Kultur im Landkreis:Ein Leben lebt sich auch ohne Beweis

Kultur im Landkreis: Der Physiker Hans-Peter Dürr war nicht nur eine Koryphäe, sondern auch ein streitlustiger Atomkraftkritiker und Friedensaktivist.

Der Physiker Hans-Peter Dürr war nicht nur eine Koryphäe, sondern auch ein streitlustiger Atomkraftkritiker und Friedensaktivist.

(Foto: absolut Medien/oh)

Eine Biografie voller Anstöße: Der Film "Vom Sinn des Ganzen" macht vertraut mit dem widerspruchserfüllten Denken des Physikers Hans-Peter Dürr. Regisseur Claus Biegert und Komponist Zoro Babel stellen das Werk im Meta Theater vor.

Von Ulrich Pfaffenberger, Moosach

"Es gibt keine Materie." Mit diesem Satz stellte sich der Physiker Hans-Peter Dürr in den Gegenwind seiner wissenschaftlichen Zunft. Der Widerspruch wehte dem Heisenberg-Schüler auf vielen Ebenen entgegen. Um ihn und seine Überzeugung zu entwurzeln, fehlte dem Sturm aber offenbar die letzte Kraft: der Beweis, dass es Materie wirklich gibt - und dass "wir" nicht vielmehr nur irgendetwas "Materie" nennen. Bekannt wurde Dürrs Beispiel von einem Wald, den der gemeinsame Kommunikations-Code wegen der Bäume als solchen bezeichnet. Den wir aber nicht mehr mit dieser Bezeichnung versehen, wenn die Bäume weg sind, obwohl noch alles andere vorhanden ist, was Wald ausmacht, vor allem die Beziehungen zwischen den Bäumen.

Klingt verwirrend, kompliziert, abgedreht? So, dass man sich am liebsten gleich wieder von dem Thema verabschieden und den einfacheren Dingen im Leben zuwenden möchte? Dann zeigt das Film-Konzert vom Samstagabend im Meta-Theater bereits Wirkung: Es sind Fragen und Zweifel, die Wissenschaft voranbringen, nicht vermeintliche Gewissheiten. Sich mit Ungewissheiten zu befassen, ist der Boden, auf dem die Philophysik gedeiht.

Die zentrale Frage ist: Was macht einer, der etwas weiß, mit diesem Wissen?

Einen ersten Hinweis darauf geben der Titel des Films "Vom Sinn des Ganzen - Das Netz des Physikers Hans-Peter Dürr" sowie dessen Entstehungsgeschichte. Eigentlich wollte der Journalist und Dokumentarfilmer Claus Biegert posthum eine Art Biografie aus bewegten Bildern für die Familie Dürrs zusammenstellen, der 2014 gestorben war. Während Biegert dafür recherchierte, begegnete ihm jedoch sehr viel weiteres, erzählenswertes Material, das sich am Ende auf gut zwei Stunden addierte - und zu einer Botschaft: Was macht einer, der etwas weiß, mit diesem Wissen? Was für Dürr indes genauso gilt wie für Biegert, dem man ganz im Sinne des porträtierten Physikers entgegenhalten möchte: "Es gibt keinen Film." Denn das ist nur die technische Plattform, auf der sich die Episoden eines Lebens den Nachgeborenen zeigen. Das "Bild", wie wir es nennen, entsteht im Kopf.

Kultur im Landkreis: Filmemacher Claus Biegert beim Gespräch im Meta Theater.

Filmemacher Claus Biegert beim Gespräch im Meta Theater.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Was letztlich den Reiz, die Spannung und die Kraft des Gezeigten ausmacht. Zwar werden die ordnende Hand des Regisseurs und seine Absicht erkennbar, seine Auswahl an Inhalten zu strukturieren und in einen Rahmen einzubinden. Er unterwirft sich dieser Aufgabe aber nicht zwanghaft, sondern gibt sich und seinem Opus den Spielraum, den das Dürr'sche "Trippel-Pendel" vor Auge führt, an dem sich nicht nur zwei Enden bewegen, sondern zusätzliche Enden, an denen wieder neue Enden mitschwingen, was ein Chaos immerwährender Impulse und kreativer Überraschungen erzeugt. "Instabilität ist das, was wir Leben nennen." Mike Förster hat daraus für den Film bewegende Animationen geschaffen, die kleine und große Gedankenräume miteinander verbinden. Ganz im Sinne Dürrs: "Es gibt keinen Big Bang. Es bangt die ganze Zeit." Wobei sich allein schon über diese fünf Buchstaben "bangt" ein ganzer Film drehen ließe, je nachdem, ob man sie auf Deutsch oder, wie der Physiker, auf Englisch ausspricht.

