Unglück:Erste Hilfe für die Seele

Ein 19-Jähriger stirbt im Ebersberger Klostersee. Unter den 50 Einsatzkräften ist auch das Kriseninterventionsteam des BRK. Wie es in solchen Fällen Unterstützung leistet.

Von Johannes Korsche, Ebersberg

Während in der Nacht auf Samstag etwa 50 Rettungskräfte versuchen, den 19-Jährigen aus dem Klostersee zu retten, läuft noch ein ganz anderer Rettungseinsatz. Das Kriseninterventionsteam des Bayerischen Roten Kreuzes und Kräfte der Freiwilligen Feuerwehr Ebersberg betreuen die betroffenen Anwesenden, darunter wohl auch die Freundin und Eltern des Verunglückten, so berichten es die Wasserwacht und die Freiwillige Feuerwehr. Aber: Wie kann man helfen, wenn der Schock alles überstrahlt - und wie gehen die Rettungskräfte selbst mit so einem Erlebnis um?

Die Einsatzkräfte der Wasserwacht aus Ebersberg, Wasserburg und Erding, der Feuerwehr, des Notarztes und der Polizei fanden den jungen Mann nach zwei Stunden Suche nur noch leblos. Versuche, ihn wiederzubeleben, blieben erfolglos. Auch ein Rettungshubschrauber war über dem See gekreist. Am Montag geht man nach wie vor davon aus, dass "der 19-Jährige alleinbeteiligt ins Wasser" stürzte, so das Polizeipräsidium Oberbayern Nord. Die Ermittlungen der Kriminalpolizei Erding, wie es zu dem tragischen Unfall kam, laufen noch. Am Dienstag soll die Obduktion des Leichnams stattfinden.

Christoph Münch, Kommandant bei der Freiwilligen Feuerwehr Ebersberg, war einer der ersten Einsatzkräfte am Klostersee. Wenige Minuten zuvor, gegen 22.50 Uhr, war der Sicherheitsdienst des Klostersees auf eine Feier aufmerksam geworden und wollte diese sodann auflösen. Kurz darauf stürzte der 19-Jährige ins Wasser. Ob gefallen oder gesprungen, das sei am Abend aus den Berichten der höchstens zehn Anwesenden am See nicht klar gewesen, so Münch. Ihnen sei gesagt worden, dass der junge Mann noch ein paar Meter vom Steg aus geschwommen und dann nicht mehr zu sehen gewesen sei. Jemand aus der Gruppe habe wohl noch versucht, dem 19-Jährigen nachzuschwimmen, erfolglos.

"Als wir ankamen, hat man nichts mehr gesehen, auch keine Luftblasen", sagt Münch. Die Feuerwehr habe ein Boot der Wasserwacht in Betrieb genommen und "sofort begonnen auszuleuchten", vor allem die Uferbereiche und die beschriebene Stelle des Untergangs. Doch der See ist stockdunkel. Die Wasserwacht suchte schließlich mit Sonargeräten, einer Art Unterwasserradar. Erst gegen ein Uhr nachts ertastete ein Taucher den Körper.

Während ein Teil der 22 Feuerwehrkräfte den Vermissten suchte, kümmerten sich die anderen um die anwesenden Betroffenen. "Das ist sehr schwierig", sagt Münch. Den Menschen in so einer Situation einfach auf die Schulter zu klopfen und ein "Das wird schon wieder" zu sagen, "das ist nicht das richtige Mittel". Das Wichtigste: "Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen." Die Gruppe der Anwesenden habe man vom Ufer zur nahegelegenen Gaststätte an der Hauptstraße gebracht. Damit einerseits die Einsatzkräfte ungestört suchen können, und die Anwesenden vor der Sicht auf den Einsatz geschützt seien.

"Die Zeit, bis die Person gefunden wird, ist die Hölle", sagt Robert Hofmann von der Ebersberger Wasserwacht. Er leitete den Einsatz in der Nacht auf Samstag. Schon währenddessen beginne die Arbeit des Kriseninterventionsteams, eine zweijährige Ausbildung bereitet die Ehrenamtlichen auf diese Arbeit vor. Dabei lernen die Helferinnen und Helfer, wie sie mit den Reaktionen, die ein solch traumatisierendes Erlebnis auslösen kann, am besten umgehen. "Manche sind offener, manche verschlossener, andere sind gefasst, wieder andere verzweifelt", so Hofmann. Auch am Klostersee waren zwei ausgebildete Mitarbeiter des Kriseninterventionsteams im Einsatz. Gemeinsam mit Kollegen der Feuerwehr habe man unter den Betroffenen Gruppen gebildet, je nach emotionalem Zustand der zu diesem Zeitpunkt 15 bis 20 Personen. "Man agiert so, wie es der Betroffene zulässt." Will die Personen reden, gibt es Fragen zum Stand des Einsatzes? Warum kreist über dem See ein Helikopter?

Die Begleitung der oftmals Traumatisierten durch das Kriseninterventionsteam kann bis zu sechs Wochen dauern, sagt Hofmann. "Das sind die, die mit den Betroffenen am längsten Kontakt hatten." Es gebe für die weitere Verarbeitung speziell entwickelte "Checklisten", die Angehörige und Freunde in den kommenden Tagen und Wochen ausfüllen.

Auch für Rettungskräfte sind solche Einsätze sehr belastend. Nachbesprechungen der Einsätze dienen nicht nur der professionellen Aufarbeitung des Einsatzablaufs, auch der psychologische Aspekt sei im Nachgang wichtig, betonen Hofmann und Münch. "Stille wäre das Schlimmste", sagt Münch zu der Art, wie die Rettungskräfte mit solchen Einsätzen umgehen. Zum Glück passiere ein solcher Unfall am Klostersee nur in größeren Abständen. Der bis Freitag letzte Todesfall im Klostersee liegt fünf Jahre zurück.

© SZ vom 27.07.2021
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB