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Ebersberger Forst:Warum es zum Schutz des Waldes Kunststoff braucht

Forst - Waldsterben 2.0 - Verbissschutz und Verjüngung

Kunststoff-Hüllen schirmen Eichen-Setzlinge ab.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Um junge Bäume zu schützen, wird nicht nur Jagd auf Wild und Käfer gemacht. Im Ebersberger Forst setzt man mittlerweile auf moderne Hilfsmittel - auch aus Plastik.

Von Nathalie Stenger

Man muss schon etwas länger hinsehen, um zu entdecken, von was Försterin Astrid Fischer da spricht: Zwei Stöcke, die links und rechts eines kleinen Laubbaumes stehen, der im Winter auch noch braun gefärbte Blätter hat, sind in dem Wald vor lauter Holz nicht so leicht zu erkennen.

Es geht um eine Schutzmaßnahme gegen Wildverbiss im Ebersberger Forst. Forstbetriebsleiter Heinz Utschig hat Förster, Jäger und Waldbesitzer zusammengetrommelt, um einige Arten vorzustellen. Die Variante, die Astrid Fischer nun präsentiert, soll eine ganz besondere sein. "Die predige ich jetzt allen Waldbesitzern", lautet ihre Aussage. Sie muss es wissen, als Beraterin des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Ebersberg beschäftigt sie sich mit dem Thema Zukunftswald.

Die Gruppe, wegen des nasskalten Januarwetters dick eingepackt, steht im Privatwald von Martin Otter. Er besitzt "nicht ganz hundert Hektar" und ist nach eigener Aussage "experimentierfreudig". So sei auch seine persönliche Methode des Waldschutzes entstanden, erzählt er: Im Wald seiner Großeltern wurden damals zum Baumschutz Drahthosen genutzt - also Maschendraht im unteren Stammbereich. "Auch heute noch finde ich immer wieder Reste davon und das ist einfach ganz schrecklich". Daher die umweltfreundliche Maßnahme für die jungen Douglasien, die am Wegrand stehen: zwei hüfthohe Holzstecken, jeweils mit einem Stück Seil eng an Bäumen befestigt.

Forst - Waldsterben 2.0 - Verbissschutz und Verjüngung

Eine alternative Schutzmöglichkeit ist Schafwolle.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

"Das ist natürlich kein vollkommener Schutz vor Wild", so Otter, "aber zumindest hindert das Holz die Tiere ein wenig daran, den Setzling zu fressen". Astrid Fischer bückt sich und zupft einen kleinen Ast ab, zerreibt ihn zwischen ihren Fingern. "Das ist wie Ostern und Weihnachten", sagt sie. Da ist es nicht verwunderlich, dass Feinschmecker auf vier Beinen vorbeikommen und sich den Douglasien widmen.

"Man kann den Wald nur ändern, wenn man an den jungen Bäumen arbeitet"

Forst - Waldsterben 2.0 - Verbissschutz und Verjüngung

Auch mit Weiserzäunen können die Setzlinge geschützt werden.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Warum das so ein großes Problem ist? Forstchef Utschig erklärt: "Man kann den Wald nur ändern, wenn man an den jungen Bäumen arbeitet". Sobald letztere aber aufgrund von Wild- oder Konkurrenzpflanzen keine Chancen hätten, so Utschig, können auch keine Fichtenmonokulturen aufgemischt werden.

Forst - Waldsterben 2.0 - Verbissschutz und Verjüngung

Heinz Utschig (links) und Försterin Lisa Pausch (2. von rechts) bei der Arbeit.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Dass dies für Wälder in Zeiten des Klimawandels jedoch essenziell ist, zeigt wiederum Elisabeth Pausch, Revierförsterin von Forstinning, in einem Gebiet nahe der Sauschütt. "Hier war der Borkenkäfer vor zwei Jahren", sagt die 30-Jährige und deutet auf die große Fläche vor ihr. Von dem reinen Fichtenwald, der hier einst war, ist nicht mehr viel übrig. "Durch die steigende Jahresdurchschnittstemperatur bekommt die Fichte Klimastress und wird anfälliger für Schädlinge", erklärt Utschig. Statt der Bäume sieht man hier nur Plastikhüllen. Wuchshüllen, wie Pausch erzählt. "Sie schirmen die jungen Traubeneichen, die gesetzt wurden, vor Konkurrenzpflanzen ab".

