheidungen der Staatsregierung. Man bekomme manchmal den Eindruck, Politik spiele eine größere Rolle als Pädagogik, sagt Präsidentin Simone Fleischmann. Sie fordert deshalb, dass die aus Berlin versprochenen finanziellen Förderungen möglichst unbürokratisch an der Basis ankommen sollen. Die Defizite aufzuholen, gehe ohnehin nicht in wenigen Monaten. "Wir wollen deshalb einen Fünf-Jahres-Plan", so die BLLV-Chefin, die dafür plädiert, die Bedürfnisse der Schüler nicht aus den Augen zu verlieren. "Sie sollen in den Mittelpunkt gestellt werden."

Wie gut das in den nächsten Jahren funktionieren wird, ist indes fraglich. Denn im September wird laut Fleischmann ein Problem zu Tage treten, das durch die Pandemie etwas kaschiert worden sei: das fehlende Personal. "Wir werden beim Lehrermangel Corona noch vermissen", sagt die BLLV-Präsidentin. Pädagogen würden schließlich nicht auf Bäumen wachsen. Das werde sich auch auf die kommenden Jahre auswirken, in denen die nun entstandenen Rückstände aufgeholt werden müssen. Dafür brauche es flexible und intelligente Modelle, so Fleischmann. "Wir Lehrer können das. Blöd nur, dass wir zu wenige sind."

© SZ vom 05.05.2021
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