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Kreativ in der Krise:Kunst ist ein Prozess, kein Produkt

Mitte November waren hybride Veranstaltungen noch möglich: Gladys Mwachiti, Franziska Glatt, Gaston Florin, Elsa Büsing, Andrea Kilian, Axel Tangerding und Theresa Eirich (von links) beim Kick-off der "Take-Care-Residenzen" im Moosacher Meta Theater.

(Foto: Christian Endt)

Zum Gelingen von künstlerischer Forschung: ein Zwischenbericht aus dem Meta Theater in Moosach von Projektleiterin Elsa Büsing.

Von Elsa Büsing

Die Theater sind geschlossen, sämtliche künstlerischen Projekte auf Eis gelegt, die Akteure arbeitslos? Nein, nicht überall! Das Bundesnetzwerk "Flausen+" hat im Herbst das Programm "Take-Care-Residenzen" aufgelegt, das es je zwölf Teilnehmenden ermöglicht,sich unter dem Dach eines Theaters mit künstlerischen Forschungsprojekten zu beschäftigen. Auch das Meta Theater in Moosach ist Gastgeber von zwölf Künstlerinnen und Künstlern, die sich von Dezember 2020 bis März 2021 mit den unterschiedlichsten Themen beschäftigen. Manche arbeiten alleine, andere in der Gruppe, sodass es in Moosach insgesamt sechs Recherchevorhaben sind. Einmal im Monat kommen alle Teilnehmenden in einem öffentlichen Werkabend via Zoom zusammen, um sich über ihre Prozesse, Erkenntnisse und Vorhaben auszutauschen.

In einer Zeit, in der gerade freie Künstlerinnen und Künstler um Sichtbarkeit, Möglichkeiten, künstlerisch tätig zu werden, und nicht zuletzt oft um ihre Existenzgrundlagen ringen, bietet das Take-Care-Residenzen-Programm also die Chance, sich mehr oder weniger sorgenlos einer künstlerischen Forschungsfrage zu widmen. 5000 Euro für eine Netto-Forschungszeit von zwei Monaten bedeuten für die Stipendiatinnen und Stipendiaten eine Unterstützung, aber kein Almosen, denn sie sind mit einer künstlerischen Herausforderung verbunden. "Es sind keine Brosamen, sondern man orientiert sich an den Mindeststandards - auch in der Krise", sagt Axel Tangerding, der künstlerische Leiter des Meta Theaters.

Doch worin genau liegt diese "künstlerische Herausforderung"? Was unterscheidet eine solche Forschungsresidenz von der normalerweise vorrangig geförderten Projektarbeit? Das Wort sagt es bereits: Recherche statt Projekt. Es geht nicht darum, in zwei Monaten ein fertiges, präsentables Kunstprodukt zu entwickeln, sondern um freies Recherchieren im Rahmen einer Fragestellung - ohne vorgestecktes Ziel, ohne zu wissen, wohin einen der künstlerische Forschungsprozess führen wird. Ein Vorgehen, das gerade in der Freien Szene, als dem kreativen Labor und Experimentierfeld der Kunst-Szene, für die Weiterentwicklung künstlerischer Ideen, Prozesse und Ästhetiken von größter Bedeutung ist, das aber leider in der regulären Förderlandschaft mit ihrem hohem Produktionsdruck zu wenig berücksichtigt wird.

Jetzt, zur Halbzeit des Residenzzeitraumes, wird deutlich, dass genau dies die besondere Herausforderung zu sein scheint: Sich frei zu machen von der Vorstellung, etwas "abliefern" zu müssen, sondern scheitern zu dürfen, sich zu erlauben, den Spuren zu folgen, die im Prozess sichtbar werden, ohne sofort in einem Akt der Selbstzensur darüber nachzudenken, ob dies irgendwo hinführen wird und ob man so je zu einem Ziel und Ergebnis kommt. Was definiert das Gelingen einer künstlerischen Recherche? Kann sie wirklich scheitern? Kann bei einer solchen Forschung "nichts" herauskommen, oder ist nicht jeder Schritt, den man geht, jede Erkenntnis, die man erlangt, schon ein Gelingen?

Judith Rautenberg, Videokünstlerin und gebürtige Ebersbergerin, hat sich diese Fragen bereits in den ersten Wochen ihres Rechercheprojektes "Der Tanz mit dem Raum" gestellt. Sie berichtet über ihre Experimente mit Licht und Raum im Meta Theater: Wie sie mit einem Plan anreiste, wie sie diesen aber bald immer mehr in Frage stellte, wie sie schlussendlich bemerkte, dass - mehr als die ursprüngliche Forschungsfrage - nun ihr künstlerischer Prozess selbst in den Mittelpunkt rückte. Eine wichtige Erkenntnis, die im normalen "Produktionsmodus" so nicht unbedingt aufgetaucht wäre. Rautenberg sagt: "Ich habe kein Produktionsziel, deshalb reflektiere ich erst mal mich selbst in diesem Prozess. Die Unsicherheiten. Die Irritation. Und das, was gut läuft, neu und spannend ist. Diese Reflexion wird grade zum Hauptthema des ganzen Projektes. Es geht nicht um die Installation. Es geht um die Reflexion des Prozesses, der zur Installation führt. Er ist ein wichtiger Teil der Recherche, bleibt aber sonst im Hintergrund."

