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Lesung in Kirchseeon:Lachen ist wichtig - selbst ganz am Ende

Von ihrer Arbeit als Hospizbegleiterin berichtet Schauspielerin Petra Frey in ihrem so humorvollen wie herzerwärmenden Erzählband "Sterbemund".

Von Michaela Pelz

Wer oft mit Sterbenden oder Schwerkranken zu tun hat, lernt eine Menge: über das Leben, die Liebe, die Menschen und über sich selbst. Fast schade, dass diese lehrreichen Momente in der Regel im Dunkel bleiben. Natürlich ist die Schweigepflicht in der Hospizarbeit ein hohes Gut - und vielfach genau der entscheidende Grund, dass jemand, der am Ende seines Lebens angelangt ist, sich mit dem, was ihn bewegt, einer anderen Person schonungslos offen und zuweilen völlig rückhaltlos anvertraut. Gleichzeitig beinhalten manche dieser Gespräche so viel Weisheit aus langem Leben oder schwerem Leiden, so viele überraschende Erkenntnisse darüber, was wirklich wichtig ist oder gewesen wäre, dass ein Blitzlicht auf diese Begegnungen auch jenen zum Segen gereicht, die "nur" aus zweiter Hand davon erfahren.

Diese Lücke schließt Petra Frey, Vielen bekannt als Schauspielerin Petra Auer aus Theater und Fernsehen. Dass die Endfünfzigerin seit 2010 als Hospizbegleiterin tätig ist, wissen hingegen nur diejenigen, die ihr Buch "Sterbemund" oder den gleichnamigen Blog kennen. Darin nämlich setzt sich die Münchnerin auf unterhaltsame, aber auch sehr kundige Art und Weise mit einem Thema auseinander, das leider noch viel zu oft mit Tabus behaftet ist.

Dass es auch anders geht, beweist Frey nun bei einer Lesung in Kirchseeon, einer Kooperationsveranstaltung vom "Netzwerk Trauer" des Katholisches Kreisbildungswerks und des Christophorus Hospizvereins: "Geeignet für alle von neun bis neunzig", kündigt die Autorun an, "und es gibt auch einiges zu lachen!" Am Donnerstag, 22. Juli, in der Erlöserkirche in Eglharting kann sich das Publikum selbst davon überzeugen, wie man heiter, charmant, aber auch tiefgründig und vor allem stets respektvoll über die Begegnung mit schwerstkranken oder sterbenden Menschen sprechen - und was man aus diesen Begebenheiten lernen kann.

Freys Tochter Lilli hat die passenden Illustrationen zum Buch beigesteuert.

(Foto: Lilli Frey)

Grundlage für die Lesung mit Musik ist "Sterbemund tut Wahrheit kund", ein Band mit autobiografischen Erzählungen, basierend auf Freys ehrenamtlicher Tätigkeit, in der sie sowohl selbst Menschen begleitet, als auch auf der Palliativstation der Klinik Harlaching die Ehrenamtlichen koordiniert und qualifiziert. Man müsse selbst "aufgeräumt" sein, "mit beiden Beinen im Leben stehen, zuhören und aushalten können", beschreibt sie in einem weichen Münchnerisch die Qualitäten, die Interessierte mitbringen sollten. Und ergänzt, dass eine eigene "große Trauergeschichte" idealerweise mindestens ein Jahr zurückliegen sollte. Wie jedoch gerade eine solche zutiefst persönliche Erfahrung aber gerade zum Ehrenamt der Sterbebegleitung führen kann, hat Frey am eigenen Leib erlebt - und zwar durch die eigene Mutter, die ihre letzten Tage "würdevoll, respektvoll und liebevoll" in einem Hospiz verbringen durfte. Die sehr berührende und zu Herzen gehende, dabei keinesfalls kitschige Erinnerung daran teilt die Autorin in einem Kapitel ihres knapp 150-seitigen Werks mit den Lesenden.

