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Ebersberger Forst:Mischwald statt Monokultur: In den Forst kehrt die Vielfalt zurück

30 Jahre Kampf gegen Monokultur im Ebersberger Forst.

Bereits 30 Jahre dauert der Kampf gegen die Monokultur im Ebersberger Forst.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Orkane und Käfer zerstörten in den Neunzigern ein Drittel des Bestandes. 30 Jahre später ist nun wieder zu erahnen, wie der Wald ursprünglich aussah.

Von Korbinian Eisenberger

Der Wald wird zum Mikado-Haufen. So ähnlich muss man sich den Ebersberger Forst von damals vorstellen, erzählt einer, der damals hinausfuhr um aufzuräumen. Es war im Februar 1990, nachdem die Orkane "Wiebke" und "Vivian" über Bayern gerauscht waren. Kurz darauf erhielt der Anzinger Forstwirt Stefan Blieninger einen Auftrag, den er unmöglich erfüllen konnte. "Die Bäume sind vier Meter hoch gelegen", erzählt der 53-Jährige. "Wir waren zu zweit und hatten Motorsägen." Harvester-Maschinen waren damals erst in Skandinavien bekannt. Im Ebersberger Forst rollten stattdessen Bagger. Doch damit wurde man den Sturmschäden nicht Herr. Blieninger steht 30 Jahre danach auf dem Waldboden und erinnert sich, was dann passierte. "Niemand war darauf gefasst", sagt er: Die Mikado-Haufen waren erst der Anfang.

Weil die bayerischen Staatsforsten das Schadholz seinerzeit nur sporadisch aus dem Wald schafften, nistete sich der Borkenkäfer ein und ließ kurze Zeit später ganze Reviere absterben. Vivian und Wiebke hatten eine mehrjährige Schädlingsinvasion im Ebersberger Forst ausgelöst. So wurden bis Mitte der 1990er Jahre 3000 der insgesamt 9000 Hektar Forst zerstört. Durch Stürme und Käfer entstand allein im Ebersberger Forst eine Schadensfläche so groß wie 4000 Fußballfelder. Bilder von damals erinnern weniger an einen Wald, als an ein Schlachtfeld. Und doch hatte diese Katastrophe etwas Gutes.

Zum ersten Mal seit Mitte der Neunziger wird wieder gezielt gefällt

Mitte November 2019, ein Waldstück voll mit Laubbäumen, Edelkastanien, Eichen, Kirschbäume. Mitten im Ebersberger Forst. Getöse aus dem Unterholz übertönt das Rascheln und Knacken. Forstwirt Mathias Rastl aus Bad Aibling ist hier mit dem Harvester zugange, per Greifarm schneidet der 25-Jährige Bäume ab und zerteilt sie. "Ich hole nur die Störer raus", erklärt er. Zum ersten Mal seit den Neupflanzungen Mitte der Neunziger wird hier wieder gezielt gefällt. Bei der sogenannten Durchforstung werden die schwächeren Bäume eines bestimmten Areals geopfert, damit sich die stärkeren entfalten können. "Andernfalls würden sie sich gegenseitig behindern", erklärt Rastl. Dass sich das Holz für Papier, Brennholz oder Dachlatten verkaufen lässt, sei eher ein Nebeneffekt. Viel wichtiger: Die Zurückentwicklung zu einem Mischwald.

Hier im Westen des Forsts, in den Revieren von Ingelsberg, Anzing und Isen, haben Vivian und Wiebke am schlimmsten gewütet. Genau hier befindet sich mittlerweile die laut Staatsforsten "größte Waldpflegefläche Bayerns". Man könnte auch sagen: Im Ebersberger Forst begann vor 25 Jahren die Rückbesinnung auf Zeiten, in denen Bayerns Wälder noch von Vielfalt geprägt waren, und auch von Robustheit und Stabilität. Eine Rückbesinnung, für die Bayern 250 Jahre gebraucht hat.

Die Menschen haben den Forst in einen Nadelwald verwandelt

Der Ebersberger Forst war einmal ein gesunder Mischwald - ehe die Menschen in der Region ihn in einen Nadelwald verwandelten. In fast allen Wäldern Bayerns ist das früher oder später geschehen, weil Holz als Baustoff immer wichtiger wurde. 1750 hatten im Forst noch vier von fünf Bäumen Blätter. 1798 schon erhob der königliche Landvermesser Mathias von Schilcher einen Laubwaldanteil von weniger als einem Drittel. In 50 Jahren wurde der Ebersberger Forst zu einem Wald, der nun zu 70 Prozent aus Fichten und Kiefern bestand. Mit Beginn der Industrialisierung in Bayern Mitte des 19. Jahrhunderts ließen Fürsten und Könige ihre Förster auch noch die letzten Buchen im Ebersberger Forst einschlagen. Messungen aus dem Jahr 1845 ergaben einen Fichtenanteil von 90 Prozent, während die Buche nur noch drei Prozent ausmachte.

