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Im Anzinger Weinbeisser:Josef Pretterer pur

Der Künstler aus Köln, seit langem Wahlmünchner, zeigt sein "Jubiläumsprogramm". Darin verbindet er sein herrliches Figurenkabarett mit ganz persönlichen Erzählungen

Josef Pretterer ist ein Solokünstler. Und doch steht er selten alleine auf der Bühne. Mehr als 70 Puppen, selbst gebaut, haben sich mittlerweile in seinem Fundus angesammelt. Gemeinsam mit diesem Ensemble macht der 72-Jährige Kabarett, ganz wie es ihm gefällt. Allerdings sind seine Spielgefährten nicht alles Puppen im engeren Sinne, Pretterers Figuren können auch Dinge sein, ein sprechender Maßkrug beispielsweise, oder ein Saumagen. Und in manche Rollen schlüpft der Künstler auch höchstselbst. Die phlegmatische Weißwurst, den verkaufsfreudigen Russen, die rheinische Klofrau Grete oder die esoterische Therapeutin: Viele von Pretterers Gestalten konnte man in seinem Jubiläumsprogramm am Mittwochabend im Anzinger Weinbeisser erleben, und obendrein eine Besonderheit - den Menschen Pretterer pur und ganz persönlich. Der Künstler gibt zum Jubiläum nämlich nicht nur eine herzerfrischende Kostprobe seines vielfältigen Schaffens, sondern erzählt auch von dem, was ihm hinter und auf der Bühne schon so alles widerfahren ist.

1997 hatte Josef Pretterer seine Premiere im Weinbeisser, "Herzversagen" hieß dieses erste Programm. Im Rückblick lässt sich also festhalten: Conny Hofmann, Gründer der Kleinkunstbühne, hat wieder einmal seinen Riecher für exzellentes Kabarett bewiesen, denn 23 Jahre später ist Pretterer immer noch gut, sehr gut sogar. Wenn auch die kleine, beengte Spielfläche ihm ob seines Alters doch etwas zu schaffen macht. Am Ende aber wird alles gut gegangen sein: Alle Figuren und Requisiten finden unfallfrei den Weg auf die Bühne, und die Therapeutin trifft, vermutlich ungewollt, den Nagel auf den Kopf als sie seufzt: "Es ist so viel Liebe im Raum!" Denn da hat der Kabarettist das Publikum schon längst für sich gewonnen.

Selbst Maßkrug und Weißwurst hat Pretterer ein Gesicht gegeben und in sein Programm aufgenommen.

(Foto: Christian Endt)

Dabei kam Pretterer einst weniger aus Leidenschaft als aus der Not heraus zum Figurenspiel für Erwachsene, wie er freimütig erzählt: Eigentlich Illustrator, sucht der gebürtige Kölner in seiner neuen Wahlheimat München Anfang der 90-er Aufträge und gerät an einen Job auf der Handwerksmesse. Der Auftrag: Besucher karikieren. Nach ein paar erfolglosen Übungen - "alle haben mir abgeraten!" - sucht Pretterer nach einer Alternative und bekommt von einer befreundeten Puppenspielerin eine Figur geschenkt. Ein einfacher Typ mit Filzhut, Strickweste und Koteletten. In der Hand ein kleiner Meterstab. Da es bei seinem Messestand um Gesundheit geht, lautet Pretterers neue, zunächst geheime Mission: "Blutdruckmessen auf Handwerkerart". So kommt er mit den Menschen schnell ins Gespräch, lockt mit Humor und Improvisationstalent jede Menge Schaulustige an. Als der Kölner einem sehr korpulenten Metzger einen irrwitzig hohen Blutdruck attestiert, gemessen an dessen "gigantischem Ohrwaschl", fragt dieser: "Und was mach ma jetzt?" "Notschlachten!", entfährt es Pretterer frech. Doch es folgt kein Gegrantl, sondern Lob: "Des war guad!" "Da wusste ich: Die Bayern haben Humor." Und so endet der verhängnisvolle Auftrag mitnichten im Desaster, sondern mit einem weiteren Vertrag für die nächste Messe. Und die Liebe zwischen dem sprachbegabten Künstler und seiner Wahlheimat ist inzwischen derart eng, dass Pretterer mit einem bayerischen Mundartpreis ausgezeichnet wurde.