Die Tür in diese Weltsicht geebnet hatte zu Beginn des Abends der Komponist und Perkussionist Zoro Babel, der die Musik zum Film geschrieben hat. Aus einem schwankenden Spind heraus beginnt seine Performance mit Geräuschen und Rhythmen, die zur freien Assoziation einladen. "Spiel mir das Lied vom Tod" mit dem krächzenden Blech wäre eine, der Sound aus einem Radio-Teleskop, das ins All hinauslauscht, eine andere. Den Gang in eine nicht kartografierbare Klangwelt setzt Babel dann fort, indem er sich und sein mobiles Schlagwerk über einen Teppich bewegt, unter dem sich elektronische Sensoren befinden, deren Reaktionen in einen futuristischen Sound münden. Wobei der Musik Gelegenheit zum Wundern genauso entspringt wie zum Lachen.

Kultur im Landkreis: Musiker Zoro Babel führt mit einer Performance in die Welt des Films ein.

Musiker Zoro Babel führt mit einer Performance in die Welt des Films ein.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Sein Auftritt beweist sich daher im Nachhinein als Einstimmung auf das, was die gut zwei Stunden Gesamtkunstwerk im Wesen ausmacht: Dass sie sich genauso füllen, wie es im wirklichen Leben ist. Da begegnet man jemandem, gewinnt ein paar Eindrücke, verliert den Kontakt zeitweise, begegnet sich wieder mit neuen, anderen Eindrücken und so fort, bis sich aus vielen Mosaiksteinen ein Bild formt. Im Film wird dieser Vorgang sorgsam unterstützt von einer Landkarte, auf der Biegert im Dialog mit Witwe Sue Dürr mit Nadeln und roten Fäden markiert, wo sich diese Mosaiksteine finden. An den Knotenpunkten des so entstehenden Netzes teilen weitere Zeitzeugen vor der Kamera ihre Erfahrungen, Begegnungen und Analysen.

So wandelt sich beim Zuschauen und Zuhören der zunächst unbekannte Dürr zum offenbar klugen und erklärbereiten Zeitgenossen, dann zur wissenschaftlichen Koryphäe, zum anerkannten Forscher und Lehrer, zum liebenden, tanzfreudigen Ehemann, zu einer Persönlichkeit, die nicht aus Ideologie heraus, sondern aus Kompetenz ein streitlustiger Atomkraftkritiker und Friedensaktivist wird. Viele, zufällig erscheinende, aber fraglos miteinander verknüpfte Schichten, aus denen sich schließlich der Mensch herausschält, den das Publikum am Ende als "Hans-Peter Dürr" kennt. Aber wie beim "Wald" und der "Materie" kann auch dies nur der Begriff sein, auf den sich die Anwesenden verständigen. Wesentlich ist vielmehr das Gedachte und Unausgesprochene, das die Eindrücke auf jeden und jede im voll besetzten Theater ausmacht, und was es als Handlungsaufforderung hinterlässt: Was mache ich mit dem Wissen, das ich jetzt habe?

Der Abend bewegt sich in einem aufgeladenen Spannungsfeld und wird befeuert von überspringenden Funken: zwischen den individuellen Reaktionen auf einzelne Passagen, die bei den einen Heiterkeit, bei den anderen Staunen erzeugen. Zwischen den Botschaften, die an den einen vorbeigehen und bei den anderen einen Denkprozess anstoßen. Zwischen den Bildern, die wir sehen, und den Reizen, die sie auslösen. Quod erat demonstrandum: Es sind die Beziehungen zwischen den Dingen, ihre Vernetzungen, die erst das Ganze ausmachen.

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