EHC Klostersee Heidi Meisenbach und der süße Duft der Kabine

Auf sie können sich die Eishockeyspieler vom EHC Klostersee verlassen: Heidi Meisenbach sorgt dafür, dass es den Sportlern an nichts mangelt. Topscorer Bob Wren (rechts) wird in dieser Saison allerdings nicht mehr in diesen Genuss kommen. Er hat sich im Spiel gegen Riessersee den Unterarm gebrochen.

(Foto: Christian Endt)

Gegen die Umkleide des EHC-Klostersee ist ein Gorillakäfig der reinste Parfümladen. Über eine Ehrenamtliche, die dort trotzdem Eishockey-Trikots zusammenflickt - und Wunden.

Von Korbinian Eisenberger, Grafing

Der Eintritt durch den Stadion-Haupteingang ist verbunden mit einem unverwechselbaren Duft: Hinter dem roten Gitterzaun steigt einem aus der Kabine ein Geruch in die Nase, der durch seine Bissigkeit besticht: eine Note von sehr intensiv getragenen Socken, die über einem Heizkörper hängend ihre volle aromatische Entfaltung erreicht haben. Anders gesagt: Gegen den Eingangsbereich des Eishockeyklubs EHC Klostersee ist ein Gorillakäfig der reinste Parfümladen. Dennoch steht Heidi Meisenbach eher selten im Zoo, dafür jedes Wochenende mitten in der Kabine. Und sagt: "Ich rieche das schon lange nicht mehr."

Freitagnachmittag, die Stunden der Vorbereitung im Grafinger Eisstadion: die Stunden von Heidi Meisenbach. Die 35-Jährige ist die Frau im Hintergrund beim EHC Klostersee, nie in vorderster Front, aber stets dabei. Beim Training, auf Auswärtsfahrten, und vor heimischer Kulisse in Grafing. Meisenbach ist Küchenchefin, Schneiderin, Sekretärin und Sanitäterin. Sie füllt Formulare aus, schnippelt Gemüse und Obst, flickt zerrissene Trikots und Wunden. Seit knapp zehn Jahren ist sie da, wenn es auf dem Eis scheppert, oder wenn in der Kabine Duftmarken gesetzt werden.

Am Abend kommt ein schwerer Brocken nach Grafing. Tabellenführer SC Riessersee aus Garmisch ist zu Gast im Bayernligaduell, für den EHC geht es um wichtige Punkte im Kampf um die Aufstiegsplayoffs in Richtung dritte Liga. Ein wichtiges Spiel also, um dort hinzukommen, wo der EHC Klostersee jahrelang etabliert war. In den kommenden zwei Wochen steigen die entscheidenden Spiele.

Fotos an der Wand, deren Inhalt speziell für Herren-Kabinen bestimmt sind

Heute also der große Gegner Riessersee. Meisenbach ist wie immer schon drei Stunden vorher da, lange vor allen anderen. In der Kabine intensiviert sich die Sockennote, Meisenbach verzieht keine Miene. Sie hat einen Korb mit Trikots dabei, frisch gewaschen, auf Wunsch mancher Spieler hat sie Hemden geändert, einige Ärmel sind geflickt. Jeder Spieler bekommt sein Trikot mit Nummer und Name auf den Platz gelegt. Dann kommen die Stutzen, von denen es zwei Varianten gibt. "Der Persson hat immer Klettverschluss", sagt sie, er bekommt sie deswegen auf den Platz serviert. "Sonst wühlen sie mir alles durcheinander."

Zwei Stunden vor der Startsirene sind alle eingetroffen, die Spieler und Trainer Dominik Quinlan. An der Wand hängen Fotos, deren Inhalt speziell für Kabinen von Männersportmannschaften bestimmt sind, genau wie so mancher Spruch, der hier fällt. Meisenbach nimmt es stoisch hin. "Mir gegenüber benehmen sie sich", sagt sie. Und falls nicht, "dann gebe ich demjenigen schon Bescheid". Während die Spieler sich umziehen, schneidet sie nebenan in der Küche Karotten und Gurken klein. Die schwarzen Stellen entfernt sie mit der Messerspitze. Ja, sagt sie, "die Jungs sind schon ganz schön verwöhnt." Grafing, die Heimat der Eishockey-Gourmets?

