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Bildung im Landkreis Ebersberg:Bedrohliche Zeiten

Die Musik- und Volkshochschulen im Landkreis Ebersberg sind schwer getroffen. Sie kämpfen mit erheblichen Defiziten und fehlenden Perspektiven, hoffen auf Spenden. Onlineangebote sind besser als nichts, aber kein Ersatz

Was haben Volkshochschulen und Musikschulen mit Bordellen und Spielotheken gemein? Dass sie laut einer Notbekanntmachung der bayerischen Staatsregierung vom 16. April zu jenen Einrichtungen zählen, "die nicht notwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens, sondern der Freizeitgestaltung dienen" - und deren Betrieb daher momentan untersagt ist. Eine Sichtweise, die Helmut Ertel die Zornesröte ins Gesicht treibt. "Bei uns geht es doch nicht um Freizeit, sondern um Bildung, außerdem haben wir eine wichtige gesellschaftliche Funktion", echauffiert sich der Chef der Vaterstettener VHS. Doch es hilft nichts. Bereits seit Mitte März befinden sich die Volkshochschulen und Musikschulen im absoluten "Krisenmodus", auch jene im Landkreis. Präsenzunterricht, ihr Kerngeschäft, ist seit fünf Wochen nicht möglich. Die Einrichtungen sind also im Innersten getroffen und herausgefordert.

Wo es irgend geht, weicht man freilich ins Internet aus, als vollwertige Alternative zum gemeinsamen Lernen vor Ort mag die virtuellen Angebote aber keiner der Verantwortlichen bezeichnen. Egal, ob Gymnastik, Kochkurs, Vortrag oder Instrumentalunterricht: Livestreams, Webinare oder Videoschalten können reale Begegnungen nicht ersetzen. Außerdem gehen viele knifflige finanzielle Fragen mit der Situation einher: Für welche virtuelle Leistung kann man Geld verlangen? Wie viel Rabatt muss man in diesen Corona-Zeiten geben? Wie soll man um Himmels Willen den Ruin der Schule verhindern?

VHS Musikschule Online Kurs - Kölmel

Bernd Kölmel führt in die Welt des Trommelns ein.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Andererseits findet auch bei den Musik- und Volkshochschulen derzeit ein großer Wandel statt, so manche Lehrenden rüsten auf, lernen dazu, erfinden ihr Angebot neu. Da werden Online-Chöre gegründet, Lesungen gestreamt, Mal-Sessions per Videochat eingerichtet. Und das Publikum nimmt diese Angebote freudiger an als erwartet, das jedenfalls berichten die Verantwortlichen. Selbst Menschen, denen es bislang an digitaler Kompetenz fehlte, Senioren etwa, trauten sich nun am Bildschirm auf neues Terrain - "das ist für alle sehr aufregend", sagt Martina Eglauer, Leiterin der VHS in Ebersberg. Und auch hier tritt der Charakter dieser Einrichtungen zutage: Als Bildungsstätten, die offen sein wollen für alle, leisten sie beim Erwerb digitaler Kompetenzen Unterstützung - mehr denn je. Insofern weist die Krise hier in die Zukunft.

Zwei Volkshochschulen und zwei Musikschulen gibt es im Landkreis, Hauptsitz sind jeweils Vaterstetten und Ebersberg. Der größte Unterschied liegt wohl in der Organisationsform: Die Einrichtungen im Osten bilden einen kommunalen Zweckverband, die beiden im Westen sind Vereine. Das bedeutet unter anderem, dass die Unterstützung durch die beteiligten Gemeinden unterschiedlich verbindlich ist. "Wir agieren im Grunde selbst wie eine Stadt, das gibt ganz andere Sicherheiten", erklärt Peter Pfaff, Leiter der Ebersberger Musikschule. Dementsprechend unterschiedlich gehen die Einrichtungen auch mit der Corona-Krise um, die für sie vor allem zweierlei bedeutet: große Defizite und große Unsicherheit. Denn wann und unter welchen Bedingungen es wieder weiter gehen kann, ist derzeit mehr als ungewiss. Trotzdem arbeiten alle Einrichtungen bereits an speziellen Schutz- und Hygienekonzepten, um für den Fall einer schrittweisen Öffnung gerüstet zu sein.

Die Volkshochschulen

Die beiden Volkshochschulen haben jeweils nur wenige Festangestellte, für die bereits Kurzarbeit beantragt wurde. Die Kursleiter hingegen arbeiten auf eigene Rechnung. Klar gibt es darunter solche, die nicht wirtschaftlich abhängig sind von ihrer Dozententätigkeit, aber auch zahlreiche, wo das durchaus der Fall ist. "Das bedeutet, dass wir da viele prekäre Situationen haben", sagt Martina Eglauer, Chefin der VHS Ebersberg. Gerne würden sie und ihr Vaterstettener Kollege Helmut Ertel in diese Bresche springen - allein, ihnen sind die Hände gebunden. "Wir dürfen laut Satzung nur solche Leistungen bezahlen, die auch tatsächlich erbracht worden sind", erklärt Eglauer. Sprich: Fällt der Kurs aus, gibt es kein Geld.

