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Corona in Ebersberg:Lange Wartelisten

Der Zornedinger Hausarzt Marc Block erhält momentan Impf-Anfragen aus weiten Teilen Bayerns.

(Foto: Christian Endt)

Die niedergelassenen Ärzte im Landkreis Ebersberg werden von Impfwilligen fast überrannt. Viele Menschen fürchten, dass sie nach der Aufhebung der Priorisierung übergangen werden.

Von Barbara Mooser, Ebersberg

Neulich war eine Mail aus Ingolstadt im Postfach: Eine Frau informierte den Zornedinger Hausarzt Marc Block, dass sie in einer Stunde in seiner Praxis stehen könnte - wenn er nur eine Dosis des begehrten Corona-Impfstoffs für sie hätte. Sie ist keine Ausnahme, viele wünschen sich sehnlichst Schutz vor dem Virus und würden dafür auch durch halb Bayern fahren. Mitte bis Ende Mai soll - so hat es Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) am Dienstag angekündigt - die Priorisierung beim Impfen aufgehoben werden. Schon jetzt wachsen die Wartelisten bei den niedergelassenen Ärzten ständig an, viele Patienten hätten nun die Sorge, dass Impfwillige aus einer niedrigeren Priorität an ihnen vorbei ziehen, sagt Block, der auch Koordinierungsarzt der niedergelassenen Ärzte im Kreis ist.

Schon bevor am Dienstag Söder den neuen Kurs verkündet hat, prasselten die Anfragen in den Arztpraxen nur so herein, per Mail, telefonisch, bei persönlichen Besuchen. Das hat jetzt noch einmal zugenommen. Auf Blocks Liste stehen bisher 400 Impfwillige, es sind bei weitem nicht nur Patienten, die in seiner Praxis auch sonst vorbeikommen. So mancher versuche sein Glück offenbar mit "Massenbriefen" bei allen Praxen im Umkreis von 100 Kilometern, erzählt Block. Er hat aber auch eine besorgte Mail einer Patientin erhalten, die in Impfpriorität 2 eingestuft wurde, deshalb eigentlich bald dran sein sollte, aber immer noch keine Einladung zur Vereinbarung eines Impftermins erhalten hat.

Tatsächlich fürchtet Block, dass das Thema so etwas wie ein "Spaltpilz" für die Gesellschaft werden könne. Es sei schon möglich, dass eine unerwünschte Entwicklung eintrete: "Die Stillen kommen nicht so schnell zu ihrem Recht wie diejenigen, die am lautesten rufen." Allerdings, so Block, bemühten sich die Hausärzte auf jeden Fall darum, dass die Patienten zum Zug kämen, für die der Schutz durch die Impfung besonders wichtig wäre. Allen recht machen könne man es freilich nie, sagt der Mediziner - und ohnehin werde sich hoffentlich die Lage entspannen, wenn wie angekündigt mehr Impfstoff verfügbar sei.

Immerhin ein Problem haben die Praxen laut Block inzwischen nicht mehr: dass sie den Impfstoff von Astra Zeneca nur mühsam loswerden. Dieses Vakzin ist inzwischen für alle Altersgruppen und ohne Priorisierung freigegeben, es kann also auf Wunsch an alle Impfwilligen abgegeben werden - sofern denn etwas davon vorhanden ist. "Die Akzeptanz bei denen, die nicht priorisiert sind, ist gut", hat Block festgestellt. Nur ältere Menschen, für die das Vakzin eigentlich empfohlen ist, hätten immer noch Bedenken. Schwierig ist nach wie vor, das Impfen zu planen, denn welchen Impfstoff in welcher Menge er bekomme, das sei meist recht unsicher. Für die Impfungen haben die meisten Ärzte im Landkreis Sondersprechstunden eingeführt, manche impfen auch in der Freizeit. Damit sei man nun auch an der Grenze: "Mehr als mehr geht irgendwann nicht mehr."

Welche Konsequenzen Söders Ankündigung für das Ebersberger Impfzentrum hat, ist bisher noch nicht klar. "Wir wissen noch gar nichts", sagt der Leiter Liam Klages am Mittwoch. Man gehe davon aus, dass die Termine weiter ausschließlich über das bayerische Impfportal vergeben würden. Damit rechnet auch Brigitte Keller, die Chefin des Corona-Krisenstabs im Ebersberger Landratsamt. Die Terminvergabe erfolge über das Portal; welche Programmierung dahinter stecke, sei im Ebersberger Landratsamt nicht bekannt. Doch Priorisierung oder nicht: Schon jetzt sind mehr als 30 000 Bürgerinnen und Bürger im Portal registriert und warten darauf, dass sie endlich an der Reihe sind.

Keller geht jedenfalls nicht davon aus, dass das Impfzentrum so bald überflüssig wird. Über eine Verlängerung des Vertrags bis Ende September wird gerade verhandelt, eine Zustimmung des Gesundheitsministeriums stehe noch aus. "Ich denke, es ist eine Formalie, andere Landkreise haben die Zustimmung zur Verlängerung bis zum 30. September bereits erhalten", so Keller. Die Chefin des Corona-Krisenstabs rechnet freilich damit, dass das Impfzentrum auch über diesen Zeitraum hinaus noch gebraucht wird. "Wir werden in einigen Monaten die Situation neu bewerten", sagt sie: Welche Auswirkungen hat die Lage in Indien? Welche Mutanten erreichen Deutschland noch? Sind noch in diesem Jahr bei Geimpften Auffrischungsimpfungen nötig? Themen wie diese müssten dabei in Betracht gezogen werden.

Bei einem Thema ist der Landkreis allerdings schon weiter als andere: Im Ebersberger Impfzentrum gibt es bereits den digitalen Impfnachweis, damit nimmt der Kreis deutschlandweit eine Vorreiterrolle ein. Außer im bekannten gelben Impfausweis können die Informationen über die Impfung auch digital auf dem Handy hinterlegt werden. Nach Eingabe oder Übernahme der Daten wird ein 2D-Barcode erstellt, den die Nutzer direkt scannen können oder auf einem Papierausdruck mitbekommen und später einscannen können. Die App speichert die Impfbescheinigung lokal auf dem Smartphone. Die Informationen können beispielsweise hilfreich sein, wenn es ans Reisen geht oder um Zutritt zu Restaurants und Kulturveranstaltungen. Auch Marc Block erprobt in seiner Praxis seit Anfang der Woche den digitalen Nachweis: "Das läuft ganz gut." An diesem Donnerstag will er Kolleginnen und Kollegen in einer Zoom-Konferenz über die Technik informieren.

© SZ vom 29.04.2021
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