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Wechsel in die Gästekabine, wo sich gerade die Spieler des SC Riessersee auf den Umkleidebänken niedergelassen haben. Riessersee hat eine große Vergangenheit, unter anderem zehn Deutsche Meisterschaften, und ist so etwas wie der Luxusverein der Liga. Ein Klub der nahezu unter Profibedingungen arbeitet und vormittags trainiert, wenn die Grafinger in der Arbeit sind. Ihr Spielerbetreuer heißt Sigi Hempel, in der Kabine nennen sie ihn den "besten Schlittschuhschliefer der Liga". Auch der 41-Jährige wäscht die Trikots, "vier bis acht Maschinen nach jedem Training und Spiel", sagt er. Er stellt eine Plastikbox mit Energieriegeln, Drinks und Bananen auf die Massagebank. Das hat bei uns alles Zweitliganiveau", sagt er. Aber eben nicht ganz das EHC-Niveau.

Zurück in der Grafinger Kabine: Heidi Meisenbach erzählt von ihrem Plan fürs Wochenende. "Morgen hole ich den Braten für Sonntag vom Metzger", erklärt sie. Fünf Kilo hat sie für die Auswärtsfahrt nach Bad Kissingen vorbestellt. Sechs Kilo sind zu viel, sagt sie, ein Erfahrungswert. Für die Fahrt nach Unterfranken bereitet sie dann 50 Bratensemmeln vor, "manche mögen die Scheiben dünner geschnitten, andere dicker", sagt sie. Fleisch isst im Team jeder, lediglich bei Stürmer Matthias Baumhackl müsse man Obacht geben. "Der mag nämlich keinen Käse", sagt sie. Nudeln oder Reis, so wie bei Riessersee, wenn Auswärtsfahrten anstehen? "Das wäre unseren Jungs auf Dauer zu langweilig."

An diesem Abend kommt es zu einem folgenschweren Unfall

Es geht jetzt hinaus aus der Kabine, eine Runde durchs Stadion vorbei an der Zeitnahme, wo Heidi Meisenbach sechs Jahre lang "die Uhr gemacht" hat, also einen Kasten bediente, damit Zuschauer und Spieler informiert sind. Sechs Jahre hat sie anschließend Nachwuchsteams des EHC betreut, ehe vor knapp drei Jahren der Wechsel von der U 23 zur ersten Mannschaft anstand, zusammen mit Trainer Quinlan. Meisenbach arbeitet als Sachbearbeiterin bei den Münchner Stadtwerken, beim EHC Klostersee ist sie die Alleskönnerin. Bei Auswärtsspielen flickt sie Platzwunden, "das habe ich mittlerweile ganz gut drauf", sagt sie. Bei Heimspielen kommt hingegen Mannschaftsarzt Engelbert Reminger zum Einsatz - leider auch an diesem Freitagabend.

Was wäre der EHC ohne sie? Heidi Meisenbach.

(Foto: Christian Endt)

Im Grafinger Eisstadion läuft das erste Drittel, Klostersee dominiert das Spiel, da passiert es: EHC-Topscorer Bob Wren bricht sich nach einem gegnerischen Stockschlag den linken Unterarm und muss vom Eis, Grafing verliert das Spiel 0:4. Drei Tage später wird Meisenbach im Büro sitzen und eine Unfallmeldung an die Berufsgenossenschaft ausfüllen: Für Bob Wren ist die Saison gelaufen, er musste am vergangen Dienstag in Ebersberg operiert werden. Auch hier kommen auf Meisenbach Aufgaben zu: Versicherungs-Kosten abklären. Oder eben neue Verträge vorbereiten, Spielpläne und Busfahrten organisieren. Und Bratensemmeln.

Warum diese Hingabe? Ehrenamtlich, ohne Honorar, zumindest nicht finanzieller Art. Meisenbach führt hinauf in die beheizte VIP-Loge, da wo sonst der Vorstand und die Ehrengäste sitzen, aber nie sie selbst. Sie zeigt durchs Fenster nach unten auf die EHC-Wechselbank. Ganz außen rechts am Rand, sagt sie, da stehe sie, immer wenn die Sirene ertönt und die Mannschaften aufs Eis gehen. Vor 18 Jahren kam sie zum ersten Mal in dieses Stadion, "seither bin ich Klostersee-Fan", sagt sie. Ihr Job, wenn es auf dem Eis um Tore geht, und sie auf ihrem Platz am Rand steht? Ein Lächeln, ein Satz: "Dann darf ich einfach nur Eishockey schauen."

Das letzte Heimspiel des EHC Klostersee im Kampf um die Playoffs um den Aufstieg in die dritte Liga findet am Freitag, 8. März, um 20 Uhr in Grafing statt. Die Entscheidung fällt am Sonntag, 10. März, um 18 Uhr im Nachbarderby bei den Erding Gladiators.

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