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Jubiläum in Markt Schwaben:Schuhplatteln vor dem Bolschoi

100ste Sonntagsbegegnungen mit Gerhard Polt

Die Kabarettisten Gerhard Polt und Frank Hohler geben Bernhard Winter bei seiner 100. Sonntagsbegegnung die Ehre.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Bei der 100. Sonntagsbegegnung treffen sich Gerhard Polt und der Schweizer Kabarettist Franz Hohler - zwei Denker mit Hang zum Schatten

Schon unter den wartenden, hauptsächlich älteren Herrschaften vor dem Bürgersaal im Unterbräu lässt sich der ein oder andere Polt-Doppelgänger entdecken. Und so reißt es so manchen, als dieser dann ganz nonchalant mit allen anderen 300 Zuschauern den Saal betritt, neben die Bühne schlendert und sich dort noch ein wenig mit seinem Kollegen unterhält. Gerhard Polt und Franz Hohler sind an diesem Vormittag die zwei Gesprächspartner der Markt Schwabener Sonntagsbegegnung (SOB), in der jedoch, dem 100. Jubiläum sei Dank, der Initiator Bernhard Winter die heimliche Hauptrolle spielt.

Die ersten Reihen füllen sich schnell mit lokaler und nationaler Prominenz. Sie alle waren in den vergangenen 28 Jahren zu Gast bei Winters Gesprächsformat, oder werden es, wie im Falle der ehemaligen Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP), demnächst sein. Einer kurzen Begrüßung durch Winter folgt ein Grußwort von Alois Glück, dem ehemaligen Landtagspräsidenten, der an dieser Stelle für den erkrankten SPD-Politiker und SOB-Schirmherren Hans-Jochen Vogel einspringt. "Was steckt hinter dem Erfolg der Sonntagsbegegnungen?", fragt sich Glück und kommt auf die Bezeichnung "Menschenfischer". Auch der nächste Redner, der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Heinrich Bedford-Strohm, greift diesen Begriff wieder auf und findet, dass es gerade in Zeiten wie diesen wichtig sei, "unterschiedliche Positionen miteinander ins Gespräch zu bringen". Empathie, gegenseitige Wertschätzung und Respekt seien die Grundlage der Sonntagsbegegnungen.

Vor diesem Hintergrund tanzt die Veranstaltung an diesem Sonntag ein wenig aus der Reihe: In dem bayerischen Berufsgrantler Gerhard Polt und dem Schweizer Spitzfindigkeiten-Finder Franz Hohler führt Winter zwei doch recht ähnliche Denker zum Thema "Wort, Witz, Wahrheit" zusammen. Polt braucht nicht viele Worte; schon allein durch seinen Habitus und das, was er nicht sagt, bringt er das Publikum zum Glucksen. Auf die Frage Hohlers, ob er religiös erzogen worden sei, antwortet Polt schlicht: "Du, wenn man in Altötting aufwächst..." Es folgt die Geschichte vom März Wolfgang, dessen Segelohren frühzeitig Polts Karriere als Katholik beendet haben sollen. Auf dem Wolfgang seinen abstehenden Ohren nämlich, so erzählt es Polt, hätten sich die Farben des Kirchenfensters reflektiert. Um dieses Farbspiel gebührend bewundern zu können, habe er immer wieder den Wolfgang von hinten angedupft - bis ihn der Mesner am Krawattl gepackt und des Ministrantendienstes verwiesen hätte.

Hohler hingegen, der an diesem Vormittag den Part des Fragenden übernimmt, ist sich nicht zu schade, auch mal ein Liedchen anzustimmen oder den ein oder anderen Witz auf Kosten seiner Landsmänner zu reißen. Wie etwa antworten dort Kinder auf die Frage, wie in der Schweiz denn Babys gemacht würden? - "Das ist bei uns von Kanton zu Kanton verschieden."

Doch nicht die Kalauer, die Pointen oder die scharfen Sprüche zweier routinierter und gefeierter Kabarettisten sind es, die dieser 100. Sonntagsbegegnung eine besondere Note geben. Hier treffen sich zwei Beobachter in ihren Siebzigern, beide mit jahrzehntelanger Bühnenerfahrung und einem Humor, an dem "ein Schatten mithängt", so Hohler. Jeder humoristischen Erzählung kann ein Absturz ins Bodenlose folgen, jedem Wortwitz ein Abgrund, über den die beiden Quasi-Rundum-Gelehrten jedoch unaufgeregt wieder ein feines, rettendes Netz der Harmlosigkeit spannen. So philosophieren sie etwa darüber, ob man, angesichts der verbitterten Mienen von Pegida-Demonstranten, Humor überhaupt aus der Demokratie rauslassen könne. Immer wieder wird auch Karl Valentin herangezogen, der die Sabotage der Realität durch Humor perfektioniert hat.

Fast schon nostalgisch wird es, als Hohler und Polt auf ihre Reisen in die ehemalige DDR zu sprechen kommen. 1985 muss es gewesen sein, so Polt, da sei er mit der Well-Familie nach Leipzig gereist, um dort im legendären Academixer-Keller aufzutreten. "Und was seh' ich?", so Polt, "ein Bild von dir. Du warst schon da." Hohler erzählt von seinem dortigen Bühnen-Debüt: 33 Fragen habe er dem Publikum gestellt, teils banale, teils scherzhafte. Die Antworten der Zuschauer, so Hohler, seien sehr erfrischend wie wohl entlarvend gewesen. "Können Sie ein Märchen erzählen?", wollte Hohler etwa wissen, und es schallte zurück: "Plan 85!" "Kennen Sie einen Metzger persönlich?" "Leider nicht!"

Zum Schreien komisch findet das Publikum auch die Erzählungen Polts, wie er einmal 23 Fässer Freibier im Zug nach Moskau transportierte und dort unters Volk brachte. ("Das Revolutionärste der Welt ist Freibier!") Nicht selten entspringt Polts Witz der bloßen Situationskomik, der Gegenüberstellung zweier eigentlich inkompatibler Extreme, die per se ad absurdum führen; sei es Schuhplatteln vor dem renommierten Bolschoi-Theater oder der Besuch eines russischen Bürgermeisters in einer Wirtschaft im oberbayerischen Schliersee.

Am Ende dieser Sonntagsbegegnung stellt ein Zuschauer die Frage, was Polt und Hohler ihrer Meinung nach verbinde. Humor sei eine Weltsprache, so Hohler, und auch immer ein Stück Trauerarbeit. "Ich betrachte Gerhard als Verwandten", sagt er und fügt, mit Blick auf Polt eilig hinzu: "Und zwar als lieben Verwandten."

© SZ vom 20.01.2020
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