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Kreativ in der Krise :Einer für alles

Der Unruheständler Paul Broß aus Grafing ist als Autor und Verleger fleißiger denn je. "PB Enterprises" bietet Titel zu Reise, Lyrik, Kunst und neuerdings sogar Ahnenforschung.

Von Michaela Pelz

Manche Menschen verfügen über scheinbar unerschöpfliche Energie. Wie von einem unsichtbaren Motor angetrieben, sind sie ständig in Bewegung, körperlich wie geistig. Zu diesen gehört offenbar auch Paul Broß - seinen Elan spürt man sogar durchs Telefon. Man will mit ihm über eine Aktivität sprechen, die den meisten Mitbürgern wahrscheinlich nicht als erstes einfällt, wenn sie an den seit 1977 in Grafing Ansässigen denken. Ist Broß doch eher bekannt durch seine früheren Ehrenämter in Pfarrei, Gymnasium, Kunstverein und vor allem natürlich nach wie vor bei der Volkshochschule, für die er sich seit Mitte der 80er Jahre engagiert, davon seit fast 20 Jahren als Vorsitzender des Fördervereins. Doch der umtriebige Rentner ist überdies Inhaber eines kleinen Verlags - und als solcher Autor, Fotograf, Lektor, Layouter und "derjenige, der die Bestellungen zur Post bringt", wie Broß schelmisch präzisiert - alles in Personalunion.

Erstaunlich für einen 80-Jährigen. Und noch erstaunlicher, wenn man weiß, dass Paul Broß eigentlich Physiker ist und jahrelang in namhaften Unternehmen der Luft- und Raumfahrttechnik beschäftigt war. Zumal bei seinem Verlag "PB Enterprises" mitnichten Bücher über Avionik-Systeme (der, wie er erklärt: "fliegenden Elektronik") erscheinen, jenem Spezialgebiet, mit dem der Ex-Manager seinerzeit federführend beim Projekt "Eurofighter" zum Einsatz kam. Nein, die Titel des Verlags, dessen Logo als Hommage an den Flugzeugbau ein Pegasus ist, behandeln Themen wie Reise, Lyrik und Kunst, neuerdings noch ergänzt um ein Werk zur Ahnenforschung und eine Novelle.

Paul Broß 'Kleinstverlag'

Paul Broß aus Grafing ist Verleger sowie Autor, Fotograf, Lektor und Layouter in Personalunion.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch wie kommt ein studierter Naturwissenschaftler dazu, seinen Schwerpunkt auf Literatur zu verlagern? Dazu muss man ein paar Dinge über den dreifachen Vater und achtfachen Großvater mit Geburtsjahr 1940 wissen: Erstens ist die Verlagstätigkeit nicht die einzige selbständige Unternehmung, die der frischgebackene Rentner 2005 aufnimmt - 15 Jahre lang wirkt der frühere Projektmanager zudem als Consultant und Organisator internationaler Fachkonferenzen. Zweitens hat er - wie schon sein Vater Erich vor ihm - immer bereits Gedichte, später auch Prosa geschrieben. Drittens ist das Künstlerische auch in seiner jetzigen Familie allzeit präsent: Ehefrau Christine Broß hat sich einen Namen mit Bildern, Ikonen und Skulpturen gemacht, Ausstellungen im In- und Ausland veranstaltet.

Diese beiden Familienmitglieder sind es auch, die das Verlagsprogramm maßgeblich beeinflusst haben. Als Geburtstagsgeschenk für Papa Erich lässt sein Sohn Paul Broß dessen Gedichte drucken und in Leder binden - 1984 das erste Mal, fünf Jahre später, zum Achtzigsten des alten Herrn, in erweiterter Form noch einmal. Eben dieses Werk ist nach der Verlagsgründung Titel Nummer 1, direkt gefolgt von Ausstellungskatalogen der Gattin sowie der Koproduktion "Kunst und Poesie", mit Bildern von Christine und Gedichten von Paul Broß. Als nächstes werden Berichte von jenen Reisen veröffentlicht, für die das Ehepaar nun endlich Zeit findet. Unter anderem ins Baltikum, nach Marokko und Bulgarien führt sie ihr Weg. Rumänien wird sogar zweimal bereist - so überwältigt sind die beiden Grafinger von der Herzlichkeit der Bevölkerung, "obwohl man dort 2006 auch täglich das Elend auf den Straßen gesehen hat". Weil der Unruheständler außerdem im Rahmen eines LMU-Seniorenstudiums Indologie belegt hat (18 Semester werden es am Ende sein), geht es auch zweimal nach Indien, was natürlich ebenfalls in Bild und Text dokumentiert wird.

