Kommentar:Ehrlichkeit tut not

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Die Veranstalter im Landkreis leiden derzeit wieder extrem unter der Pandemie, weil de facto keine Aufführungen möglich sind. Das sollte die Politik anerkennen - und für Entschädigung sorgen.

Von Anja Blum

Eine Auslastung von 25 Prozent. Wie darf man sich das vorstellen? In den Alten Speicher in Ebersberg zum Beispiel passen eigentlich 600 Menschen. Ein Viertel davon sind 150. Doch wenn, wie so oft, auf der Bühne einer der Publikumslieblinge des deutschen Kabaretts steht, reichen 150 Plätze natürlich vorne und hinten nicht aus. Dann müsste der Veranstalter unter den Ticketbesitzern Lose verteilen, oder den Kartenverkauf gänzlich neu aufrollen, um die 25-Prozent-Vorgabe erfüllen zu können. Undenkbar für ein kleines Team wie das aus Ebersberg. Jess Jochimsen, Simon Pearce, Andreas Rebers - sie alle wären da gewesen jetzt. Eigentlich. Doch das Alte Kino hat die Reißleine gezogen. Nicht nur aus organisatorischen und ökonomischen Gründen, sondern auch im Sinne der Gäste: Einen ganzen Abend lang hinter der Maske zu lachen, ist nicht gerade ein Vergnügen.

Außerdem sind die Inzidenzen in Ebersberg und drum rum so hoch wie nie zuvor, die Intensivstationen bereits jetzt voll, im Vergleich wirkt der vergangene Winter mittlerweile fast wie ein Kinderfasching. Insofern tut es nun wirklich not, die Kontakte zu beschränken, sich und andere zu schützen. Zuhause bleiben, lautet die Devise. Und die sollte auch, so schlimm es ist, für kulturelle Angebote gelten. Das wissen die Veranstalter im Landkreis ganz genau - und ziehen entsprechende Konsequenzen. Mit einer Entschlossenheit, die Respekt verdient.

Doch nicht nur dankbar sollte man dafür sein, dass die Programmchefs von Anzing bis Zorneding Verantwortung übernehmen. Sondern sich mit ihnen solidarisch zeigen. Sprich: Karten nicht zurückgeben, wieder einmal, sondern abwarten, ob es nicht eine zweite Chance gibt, irgendwann. Oder den Ticketpreis einfach gleich gedanklich auf dem Spendenkonto verbuchen. Ein großer Appell richtet sich aber auch an die Politik: Sie darf sich nicht verstecken hinter der Tatsache, dass Veranstaltungen ja weiterhin prinzipiell möglich sind, oder besser: wären. Vielmehr sollte sie ehrlich sein bezüglich dieses Lockdowns durch die Hintertür. Sie sollte diese widrigsten Bedingungen, unter denen die Veranstalter nun schon wieder operieren, anerkennen - und für entsprechende Entschädigung sorgen. Sonst wird die Kulturszene, gerade außerhalb der großen Städte und Häuser, noch weiter geschwächt. Die Kräfte schwinden - sie dürfen nicht versiegen!

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