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Geschichte aus Grafing:Zwischen Kirche und Bahn

Arbeitsgemeinschaft für Heimatkunde Grafing e. V. : Gelbes Heft

Grafinger Familiengeschichte: Resl Fodermaier am Kommunionstag mit ihren Eltern und Bruder Jackl.

(Foto: ARGE Heimatkunde Grafing/oh)

Die Grafinger Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde bringt ihr nächstes "Gelbes Heftl" heraus: Die Erinnerungen der Resl Fodermaier sind als detailreiche Familiengeschichte ein seltenes Zeitdokument

Von Thorsten Rienth, Grafing

So sieht Nächstenliebe aus: Als es dem Großonkel von Maria Schmucker, Jakob Fodermaier, immer schlechter geht, stellt die Großnichte einfach ihr Wohnmobil in den Fodermaier-Garten in der Grafinger Bahnhofstraße. Ende Oktober 1984 stirbt der Mann. Doch seine Schwester Therese Fodermaier, genannt Resl, 89 Jahre alt, kann mittlerweile auch kaum mehr allein gelassenen werden. Maria Schmucker und ihr Mann bleiben. Tagsüber gehen sie ihrer Arbeit nach, abends kümmern sie sich um Haus, Garten, Tiere. Danach sitzen alle gemeinsam am Brotzeittisch. Die alte Frau erzählt und erzählt, zurück im Wohnmobil schreibt Maria Schmucker alles auf. Später ergänzt sie die Mitschriften mit Daten und Fakten aus Briefen und Urkunden.

Josef Höhl hat daraus das nächste "Gelbe Heftl" erstellt. Der Vorsitzende der Grafinger Arbeitsgemeinschaft Heimatkunde ist regelrecht begeistert. "Es waren Zeitdokumente in meinen Händen von über 200 Jahren und mehr einer Familiengeschichte", schreibt er im Vorwort. "Das Leben rund um eine einfache Familie, eingebettet in Geschichte und Geschichten, ist ein leider sehr selten vorkom- mendes Dokument. Mich freut es ungemein!" Und so ist aus dem 22. ARGE-Band über die Erinnerungen der Resl Fodermaier mit seinen mehr als hundert Seiten eher ein Büchlein als ein Heftl geworden.

Dass es dieses, respektive die Hauptperson Therese Fodermaier überhaupt gibt, ist deren störrischem Vater Wolfgang zu verdanken: Zurückgekommen aus dem deutsch-französischen Krieg 1870/71, verkracht er sich mit seinem Vater. Dieser hatte sich schon mit den Nachbarslandwirten darauf verständigt, dass Wolfgang deren Tochter heiraten würde. Der Sohn aber hat andere Vorstellungen. Im Sommer 1874 heiratet er die Frau, die er sich in den Kopf gesetzt hatte: die Mutter der 1895 geborenen Therese Fodermaier.

Lokalgeschichtlich interessant wird die Familiengeschichte aber schon 20 Jahre früher. Da nämlich ziehen Resls Eltern aus der Isener Gegend nach Zorneding, wo der Vater bei der Königlich-Bayerischen Staatseisenbahn als Reparaturarbeiter anfängt. Ein paar Jahre später lässt er sich nach Oberelkofen versetzen, wo die Grafinger Geschichte der Familie beginnt - und damit die verbleibenden 80 Buchseiten. Sie sind voller Detailbeobachtungen aus dem Leben einer ganz normalen Grafinger Familie. In der Stube hängt zum Beispiel ein spezielle Bahnwärter-Uhr: In der Mitte ist ein Messingscheibe montiert. Abhängig von der Ankunftszeit des nächsten Zuges wird eine Schraube eingesetzt. Sobald der Uhrzeiger die Schraube berührt, löst er einen Signalton aus. Die Schranke wird der Bahnwärter also kaum vergessen.

Im Leben der Fodermaiers geht es unkompliziert zu. Zur Firmung des ältesten Sohnes etwa geht Mutter Fodermaier nach Grafing, im Kaufhaus Arnold kauft sie Stoff für einen Anzug. Ob denn schon ein Firmpate feststünde, will der Verkäufer auf leutselige Art wissen. Augenblicke später haben sich Mutter Fodermaier und Kaufmann Arnold geeinigt: Der Mann wird Firmpate.

Überhaupt ist das Leben der Familie sehr von der Religion geprägt - und von gehörigem Respekt ihr gegenüber. Als die damals elfjährige Therese im Jahr 1906 Erstkommunion feiert, ist sie so aufgeregt, dass sie am Morgen in der Küche erst einmal einen gehörigen Schluck von der frischgemolkenen Geißmilch nimmt. Ein Riesenschreck fährt ihr in die Glieder, denn seit Mitternacht gilt: absolute Nüchternheit! So ist es die Regel der katholischen Kirche zu jener Zeit, oft genug hatte die Kleine das gehört. Außer sich vor Schreck und Enttäuschung, am "Tisch des Herrn" nun doch nicht dabei sein zu dürfen, klingeln Mutter und Tochter beim Pfarrer. Der Mann ist verständnisvoll - das Kind, und sein Gottvertrauen, sind gerettet. Das "Gelbe Heftl" geht mit Theresa Fodermaier durchs Leben, das am 2. Juli 1987 endet.

"Grafinger Heimatkundliche Schriften. Grafinger G'schichtln und Grafinger Leit V - Erinnerungen von Resl Fodermaier". Bestellbar bei Josef Höhl unter (08092) 311 14

© SZ vom 12.11.2020

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