Überhaupt, Pretterers Mund! Was dieser zu leisten vermag, ist erstaunlich. Nicht nur, dass er die verschiedensten Dialekte und Akzente beherrscht, auch die Mimik der Mundpartie ist phänomenal. Wie dieses Kinn nach hinten-unten klappen kann, wie weit der Mundwinkel nach oben zeigen! Besonders beim "Hausmeister des Universums", einer herrlich absurden Rolle Pretterers, kommen diese Grimassen voll zur Geltung. Dazu wirres, weißes Haar, eine runde, schwarze Brille mit flaschenbodendicken Gläsern - allein dieser Anblick lässt das Publikum jauchzen.

Mit seinen Kunstfiguren umspannt Josef Pretterer das ganze Leben.

(Foto: Christian Endt)

Was? Dieser arme Tropf durfte dem großen "Chef" beim Schöpfen helfen? Mit einer riesigen Kelle in der Hand demonstriert Pretterer, wie der Hausmeister einst in der Ursuppe fischte, einer Buchstabenursuppe, schließlich war am Anfang das Wort. Und so kommen all die Dinge zu ihrem Namen, von der Galaxie bis hin zum Stiefmütterlein. Was für eine Arbeit! Dem Mensch kommt in dieser Pretterschen Genesis nur der Part des Trägerobjekts bei - schließlich muss irgendwer Hodenbruch, Leberinsuffizienz, Mumps und all die anderen Krankheiten ja haben. Das erste Modell, das der Hausmeister vom Menschen baut, überzeugt den Chef allerdings nicht. Mit Nase, Fuß, Auge und Hand ist das Geschöpf zwar "sehr süß", doch es hapert an der selbständigen Fortpflanzung. Erst als ein zweites, "top intelligentes Modell zur Brutpflege" ins Spiel kommt, nimmt die Sache Fahrt auf. Allerdings muss das Gehirnvolumen der Frau getarnt werden, um Mann nicht zu verschrecken: Es sei nun gedrittelt, im Kopf und in zwei sekundären Geschlechtsmerkmalen, erklärt der Hausmeister. "Und der Trottel fährt voll darauf ab, bis heute!"

Herrlich auch die russische Verkaufsshow, wieder mit Pretterer selbst in der Hauptrolle, als schmuddlig-krimineller Organhändler nämlich. Zahllose Taschen und Tüten hat er als solcher dabei, und aus jeder zieht er "ganz frische Top-Ware zum super Preis, ganz gesund, weil stets desinfiziert - mit Wodka", und selbstverständlich selbst aus Schaumstoff gebastelt. Das beste Verkaufsargument aber sind die vier Kollegen vor der Tür: "Wenn du da vorbei bist, brauchst du Organ!" Im Angebot zum Beispiel: eine Lunge mit Löchern - "für mehr Luft!". Oder eine Leber von Boris Jelzin, aus der immer noch Alkohol kommt, wenn man draufdrückt. Aber auch Inlandware hat der Russe dabei, ein deutsches Beamtenherz etwa, klein und eckig, oder den berühmten Saumagen von Helmut Kohl. Und auch bei nachlassendem Sehvermögen kann der Organhändler helfen: In der Innenseite seines Mantels hängen Augäpfel in allen Farben und Formen.

Wer also glaubt, Puppenspiel sei ein harmloser Spaß für Kinder, den belehrt Pretterer eines Besseren. Mit seiner Lust an der Übertreibung, seinen absurden Einfällen, seiner Fabulierkunst und seinem schauspielerischen Talent macht er daraus bestes Kabarett.

© SZ vom 17.01.2020
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