Ähnlich, und doch ganz anders, geht es dem Münchner Kollektiv I.L.Y.A., das sich in dieser Form erst vor ein paar Monaten gegründet hat. Sahra Al Yassin, Theresa Eirich, Franziska Glatt und Gladys Mwachiti nutzen die Möglichkeit ihrer Recherche "Köpfe voller Brillen" nicht nur, um sich unseren blinden Flecken, vor allem denen bezüglich des alltäglichen Rassismus, zu widmen, sondern auch, um herauszufinden, wie sie als Kollektiv zusammenarbeiten möchten. Auch sie widmen sich ihrem künstlerischen Prozess. Diese Findung als Kollektiv geschieht nun wegen Corona natürlich unter besonderen Bedingungen: Wie schafft man kollektive, kreative, multimediale, poetische Diskursräume jenseits physischer Kopräsenz? Wie können verschiedene Perspektiven erfahrbar und so blinde Flecken sichtbar gemacht werden?

Der Künstler Gaston Florin, als Brucker dem Ebersberger Publikum bestens bekannt, beschreitet wieder ganz andere Pfade. Er hat sich in seiner Recherche "Das Lied der Lieder" mit seinem Alter Ego Jacqueline auf den Weg gemacht herauszufinden, was geschieht, wenn man mit etwas in die Öffentlichkeit geht, was man nicht kann: Jacqueline ist auf der Suche nach ihrem Lied, obwohl sie - nach eigener Aussage - gar nicht singen kann. Sie dokumentiert ihre Recherchen, Begegnungen und Wege im Netz. So ist es auch ein Versuch, den digitalen Raum menschlicher, poetischer und empathischer zu machen. Auch, indem Jacqueline offen damit umgeht, was nicht funktioniert, nicht verbirgt, wenn sie scheitert. Der Philosoph Rainer Marten schreibt: "Grenzgänge sind es, die Menschen zu ihrer höchstmöglichen Form finden lassen, Grenzgänge im Bilden und Dichten, im Empfinden und Einbilden, im Sehnen und Suchen, im Glauben und Hoffen." Doch können Grenzgänge scheitern?

Können Marja Burchard und Anna Orkolainen scheitern, wenn sie die Grenzen unserer Körper und der uns umgebenden Räume erforschen? Sie befragen in ihrer Recherche "Spiderweb" die menschliche Verletzlichkeit und Vernetztheit im Netz der Welt, die Spannungen zwischen Distanz und Nähe, zwischen Virtualität und Realität, zwischen Klang, Körper und Raum. Sie starteten mit Skizzen, Ideen, Gedanken - und einer ersten gemeinsamen Liveimprovisation beim ersten Werkabend. Kunst ist ein Prozess, kein Produkt. Freiräume, wie sie durch die Take-Care-Residenzen ermöglicht werden, sind notwendig, um dieser Qualität Rechnung zu tragen. Ist dabei ein Scheitern des Prozesses möglich? Rainer Marten hat darauf eine eindeutige Antwort: "Kunst, auf dem Wege zur Kunst, kann unmöglich scheitern." In diesem Sinne dürfen wir gespannt sein auf weitere gelingende künstlerische Grenzgänge unter dem Dach des Meta Theaters.

Weiter geht es mit dem nächsten digitalen Werkabend am Montag, 8. Februar, bei dem die Ebersberger Theaterfrau Andrea Kilian ihre Forschung zur Körperlichkeit von Greta Thunberg als einer modernen Jeanne d'Arc vorstellen wird. Anschließend werden Chantal Maquet, Steffen Wick und Nicole Kleine ihre Recherchen präsentieren, die sich um das allgegenwärtige Thema der "Echo Chambers" dreht und die Frage behandelt, ob und wie Kunst zu einem gesellschaftlichen Miteinander beitragen kann. Am Montag darauf, am 8. März, werden Marja Burchard und Anna Orkolainen sowie das Kollektiv I.L.Y.A. die Reihe der Werkabende beschließen. Am 12. April findet dann das große Finale der Residenzen am Meta Theater statt: Alle sechs Projekte werden in je 30 Minuten ihre Recherchen, Prozesse und Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren. Auch da wird es die Möglichkeit für Fragen, Diskussionen und Austausch geben.

Meta Theater Moosach: Online-Werkabend am Montag, 8. Februar, um 20 Uhr, über Zoom. Anmeldung per Mail an info@meta-theater.com. Die Teilnahme ist kostenfrei.

© SZ vom 04.02.2021
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