Das Prinzip ist das eines Gewächshauses: das lichtdurchlässige Material schafft ein geeignetes Klima für den jungen Baum. Und kleine Löcher in Bodennähe sorgen für frische Luft. Fünf bis sechs Jahre werde es wohl noch dauern, bis die Eichen groß genug sind, um sich gegen die Brombeere, die zwischen den Hüllen wuchert, wehren zu können, schätzt Pausch. Netter Nebeneffekt: die Wuchshüllen schützen vor Wildverbiss und den Fegeschäden, also wenn Hirsche ihr Geweih an Bäumen oder Sträuchern reiben. Damit der Kunststoff aber später nicht als Mikroplastik im Waldboden endet, muss er nach der Nutzung entsorgt werden. Das kostet: 2500 Euro mussten die Staatsforsten für die Maßnahmen investieren. "Da ist dann aber auch alles mit dabei", erklärt die Försterin, "Auf- und Abbau sowie Kontrolle".

Um junge Bäume im Ebersberger Forst zu schützen, wird nicht nur Jagd auf Wild und Käfer gemacht. Die Förster setzen mittlerweile auf moderne Hilfsmittel, und dazu zählt auch Plastik. "Das ist das Extremste, was man machen kann in Sachen Einzelschutz", sagt Fischer über die Wuchshüllen. Wenn es sich also vermeiden lässt, kommen im Ebersberger Forst andere Optionen zum Einsatz. Wolle zum Beispiel. Genauer: unbehandelte Schafswolle. Wie von weißen Hütchen bedeckt sehen die Jungbäume, die wild zwischen dem Altbestand stehen, damit aus. "Man umwickelt den Leittrieb", erläutert Elisabeth Pausch, "das ist der schmackhafteste Teil des Baumes. Das Wild wird von dem strengen Eigengeruch der Wolle abgeschreckt".

"Besser man redet im Wald über Fakten statt über Emotionen"

Ersetzt werden so die blauen Plastikclips, von denen Fischer einen zur Veranschaulichung aus ihrer Jackentasche zieht. Utschig befestigt ihn an einer Jungtanne. "Das ist aber viel Arbeit", sagt er dann, "man muss die Clips Jahr für Jahr wieder hoch an die Spitze setzen". Denn anders als die Wolle ist die Schutzmanschette eben kein Naturprodukt, das dem Forst keinen Schaden zufügen kann, wenn es sich zersetzt. Für Försterin Pausch lohnt sich die natürliche Art und Weise des Verbissschutzes gleich doppelt. Er ist umweltfreundlich und in ihrem Fall billiger. "Das ist beim Scheren oft Abfallprodukt", sagt Pausch.

Um zu überprüfen, ob und inwiefern solche Maßnahmen notwendig sind, gibt es in ihrem Revier seit vergangenem Herbst einen sogenannten Weiserzaun. "Das ist eine empirische Methode", erklärt die Försterin. Ein Zaun aus Draht umschließt eine Fläche von zehn auf zehn Metern, aus der vereinzelt kleine Tannen aus dem Boden sprießen. Etwa 50 Meter weiter stehen Holzpfosten, die einen Bereich der gleichen Größe abgrenzen, nur ohne Zaun. Revierförsterin Pausch will damit den Einfluss des Wildes auf bestimme Waldflächen besser beurteilen.

Aber nicht nur das: "Wie geht's der Verjüngung? Passen die Lichtverhältnisse? All diese Fragen werden beantwortet". Mit handfesten Beweisen könne man völlig sachlich diskutieren, so die 30-Jährige. Denn: "Besser man redet im Wald über Fakten statt über Emotionen". Mit dem Weiserzaun sogar ganz ohne Plastik.

© SZ vom 31.01.2020/koei
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