Paul Broß 'Kleinstverlag'

Das aktuelle Sortiment umfasst knapp 30 Titel.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Doch es gibt noch eine andere Sache, die dem Freizeit-Sportler Broß einen ebenso langen Atem abverlangt wie das von ihm geliebte Bergsteigen und Fahrradfahren: Seit den 1990er Jahren beschäftigt er sich mit seiner Ahnenlinie. Auch das hat der gebürtige Pforzheimer vom eigenen Vater übernommen. Dessen akribischer Suche in diversen württembergischen Standesämtern ist die Aufzeichnung des Stammbaums bis 1728 zu verdanken. Der letzte Name: Alturgroßvater Johannes Broß. Dann verliert sich die Spur. Es braucht detektivisches Geschick (viele Quellen sind nicht nur in Sütterlin, sondern auch unleserlich oder mit Namen in immer wieder unterschiedlicher Schreibweise abgefasst), den Stuttgarter Ahnenforschungsverein, Hinweise eines Profi-Genealogen sowie die Lektüre unzähliger Kirchenbücher, Tauf- und Eheregister sowie Forstlagerbücher, bis schließlich dessen Mutter gefunden ist: Die (ledige! - Skandal!) Lehrerstochter Anna Margaretha Gärtner. Ihre Geschichte, zusammen mit dem, was der Autor aus Büchern über die Zeit der Reformation, des Dreißigjährigen und des Pfälzischen Erbfolgekriegs weiß, wird zur Grundlage eines Ahnenforschungswerks und einer historischen Novelle, die Paul Broß "dank Corona" innerhalb von sechs Monaten vollendet. Viele Zahlen sind enthalten, aber auch viele interessante Fakten - etwa darüber, dass es ganze "Schulmeister-Dynastien" gab, deren Hauptjob in Wirklichkeit der des Mesners und Gerichtsschreibers war. Oder dass Metzger auch die Post zu besorgen hatten.

Der mangelnde regionale Bezug so mancher Publikation ist für PB Enterprises übrigens kein Thema: Das Istanbul-Buch hat beispielsweise einen Großabnehmer in Österreich gefunden, passend zu einer entsprechenden Ausstellung in einem Schloss. Die Gedichte von Broß senior wiederum wurden in dessen Heimatstadt Gaggenau stark nachgefragt.

Die Frage, ob sein historischer Forscherdrang nun beendet sei, verneint der Hobby-Genealoge. Dazu gäbe es noch viel zu viele Familienzweige, deren "Verlängerung" es nachzuvollziehen gelte. Allerdings sei eine solche Exploration sehr, sehr zeitraubend. "In der Ahnenforschung brauche ich pro Buch zwei Jahre, von meinen Reiseberichten erscheinen zwei im Jahr", sagt der Grafinger lachend. Und ergänzt, dass er davon noch einige in petto habe (Krim, Island), die es zu veröffentlichen gelte. Vor allem aber habe seine Ehefrau in den vergangenen Jahren wieder einige Werke produziert: Also werde es wohl bald eine erweiterte Neuauflage von "Kunst und Poesie" geben, schließt der Senior das lange, informative Gespräch, nach dem man sich heimlich wünscht, selbst über so viel Power zu verfügen. Vielleicht, wenn man mal 80 ist...

Alle Publikationen können im Buchhandel oder direkt beim Verlag bestellt werden: http://www.pb-enterprises.de/

© SZ vom 09.02.2021
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