VHS Online Kurse - Yoga

Elke Lorenz macht Yogaübungen vor.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Denkbar wäre auch eine Unterstützung durch solidarische Kursteilnehmer, doch das ist offenbar nicht so einfach zu bewerkstelligen: "Uns haben viele geschrieben, dass sie auf Rückzahlungen verzichten und das Geld gerne für ihre jeweiligen Dozenten spenden wollen", berichtet Ertel. "Wir hatten das alles schon vorbereitet, sind nun aber von unserem Verband belehrt worden, dass dies so nicht möglich ist." Denn so ein Modell wäre eine zweckgebundene Schenkung, und dazu sei man aus steuerrechtlichen Gründen nicht befugt. Auch Eglauer sagt, ihre VHS würde gerne einen Fördertopf für Dozenten eröffnen, Spenden anzunehmen, etwa in Form von Rabattverzicht, sei auch grundsätzlich immer möglich. "Aber das Weiterverteilen an die Betroffenen, das ist das Problem."

Insofern bleibt Eglauer und Ertel nur die Hoffnung auf Unterstützung von außen, beide sind der Meinung, dass im Falle der freiberuflichen Kursleiter die Politik, sprich der Freistaat als Verantwortlicher gefragt sei. "Dieses Problem sollte unbedingt berücksichtigt werden", sagt Eglauer, und Ertel berichtet, dass dazu bereits Petitionen im Umlauf seien. "Auch unser Verband insistiert hier dauerhaft und vehement."

Doch nicht nur die Lehrenden, auch die Volkshochschulen selbst stehen vor großen finanziellen Problemen. In Vaterstetten hat man bereits beschlossen, einen klaren Schnitt zu ziehen: Alle Gebühren für die ausgefallenen Kurse bis zum Semesterende im Juli werden derzeit ausbezahlt. Das sind laut Ertel rund 200 000 Euro. Sollte wider Erwarten schon früher wieder Betrieb möglich sein, unter Auflagen etwa, dann werde man neu berechnen. Kurse, die nun online laufen, das sind laut Ertel mehr als 50, werden separat mit den Teilnehmern abgerechnet. Alles andere sei zu kompliziert. "Unsere Buchhaltung ist zwar leistungsfähig, aber irgendwann ist Schluss", sagt der VHS-Chef.

VHS Musikschule Online Kurs - Kölmel

Simon Dichtl kümmert sich beim Livestram um die Technik.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ähnlich sieht das auch seine Ebersberger Kollegin - trotzdem hat sie einen anderen Weg eingeschlagen, den des Abwartens nämlich. Man wolle erst dann Bilanz ziehen, sprich alle ausgefallenen Termine erstatten und gegebenenfalls mit dem Onlineersatz verrechnen, so Eglauer, wenn einigermaßen klar sei, wie es weitergehe. "Jeden einzelnen Kurs fünf Mal anzufassen, das geht organisatorisch einfach nicht." Deswegen könne sie die Teilnehmer momentan nur um Geduld und Verständnis bitten.

Beide VHS-Leiter sind angesichts der finanziellen Verluste sehr besorgt, aber noch nicht panisch. "Wir haben dank der Kommunen solide Finanzen", sagt Ertel, mehr als 80 Prozent der Miet- und Personalkosten seien durch die Beiträge der Gemeinden gedeckt. Allerdings verfüge die Vaterstettener Schule als vergleichsweise neu gegründeter Verein über praktisch keine Rücklagen, lange durchhalten könnte man im Shutdown also nicht. Eglauer hingegen gibt an, dass die Ebersberger VHS zu 60 Prozent eigenfinanziert sei. "Deswegen hoffen wir schon auf Unterstützung." Beide VHS-Leiter arbeiten momentan in erster Linie daran, ihre Schulen "zu sichern" - weswegen es ihr größter Wunsch ist, von der Regierung bald wieder eine Perspektive zu bekommen. Denn nicht nur die übliche Planung des nächsten Semesterprogramms steht an, sondern auch die Vorbereitung auf einen möglichen Betrieb unter Auflagen. Das Problem: Viele der VHS-Teilnehmer gehören zur Risikogruppe der Senioren. Wird es also genügen, weniger Menschen in größeren Räumen unterzubringen und überall Desinfektionsmittel zur Verfügung zu stellen? Für die Volkshochschulen hängt sehr viel von diesen Entscheidungen ab. "Wenn es im Herbst nicht wieder losgehen kann, dann wird es uns nicht mehr geben", sagt Ertel. "Dann fehlt uns doch irgendwann die Existenzberechtigung."

