Ausstellung in Grafing:Porträt eines Weltkulturerbes

Der Fotograf Rainer Hofmann hat sich dem Augsburger Wassersystem gewidmet. Nun stellt der Münchner diese vielschichtige Serie in Grafing aus.

Von Anja Blum

Wer würde bei dem Titel "Stadt des Wassers" nicht gleich an Venedig denken? Zumal bei einer Fotoausstellung, existieren ja aus der italienischen Lagunenstadt haufenweise faszinierende Aufnahmen. Doch weit gefehlt. Der Münchner Architekturfotograf Rainer Hofmann musste nicht lange reisen, um seine "Stadt des Wassers" in Szene zu setzen: Es geht um Augsburg, dessen Wassersystem unlängst zum Unesco-Welterbe ernannt worden ist. Nun sind Hofmanns Fotos dazu in Grafing zu sehen, im Atelier des Bildhauers Robert Weber, Vernissage ist am Freitag, 15. Oktober, um 18 Uhr.

Insgesamt 22 Objekte der Technik, Architektur und bildenden Kunst aus mehr als 2000 Jahren Stadtgeschichte umfasst die neue Welterbestätte Augsburg. Dazu gehören mittelalterliche Kanäle und Wasserwerke aus der frühen Neuzeit und drei Renaissancebrunnen ebenso wie eine Kanustrecke. Der Eiskanal wurde für die Olympischen Spiele 1972 errichtet und dient bis heute Kanuten als Trainingsstätte. 530 kleine und große Brücken führen über Bäche und Kanäle der Stadt - und damit zählt Augsburg mehr Brücken als Venedig.

"Augsburg galt lange als die kleine, unscheinbare Schwester von München", sagt Hofmann, auch er selbst habe - "zu meiner Schande" - die nahegelegene Stadt zuvor nie besucht. "Doch Augsburg ist wirklich sehr hübsch und nun völlig zu Recht stolz auf die Adelung als Welterbe", so der Münchner. Besonders berührt habe ihn auch die Tatsache, dass der allererste Wasseranschluss dort einst ein öffentlicher Trinkwasserbrunnen gewesen sei. "Erst danach waren die Fugger an der Reihe", sagt Hofmann und lächelt.

Durch einen Radiobeitrag zur Unesco-Entscheidung 2019 sei er auf das Thema aufmerksam geworden, erzählt der Fotograf, und habe der Stadt daraufhin eine Ausstellung rund um ihr Wassersystem angeboten. "Dokumentarisches gibt es dazu natürlich haufenweise, aber ich wollte darüber hinausgehen. Ich wollte die Stadt zeigen, wie sie noch niemand vorher gesehen hat." Also machte Hofmann ein paar Probeaufnahmen, schickte sie ins Unesco-Büro und bekam, pünktlich zur Verleihung der Welterbe-Urkunde, eine Ausstellung im Augsburger Rathaus. Alle weiteren Planungen an anderen Orten jedoch wurden anschließend von der Pandemie zunichte gemacht - weswegen sich der Fotograf sehr freut, die Bilder nun bei seinem Kollegen und Freund in Grafing zeigen zu können. Die beiden Künstler kennen und schätzen sich seit Jahrzehnten.

Rainer Hofmann lernte nach einem Studium der Philosophie bei verschiedenen renommierten Fotografen. Seit 1990 lebt und arbeitet er als selbständiger Fotograf mit Studio in München. Zu seinen Kunden zählen viele Hotels und Modelabels, für die er durch Europa und die USA reist. Nebenher aber, vor allem unterwegs, entstehen auch immer freie Arbeiten, zumeist in Serien.

Hofmann arbeitet gerne zu eng abgesteckten Themen, an Augsburg und seinem Wasser hat ihn vor allem die vielschichtige Melange aus Natur, Geschichte, Architektur und Technik fasziniert. Zwar seien freilich nicht alle 22 Stätten fotografisch interessant, sagt er, doch über einen Mangel an Motiven habe er sich nicht beklagen können. 16 davon hat Hofmann auf großformatiges, mattes Aquarellpapier drucken und mit dünnen, schwarzen Alurahmen versehen lassen, viele andere Aufnahmen werden auf einem Bildschirm in Dauerschleife zu sehen sein.

Um seine "Stadt des Wassers" ins rechte Licht zu rücken, hat Hofmann außerdem einen Trick angewandt: Er hat zumeist nachts fotografiert. "Tagsüber wirken viele Dinge sehr banal, aber bei Vollmond sieht das gleich ganz anders aus." Die Dunkelheit verleiht den Aufnahmen ein spezielles Entrücktsein, selbst eine nüchterne Betonverschalung offenbart nachts plötzlich spannende Strukturen. Dazu lange Belichtungszeiten und eine höchst reduzierte Farbigkeit: Fertig ist ein fotografisches Gemälde voller Romantik und Magie. Das Besondere an Hofmanns Bildern ist also nicht das Motiv, sondern die Art, wie er dieses in Szene setzt. Seine Kunst überhöht den alltäglichen Moment.

Wie in Augsburg eben auch, begegnet dem Betrachter das Wasser auf Hofmanns Bildern in allen möglichen Darreichungsformen. Als stille Fläche, als sanft treibender Strom, als wilde Strömung. Dementsprechend strahlen manche Aufnahmen eine unerhörte Ruhe aus, andere wieder strotzen nur so vor Dynamik. Hinzu kommt oftmals Architektur, sei es ein Damm, Turm oder Kanal, menschengemachte Kulissen, aus denen Hofmann tiefe Tableaus voller Sogwirkung zaubert. Manchmal ist auch nur Technik zu sehen, etwa das Innenleben eines alten Wasserwerks: ein gusseisernes Schmuckstück mit hübschen Säulen, kunstvollen Bordüren an der Wand und einem wunderbar altmodischen Manometer.

Beeindruckend ist auch, wie Hofmann die Augsburger Brunnenfiguren inszeniert, Augustus, Herkules und Merkur: als schwarze Solitäre, fein ziseliert und plastisch im Mondlicht glänzend. Manche Aufnahmen widmen sich aber auch ausschließlich dem fließenden Element, Schattenspiel und Spiegelungen inklusive, so dass die gekräuselte Oberfläche zum Beispiel erscheint wie die Haut eines urzeitlichen Reptils. Und immer wieder: bewegte Wolkenlandschaften, dunkler Wald, Sterne. Menschen hingegen sieht man hier selten, eigentlich nur beim Thema Sport: Ein Kanufahrer und ein Surfer trotzen den Fluten, sie sind die Figuren dieser "Stadt des Wassers".

"Stadt des Wassers", Fotoausstellung von Rainer Hofmann im Atelier Weber in Grafing, Griesstraße 18 (Gewerbehof). Vernissage am Freitag, 15. Oktober, von 18 Uhr an. Zu sehen bis 29. Oktober, freitags bis sonntags 16 bis 20 Uhr oder nach Vereinbarung unter (0172) 890 52 40.

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