Zurück auf dem Waldboden, wo die Gegenbewegung im Gang ist. Stefan Blieninger und sein Kollege Wolfgang Sollinger aus Frauenneuharting sind Mitte November zusammen im Dienst, sie sind nicht fürs Aussortieren zuständig, sondern für Neupflanzungen. Jedes Jahr setzen die Mitarbeiter des Forstbetriebs großflächig Baumtriebe ein. Gut zu sehen ist das beim Blick in den Wald, wo über der Gebüschnabe winzige Buchenbestände goldgelb glänzen. "Die haben wir vor fünf Jahren eingesetzt", sagt Sollinger. Diesmal hat der 53-Jährige Tannenpflanzerl im Gepäck.

30 Jahre Kampf gegen Monokultur im Ebersberger Forst.

Forstamtsleiter Heinz Utschig mit Setzlingen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sollinger stieß 1991 zum Forstbetrieb, also kurz nach der Sturmkatastrophe - und pünktlich zur Käferinvasion. Er erinnert sich wie Bagger und Lader die Käferbäume seinerzeit ungekürzt und in mühsamer Arbeit zum Kirchseeoner Bahnhof transportierten. Die Fichtenstämme kamen mit einer Länge von 16 Metern aus dem Forst am Gleis an, was sich als Problem entpuppte: "Die Stämme waren zu lang für die Zugwaggons", sagt Sollinger. "Also haben wir sie von Hand nachgeschnitten."

Die Jungpflanzen werden mit Schaffett eingeschmiert

Während Sollinger erzählt, lupft er 30 Zentimeter kurze Jungtannen aus einem Korb und vergräbt sie im Waldboden. Ihre Wurzeln müssen mit Scheren gestutzt werden und möglichst ungebogen nach unten ins Erdreich platziert werden. Das ist der Grund, warum es vor dem Einsetzen bei jeder Pflanze um die 15 Schläge mit der Hacke braucht, ehe das Loch tief und breit genug ist, ein ziemlicher Kraftakt. Um sie vor Wildverbiss zu schützen, sprüht Sollinger die Jungpflanzen mit Schaffett ein, das Rehe vom Vertilgen der Triebe abhalten soll. Zum Einsetzen kniet Sollinger sich mit einem Knieschoner in die Erde und sagt: "Wer am Tag 300 Bäume pflanzt, weiß warum ich den trage."

Die Rückkehr zu einem gesunden Wald ist beschwerlich, aber mittlerweile an Zahlen der Staatsforsten sichtbar. 1987 lagen Fichte und Kiefer im Ebersberger Forst noch bei 84 Prozent. In den folgenden drei Jahrzehnten ging ihr Bestand dann zurück. Bei der jüngsten Zählung vor drei Jahren kamen die Nadelbäume im Ebersberger Forst nur noch auf 64 Prozent. Hier im Westen des Forsts, wo junge Tannen und Buchen nebeneinander stehen, lässt sich erahnen, wie dieser Wald ursprünglich einmal ausgesehen haben könnte.

Kein Schädling kann alle Baumarten gleichzeitig angreifen

Ist Nadelholz der Feind? Braucht es nach all dem Mikado überhaupt einen Mischwald mit Fichte und Kiefer, nun, da Holz als Baustoff viele Alternativen bekommen hat?

Die Förster halten vor einem Baum an, den man im Forst nur noch selten findet: eine Weymouth-Kiefer, auch Strobe genannt, und vor langer Zeit aus Amerika nach Deutschland eingeführt. "200 Jahre lang sah es so aus, als sei die Strobe ein Wunderbaum ohne Gegner und Feinde", sagt Heinz Utschig, der Leiter des Forstbetriebs, auch er ist in diesem Gebiet unterwegs. 200 Jahre war die Strobe wie immun gegen Schädlinge, doch dann erwischte es auch diese Baumart: In der Natur fand sich ein Pilz, der die Stroben in Bayerns Wäldern bis zum Absterben aussaugte. Da war ihre Stunde geschlagen. Deswegen brauche man die Vielfalt, und keine Nadelbaum- oder Laubbaumkultur, erklärt der Forstchef: "Es findet sich irgendwann für jeden Baum ein Feind." Aber keiner greift alle Baumarten gleichzeitig an.

© SZ vom 16.11.2019/aju

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Von Korbinian Eisenberger (Texte) und Christian Endt (Fotos)

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