Steinhöringer Konzeptkünstler:Alle Register der Gegenwart

42 - Revolutions-Requiem-Zyklus Orgel Peter Kees

Peter Kees lotet die Grenzen der Orgel in Sankt Sebastian aus - unter den wohlwollenden Augen von Kirchenmusiker Markus Lugmayr.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Peter Kees startet einen 42-teiligen "Revolutions-Requiem-Zyklus" an Orgeln in der Region und darüber hinaus.

Von Anja Blum, Ebersberg

Peter Kees spielt Orgel. Nein, besser, er bearbeitet sie. Mit Händen und Füßen, klar, aber sogar den ganzen Unterarm legt er zwischendrin auf eins der Manuale. Der Steinhöringer Künstler zieht, im wahresten Sinne des Wortes, alle Register, lotet die Grenzen des Instruments mit Wonne aus. Wie ein wirrer Professor in Ekstase folgt Kees dabei einem inneren Plan, den lediglich er selbst kennt. Der Zuhörer kann sich nur überraschen lassen, es gibt hier nichts wiederzuerkennen, denn Kees improvisiert. Die ganze Ebersberger Kirche ist erfüllt von orchestralem Klang, die Königin der Instrumente macht ihrem Namen alle Ehre. Mal brutal, mal himmlisch, mal fett im Staccato, mal sphärisch im Legato. Sogar den Aus-Schalter integriert Kees in sein Spiel: Während den acht Blasebälgen langsam die Luft ausgeht, schwebt der Klang ins Universum.

Ob einem eine solche expressive Art des Musizierens gefällt, sei dahingestellt. Auch Kees selbst rechnet damit, dass er mit seinem Spiel nicht nur Anklang findet. Aber fest steht: So hört man Orgel selten. Es ist ein Erlebnis. So sieht das auch Markus Lugmayr. Der Kantor von Sankt Sebastian steht neben Kees auf der Empore, lächelt und beweist große Offenheit: "Es ist toll, wie Herr Kees spielt, denn da kommen alle Aspekte dieser Orgel zur Geltung", sagt er. Vom hellen Glockenspiel bis zum tiefen Bordun. Außerdem, so der Kirchenmusiker, sei das freie Spiel mit dem Wesen dieses Instruments untrennbar verbunden: "Jeder, der einen Gottesdienst begleitet, muss improvisieren, um die Musik dem liturgischen Geschehen anpassen zu können." Konzeptkünstler Kees wiederum gibt sich bescheiden: "Ich bin kein Organist", sagt er, "Herr Lugmayr kann das viel besser als ich". Insofern wolle er seine Improvisationen auch nicht als Konzerte im klassischen Sinn, sondern eher als Bildende Kunst, als Performances verstanden wissen. "Das sind die Gegenwart kommentierende Reflexionen."

Denn das ist es, worum es dem Steinhöringer, seines Zeichens arkadischer Botschafter, geht: "Der Zustand unserer Gesellschaft fühlt sich nicht gut an", sagt er, fragile Systeme prägten die Gegenwart. Deswegen stelle sich für ihn mehr denn je "die Frage nach dem Sinn oder Unsinn des Lebens" - die man jedoch nie generell, sondern nur für sich persönlich beantworten könne. Doch die innere Emigration sei seine Sache nicht.

"42 oder die Weltformel" nennt Kees deswegen seine neue Intervention an der Orgel, in Anspielung auf den Physiker Werner Heisenberg und den Autor Douglas Adams. Ersterer nämlich war der Meinung, 1958 eine "Einheitliche Theorie der Elementarteilchen" entwickelt zu haben, die sich jedoch schnell als Blase entpuppt habe, so Kees. Und Adams schrieb die Romanreihe "Per Anhalter durch die Galaxis", in der ein Supercomputer nach einigen Millionen Jahren Rechenzeit als Antwort auf die Frage "nach dem Leben, dem Universum und dem ganzen Rest" eine einfache Zahl ausspuckt: die 42 nämlich.

Kees hat also nun einen "Revolutions-Requiem-Zyklus" ersonnen: 42 improvisierte Orgelperformances an 42 verschiedenen Kirchenorgeln. So ergebe sich ein 42-sätziges Werk, dessen Atmosphären, Rhythmen und Klangfarben das aktuelle Zeitgeschehen widerspiegelten und kommentierten. Kees will also die Kunst als universelle Metasprache nutzen. Premiere ist am kommenden Sonntag, 26. September, in Sankt Sebastian in Ebersberg. Los geht's um 17 Uhr mit einer Orgeleinführung durch Lugmayr, um etwa 17.30 Uhr wird Kees improvisieren. Im Anschluss können Interessierte noch das Gehäuse des Instruments besichtigen und um 19 Uhr den offiziellen Kirchenmusiker bei der Begleitung des Gottesdienstes beobachten.

Etwa ein Jahr lang werde es wohl schon dauern, 42 Konzerte zu geben, sagt Kees, doch er freue sich auf dieses Projekt "wie ein kleines Kind". Schließlich sei er als geborener Bayreuther quasi auf dem Grünen Hügel der Festspiele sozialisiert worden, habe Geige, Bratsche und Klavier gelernt und später immer gerne, sozusagen heimlich, in Kirchen auf dem Land an der Orgel improvisiert. Dies nun endlich einmal vor Publikum zu tun, sei total aufregend. "Ich habe schon richtig Lampenfieber", gesteht der 55-Jährige.

Optimistisch gestimmt habe ihn aber eine Begegnung in Oberndorf, der zweiten Station im Zyklus. Dort, in Sankt Georg, habe er auch schon geübt, erzählt Kees, mit einer Mesnerin als einzigem Zeugen. Danach habe er die Dame angesprochen, um eine Reaktion auf sein Spiel zu bekommen - und eine sehr schöne Antwort erhalten: "Sie hat gesagt: Man müsse immer die Neugier behalten im Leben." Dem sei nichts hinzuzufügen.

"42 oder die Weltformel - ein Revolutions-Requiem-Zyklus" in 42 Performances an der Orgel von Peter Kees, am Sonntag, 26. September, um 17 Uhr in der Pfarrkirche Ebersberg. Die nächsten Termine sind dann am Mittwoch, 29. September, um 19 Uhr in Sankt Georg in Oberndorf, am Freitag, 1. Oktober, um 19 Uhr in Sankt Gilgen am Wolfgangsee (Österreich), am 7. Oktober, um 19 Uhr, in Sankt Christoph in Steinhöring, am 9. Oktober, 19 Uhr, in Sankt Gallus, ebenfalls Steinhöring, am 17. Oktober, um 19 Uhr, in der Pfarrkirche Vaterstetten, am 21. Oktober, um 19 Uhr, in Sankt Nikolaus in Albaching, am 12. November, 19.30 Uhr in der Apostelkirche in Miesbach und am 21. November, schon um 15 Uhr, im Orgelzentrum Valley. Weitere Infos und Termine unter http://www.peterkees.de/42.html.

© SZ vom 23.09.2021
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