Ebenso wie zahlreiche andere kleine Geschichten, die mal anrührend sind, mal aufwühlend, oder sogar urkomisch - und damit verdeutlichen, dass am Ende des Lebens unbedingt auch gelacht werden darf. Gleichzeitig finden sich im Buch, oft verwoben mit einer kleinen Anekdote, auch ganz praktische Anregungen zum Umgang mit dem eigenen Ende, selbst wenn dieses noch weit entfernt sein sollte. Eine Auswahl davon wird Frey auch mit den Zuhörenden bei ihrer Lesung teilen, zum Beispiel, welche Informationen in eine Patientenverfügung gehören. "Da kann man ja keine Betriebsanleitung mitschicken", erklärt die Autorin, aber das Papier gehe eben weit über die Entscheidung "Stecker ziehen oder nicht" hinaus. "Da werden noch viel mehr Themen behandelt", so Frey. Für ihr eigenes Buch hat sie absichtlich eine Mischung aus Humor und direkter Ansprache gewählt, weil ihr genau das bei der einschlägigen Lektüre gefehlt habe. Viel zu oft handle es sich dabei um hervorragend recherchierte und gut geschriebene, aber viel zu wissenschaftliche Bücher. Oder eine Betroffenheit, "die mich traurig macht", habe die Oberhand. Das ist bei "Sterbemund" garantiert nicht der Fall - dazu tragen auch die bewusst genderneutralen Illustrationen von Tochter Lilli Frey bei. Die Studentin der Kunsttherapie hat zauberhafte Bilder zum Thema gefunden, die an den passenden Stellen ganz ungeniert zum Schmunzeln einladen.

Buch "Sterbemund" über Hospizarbeit von Petra Frey, Illustrationen von Tochter Lilli Frey

Tiefgründig, respektvoll und heiter setzt sich die Schauspielerin Petra Frey mit dem Thema Hospizarbeit auseinander, um Tabus abzubauen.

(Foto: Veranstalter)

Man darf sich also überraschen lassen, welche der Episoden am 22. Juli Eingang finden in das rund 90-minütige Programm von Petra Frey, das musikalisch umrahmt wird vom Marimbafonspiel des Schlagzeuglehrers und Musikpädagogikstudenten Manuel Ehlich. Vielleicht das Treffen, in dem es um heimliche, verbotene Liebe ging, von der zu sprechen möglicherweise die entscheidende Entlastung war, um friedlich sterben zu können? Oder die mit einem liebevollen Augenzwinkern beschriebene Story jener schillernden Persönlichkeit, die bis zum Schluss Wert auf eine perfekte Inszenierung legte? Oder doch der zum Weinen schöne Abschied eines alten Ehepaars, das vorher noch die gemeinsamen Erinnerungen feiert und so verdeutlicht, worauf es im Leben wirklich ankommt?

Egal, ob mit Kloß im Hals oder einem lautem Lachen, wird doch das Publikum am Ende sehr viel mehr über Hospizarbeit wissen - und warum diese auch für jene, die sie leisten, stets eine Bereicherung ist. Ganz nach dem Motto: "ich möchte" - statt "ich muss". Außerdem werden die Menschen im Saal nach der Lesung vielleicht sogar einen "persönlichen Masterplan" haben, was im Hinblick auf das eigene Ende am besten rechtzeitig zu tun ist. Die Veranstaltung verspricht also, ein großer Gewinn für alle zu sein, die sich bewusst mit "Memento Mori" auseinandersetzen, sei es aus Interesse oder aus Gründen des eigenen Ehrenamts. Und bestimmt wird sie neugierig machen auf Freys via Crowdfunding erscheinendes, zweites Buch zum selben Thema: "Lizenz zum Händchenhalten". Geschrieben aus demselben Grund wie das erste: "Ich erlebe so viel und habe so viel zu sagen!" Und getragen von dem einen gleichen Wunsch: "Zugang zu einem schwierigen Thema zu schaffen."

Lesung aus "Sterbemund" von Petra Frey, am Donnerstag, 22. Juli, um 19.30 Uhr in der Erlöserkirche Eglharting. Anmeldung bis Dienstag, 20. Juli, per Mail an info@kbw-ebersberg.de oder unter (08092) 85 07 90. Eintritt frei, Spenden erbeten.

© SZ vom 15.07.2021
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