Die Musikschulen

Die Lehrerinnen und Lehrer der Musikschulen sind im Gegensatz zu den VHS-Kursleitern zwar fest angestellt, trotzdem gebe es unter ihnen "viele Sorgen und Ängste", sagt Bernd Kölmel, Chef der Musikschule in Vaterstetten. Hier wurde mit dem Betriebsrat eine Vereinbarung zur Kurzarbeit getroffen, über die allerdings nicht alle gerade glücklich sind. Konkret geht es um die Beurteilung von Onlineunterricht - die laut Kölmel im Kollegium sehr heterogen ausfällt. Doch diejenigen, die darin einen veritablen Ausgleich sehen, haben sich durchgesetzt. Das virtuelle Angebot wird ganz konkret honoriert. Sprich: Unterrichtet ein Lehrer einen Schüler online und kann eine Einverständniserklärung von den Eltern vorweisen, dass diese den Ersatz akzeptieren, so wird dieser Unterricht auf die Arbeitsleistung des Lehrers angerechnet. So können sich die Angestellten von der Kurzarbeit von 85 Prozent bis auf Vollzeit hochschrauben. Außerdem werden dadurch die Ausfälle der Musikschule verringert, weil die Eltern ja auf eine Rückerstattung ihrer Gebühren verzichten.

VHS Musikschule Online Kurs

Uwe Baumer unterrichtet seine Trompetenschülerin via Bildschirm.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Mit dem Modell einhergehen jedoch zwei Probleme: ein vielfach erhöhter Verwaltungsaufwand sowie eine gewisse Ungerechtigkeit innerhalb des Kollegiums. Schließlich ist nicht jeder Lehrer dazu in der Lage, seinen Unterricht ins Internet zu verlegen. In der musikalischen Früherziehung etwa ist das per se nicht möglich, aber auch alle Ensembleformate scheiden aus. Kölmel sieht das mit großer Sorge: "Eigentlich sollte in so einer Situation das Solidarprinzip gelten", sagt er, "aber jetzt müssen wir uns mit dieser Vereinbarung irgendwie arrangieren." Hinzu kommt, dass der Chef und viele seiner Kollegen Musikunterricht via Bildschirm eben nicht als vollwertigen Ersatz ansehen.

Diese Sichtweise pflegt man auch an der Musikschule in Ebersberg - und zwar konsequent. Auch hier bemühen sich viele Lehrer, virtuell Kontakt zu ihren Schülern zu halten, doch auf deren Gehalt oder die Gebühren für die Familien hat das keinerlei Auswirkungen. "Das sind Dinge, die eher atmosphärisch wirken, es geht darum, sich zu kümmern", sagt Wolfgang Ostermeier von der Schulleitung. "Mit dem, was wir eigentlich sind und bieten, hat Onlineunterricht aber nicht viel zu tun."

Alleine schon deshalb, weil das gemeinsame Musizieren wegfalle.

In Ebersberg hat man sich daher für eine automatische Rabattierung entsprechend der ausgefallenen Stunden entschieden. Allerdings soll es die Möglichkeit des Rabattverzichts geben, eine Art Solidarbeitrag, um das Engagement der Musikschule zu würdigen. "Darauf hoffen und bauen wir", sagt Ostermeier. Ansonsten wurde Kurzarbeit angemeldet, die für alle Angestellten bei 95 Prozent liegen soll - Onlineunterricht hin oder her.

Ein Monat Gebührenausfall bedeutet für die Ebersberger ein Defizit von 80 000 Euro. Trotzdem klingt Leiter Peter Pfaff vergleichsweise entspannt - dank der Förderung durch die Kommunen und ausreichender Rücklagen. Die Gebühren der Eltern machten generell weniger als die Hälfte der Einnahmen aus, erklärt er, und durch eine gute Mischung diverser Formate stehe die Musikschule ohnehin finanziell gut da. In Vaterstetten sieht es da schon ein bisschen anders aus: Das Polster des jungen Vereins ist nicht sonderlich dick, der Haushalt laut Kölmel ohnehin "immer auf Kante genäht", das Defizit aber ebenfalls deutlich: 30 000 Euro pro Monat fehlen allein im Bereich der Grundausbildung, die nicht online abgefedert werden kann. "Es gibt keine staatlichen Hilfen, die Kommunen ducken sich weg, weil ihnen Steuereinnahmen fehlen, der Kreis ebenso", sagt Leiter Kölmel. Mehr als die üblichen Zuschüsse seien nicht zu erwarten. "Wir müssen also versuchen, selbst irgendwie über die Runden zu kommen."

Auch in Vaterstetten soll ein Rabattverzicht freilich möglich sein - doch wie viele Familien davon Gebrauch machen werden, steht in den Sternen. Trotzdem gibt der Chef die Hoffnung nicht auf: "Irgendwann wird es Lockerungen geben - dann wollen wir parat stehen und die Vorgaben erfüllen." Sein Kollege Pfaff nutzt das Bild der Arche Noah als Symbol für die Isolation. Die "Taube mit dem Olivenzweig", sie werde für jeden kommen. "Aber wohl nicht mit einem einzigen hellen Sonnenstrahl, sondern Tag für Tag und Blatt für Blatt. Alles muss wieder wachsen, und das braucht: Zeit, Geduld, Disziplin, Hoffnung und gute Energiequellen." Mit Bordellen oder Spielotheken hat diese Geschichte hier also recht wenig zu tun.

© SZ vom 30.04.2020

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